Über Patricia Duncker: „Die Germanistin“

Es handelt sich um einen Roman für Promovierende, für Bibliophile, für Liebhaber der französischen Sprache und für Liebende. Zumindest wenn man beim Lesen darauf hofft, sich in dem Gelesenen wiederzufinden. Soll heißen: Auch jeder andere kann diesen 199 Seiten umfassenden Roman für gut und beachtenswert befinden.

In der Rahmenhandlung geht es um die Germanistin. Eine weitere namentliche Zuordnung erfolgt nicht. Die selbstbewusste, charakterstarke Germanistin promoviert in Cambridge über Schiller und wird aus der Sicht des Ich-Erzählers beschrieben, der sich von ihr angezogen fühlt. Er befindet sich in Cambridge, um seine Doktorarbeit über Paul Michel zu schreiben. Um Paul Michel, einen französischen Schriftsteller, und um die Begegnung des Ich-Erzählers mit ihm, geht es in der Kernhandlung des Romans.  

Beginnend in Cambridge führt uns die Autorin erst nach Paris, wo sich der Erzähler auf die Suche nach Paul Michel begibt, später nach Clermont und am Ende befindet sich der Leser gewissermaßen gemeinsam mit dem Erzähler und Paul Michel im französischen Midi bei Nizza, wo es zu einem tragischen Ende kommt.
Paul Michel ist derjenige der drei Protagonisten, der einen Namen hat und um den sich eigentlich alles dreht. Der homosexuelle Schriftsteller lebt in Frankreich seit Jahren in einer psychiatrischen Einrichtung. Seitdem die Germanistin dem Ich-Erzähler die Bedeutung der Beziehung bewusst gemacht hat, die ein Promovierender zu der Person, über die er schreibt haben sollte, macht er sich auf die Suche nach Paul Michel und beschließt später, ihn zu befreien.

„Wenn du jemanden liebst – dann weißt du, wo er ist und was mit ihm geschehen ist. Und du rettest ihn wenn du kannst, auch wenn du dich selbst aufs Spiel setzt. Ich verspreche dir: Wenn du in Not gerätst, komm ich und rette dich.“

Diese Worte der Germanistin tauchen zweimal in dem Roman auf und bilden eine Schlüsselstelle. Zugleich verdeutlichen sie die immer mitschwingende Substanz des Romans: die absolute Hingabe in der Liebe zu einem Menschen. Sie bringt die Geschichte dieses Buchs zum Leuchten, neben allen anderen behandelten Themen. Ob es Paul Michel wirklich gab oder ob er eine erdachte Figur zu Michel Foucault ist, der auch seine Rolle hat, ist dabei weniger wichtig. Patricia Duncker nimmt den Leser mit auf die Reise an verschiedene Orte im Äußeren, zu psychischen Ausnahmezuständen im Inneren und beschreibt die Personen und Situationen so eingehend, dass sie einen noch lange begleiten.

Patricia Duncker: „Die Germanistin“. Erschienen bei dtv, 2007

Rezension erstmalig veröffentlicht auf:
http://zeilenspringer.wordpress.com/2012/02/13/gastrezension-patricia-duncker-die-germanistin/

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2 Gedanken zu “Über Patricia Duncker: „Die Germanistin“

    1. Ja, wie wahr. Ich bin nach wie vor sehr froh, dass mich das Buch in der Buchhandlung so angesprochen hat, obwohl ich noch nichts darüber gelesen hatte und auch die Autorin nicht kannte! Bei mir wird dieses schmale Buch auch zu denen gehören, die nicht so schnell aussortiert werden 🙂

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