Jonathan Franzen „Freiheit“, Roman (2010)

Der Inhalt in Kürze:

„Freiheit“ ist Jonathan Franzens großer Wurf nach „Die Korrekturen“ – In diesem großen Familienroman entwirft Franzen ein Psychogramm der amerikanischen Gesellschaft um die Jahrhundertwende von 20. zum 21. Jh.

Jonathan Franzen erzählt die Geschichte einer modernen amerikanischen Familie und führt dem Leser auf sehr sensible und kluge Weise den Befund der modernen westlichen Gesellschaft vor Augen. „Freiheit“ ist gesellschaftskritisch, aber kein politischer Roman. 

Die Geschichte dreht sich um den Zustand der Ehe von Patty und Walther Berglund, deren schwieriges Verhältnis zueinander und zu deren Kindern Jessica und Joey. Die Handlung bewegt sich von den 50er und 60er Jahren, als die Berglunds sich kennenlernten, bis in die 2000er Jahre und entfaltet sich vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, die der 11. September 2001 ausgelöst und eingeleitet hat. Die Berglunds sind eine eher linksliberal eingestellte scheinbar zufriedene amerikanische Familie, die sich ihr privates Glück durch harte Arbeit und den Willen zur selbstbestimmten Verwirklichung ihrer persönlichen Träume erkämpft haben. Ein scharfsichtiger und genau beobachtender Erzähler führt den Leser durch die private Tragödie dieser Familie. Währenddessen begleitet man die einzelnen Familienmitglieder in verschiedenen Teilen der Geschichte durch bestimmte Stationen ihres szenenhaft geschilderten Alltags im modernen kapitalistischen Amerika.

Der Titel des Romans schwebt immer programmatisch über der Handlung. Er wirkt gleichzeitig wie ein Symbolbegriff für die Zeit nach 09/11, in der ein moralisches Gut angegriffen wurde, das nicht nur zum Gründungsmythos der amerikanischen Gesellschaft, sondern auch zu unserem modernen westlichen Lebensgefühl gehört – die Freiheit.
Dieser Roman beschreibt die Krise und Katharsis einer Ehe zwischen fremdbestimmtem Leben und individuellen Wünschen, das schwierige Verhältnis zu den eigenen Kindern und die Probleme, die eine moderne Erziehung eines selbstbestimmten freiheitlichen Menschen mit sich bringt – zwischen Festhalten wollen und Loslassen müssen.

Der Roman stellt inhärent anhand der Situation der Berglunds die Frage nach der aktuellen Gültigkeit von Begriffen wie Treue, Familie, Zusammenhalt, Herkunft, Selbstverwirklichung und Glück und gibt dabei keine abschließenden Antworten, sondern zeigt lediglich Möglichkeiten und Reibungspunkte auf.

Eine besondere Schlüssel-Rolle spielt dabei Patty Berglund, die als ehemalige Sportlerin und psychisch labile Mutter auf Anraten Ihres Psychologen ihr Lebensbekenntnis autobiografisch niederschreibt. Dieser auf zwei längere Kapitel verteilte autobiografische Bericht ermöglicht eine besondere Anteilnahme des Lesers und gibt einen tiefen Einblick in die Psyche einer Frau, die versucht, ihr Leben, ihre Träume und ihre moralischen Fehlentscheidungen gegenüber ihrem Mann zu verstehen und zu erkennen.

„Freiheit“ stellt unser modernes Dilemma dar:  Zwischen einerseits den endlosen Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung in einer grenzenlosen Welt, in der wir privilegierten westlichen Individuen uns heutzutage wohlfühlen dürfen, und andererseits der großen  tragischen Komponente der Angst vor Entscheidungen und der Unfähigkeit, Verantwortung für unser Glück zu übernehmen, die diese (scheinbar grenzenlose) Idee der  Freiheit gleichzeitig bedingt. Franzen beschreibt Menschen, die versuchen, im Ozean voller Möglichkeiten Entscheidungen zu treffen, einen eigenen selbstbestimmten Weg zu gehen, und diese Entscheidungen nicht zu bereuen, wobei immer der Zweifel überwiegt, ob man das Richtige tut, oszillierend zwischen persönlichem Verlangen und gesellschaftlicher Verpflichtung.

Meine Empfehlung für:

Alle Leser, die klug erzählte große Gesellschafts- und Familienromane über die heutige Zeit mögen und intensive Figurencharakteristiken sowie inhärente moralisch-philosophische Fragestellungen. Ein guter Roman für ein intensiv mitfühlendes und nachdenklich machendes, noch lange nachwirkendes Leseerlebnis.

Erzählerische Leistung:

Dieser Autor besitzt eine große Zuneigung zu jedem einzelnen seiner Charaktere und deren persönlichen Schicksalen. Er erzählt eine Geschichte mit großer Liebe zu seinen Figuren und baut eine emotionale Nähe auf, so dass jede Figur im Laufe der Zeit für den Leser zu einem guten Freund wird. Dabei lässt er den Leser nicht nur mitfühlen, sondern ein ganz spezifisch persönliches Verständnis für die jeweilige emotionale Lage jedes Charakters zu empfinden, ohne kitschig oder sentimental zu werden.

Franzen pflegt er einen flüssigen und lebendig-persönlichen Erzählstil, der klug unterhält und teilweise nur da anstrengend wird, wo er sich zu sehr in theoretischen Erläuterungen oder Beschreibungen verliert. Er ist dann am stärksten, wenn die Tragik und Liebe zu seinen Figuren sichtbar wird, die er nicht selbstgerecht verurteilt, sondern für deren innere Zerrissenheit er beim Leser um Verständnis wirbt, so dass sich jeder ein Stück weit in dieser Gefühlswelt wiedererkennt, ohne aber deren Handeln oder Fehler zu entschuldigen, sondern diese als menschliche Unzulänglichkeiten und gleichzeitige Stärken wahrnimmt.

Bewertung: 1-5 Sterne*

***** Ein sehr gutes Buch, dessen Handlung und Figuren so eindrücklich geschildert werden und beim Lesen so ans Herz wachsen, dass man sie so schnell nicht vergisst.

Linktipp:

http://www.rowohlt.de/magazin_artikel/Jonathan_Franzen_Freiheit.2906171.html

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3 Gedanken zu “Jonathan Franzen „Freiheit“, Roman (2010)

  1. Vielen Dank für die tolle Rezension! Ich habe gerade die Korrekturen gelesen, und mich gefragt, wie denn wohl sein folgendes Werk sei. Franzen ist ein feiner Erzähler und bedient sich einer ganz tollen Sprache, da stimme ich absolut mit Dir überein.
    Liebe Grüße, June

    1. Hallo June!

      Vielen Dank für dein Lob! Ich habe auch schon in Buchbesprechungen gelesen, dass manche Leser die Sprache in den Korrekturen zuu verschwurbelt und anstrengend fanden, aber dann von „Freiheit“ begeister waren.
      Meiner Meinung nach hat sich Franzen im Erzählerischen in „Freiheit“ im Vergleich zu den „Korrekturen“ gesteigert. Wobei ich dazusagen muss: Ich lese die Übersetzung, nicht das englische Original. Ein fremdsprachiges Buch ist sprachlich gesehen also immer nur so gut wie sein Übersetzer…Daher muss ich meine Aussage immer relativieren.

      Viele Grüße

      Katja

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