Meine Kopfhoerer, die Kunst und ich – ein kontemplativer Rundgang durch die Ausstellung Made in Germany II

Die Gemeinschaftsausstellung der Kunstinstitutionen in Hannover findet im gleichen Sommer statt wie die documenta XIII und sieht sich als ergänzenden Gegenpol. Allerdings liegt hier der Schwerpunkt auf der gegenwärtigen Kunstszene in Deutschland. Welche Bildsprachen Künstler in Deutschland finden und was für Themen sie beschäftigen soll beleuchtet werden.

Dabei hat das Kuratorenteam sechs Unterkategorien gebildet, innerhalb derer sich internationale Kunst in Deutschland abspielt: MEDIUM ALS MATERIAL, das GESTERN IM HEUTE, NARRATIVITÄT, VERNETZUNGEN, RÄUME und ÜBERSINNLICHES. Abgesehen davon, dass diese Kategorien nur in den Flyern und dem Begleitheft erwähnt werden und in den Ausstellungen selbst nicht wieder auftauchen, stellt sich mir die Frage, ob solche Einordnungen nicht auch für jede andere Kunst seit 1960 vorgenommen werden können.

Mein Rundgang beginnt in den hellen, überraschend großen Räumlichkeiten der Kestnergesellschaft. Ich begegne u.a. Reynold Reynolds Film- und Restaurierungsprojekt von „The Lost„, widerspenstigen Jugendlichen im „Frontalunterricht“ von Ulf Aminde, eindringlich melancholischen Videoarbeiten einer Klara Lidén, dem Riesengemälde von Helen Verhoeven, deren zweidimensionale Gestalten plötzlich skulpturale Form annehmen. Fasziniert betrachte ich die mystisch leuchtenden Zimmerbrunnen des Künstlerduos Keller/Kosmas (Aids-3D), die bei Nichtnutzung nachts über die „World Community Grid“-Plattform Forschungsprojekte unterstützen. Die Lichtinstallationen von Kitty Kraus entfalten in einem seitlich gelegenen Arkadengang ihre Wirkung: die nach innen gekehrten Spiegel reflektieren das Licht aus rechteckigen Würfeln heraus so kubistisch, dass ich mich an Gemälde von Lyonel Feininger erinnert fühle. Ihre schlichten Installationen erzeugen einen Licht-Ort, an dem man verweilen möchte.

Tipp: Klara Lidén, Kitty Kraus

Während mich die Werke in der Kestnergesellschaft dazu aufforderten, mich eingehender mit ihnen zu befassen, scheinen mir die Arbeiten im Sprengel Museum mehr auf sich und einander bezogen zu sein. Eingestreut in die Dauer-ausstellung, für die mir leider wenig Zeit bleibt, verlieren sich die Exponate in den unstrukturierten Räumlichkeiten.
Unübersehbar stellt sich mir die Materialität in den Arbeiten von Olaf Holzapfel und Alexandra Bircken entgegen, auch Shannon Bools weibliche Gitterskulpturen lassen mich innehalten.
Die „Deep Sea Monitors“ von Simon Denny spiegeln den fast absurd wirkenden technischen Fortschrittshype unserer Gesellschaft wider und hinterfragen eine mögliche Verflachung unserer Kultur. Dem gegenüber hängen die Polaroids von Cyprien Gaillard „Westwood Cracks„, die in ihren ruinös anmutenden Landschaftsausschnitten die Zerbrechlichkeit und die Vergänglichkeit unserer Welt veranschaulichen. Natalie Czechs „Hidden Poems“ und die Arbeit „Il pleut“ sind erstaunliche Wortspielereien, die im Bild-Text-Kontext vermeintlich über sich hinausweisen, letztlich aber doch nur amüsante Kurzzeitwirkung entfalten.

Tipp: Cyprien Gaillard (+ Zeit für die Dauerausstellung einplanen)

Im Kunstverein Hannover erwarteten mich dann gegen Ende meines Hannover-exkurses einige positive Überraschungen. Bereits im Treppenhaus begegnet mir eine dominant materielle Arbeit von Max Frisinger: über meinem Kopf schweben ungeachtet der Schwerkraft verbogene, rostige Schienenbauteile und werfen Fragen rund um Leichtigkeit/Schwere oder Abstraktion/Gegenständlichkeit auf.
Schwerelos geht es weiter in dem Raum, der von Alicja Kwades „Durchbruch durch Schwäche“ eingenommen wird. Uhrengewichte pendeln in verschiedenen Höhen an Ketten von der Decke herab, durchdringen den Fußboden oder schweben. Diese Arbeit fügt sich perfekt in den Raum des Kunstvereins, dessen historische Fenster Helligkeit und Nostalgie verströmen. Ein Raum für das Nachdenken über die Zeit.
Benedikt Hipp und Kathrin Sonntag überzeugen mich mit ihren Arbeiten, indem sie meine Wahrnehmung mit Illusionen, Täuschungen und Verschiebungen in Frage stellen.
Am stärksten beeindruckt mich dann jedoch die umfangreiche Installation mit Videoperformance von Simon Fujiwara „The personal Effects of Theo Grünberg„. Der 1982 geborene Künstler entwirft in einem durch Bibliotheksregale geschaffenen Raum voller Lebensutensilien und vermeintlicher Erinnerungsstücke eine fiktive Biografie von Theo Grünberg. Nach und nach findet man heraus, dass Grünberg eigentlich drei Leben im letzten Jahrhundert geführt haben müsste. Man begibt sich auf die Suche nach den Spuren, die ein Mensch hinterlässt, nach Identität und Geheimnissen, nach Geschichten und dem Darstellungsdrang.

Tipp: Simon Fujiwara, Max Frisinger, Alicja Kwade, Kathrin Sonntag

Mein Fazit:

Am Ende meines Rundgangs durch die Hannoveraner Ausstellungslandschaft bin ich davon überzeugt, dass die Kunstszene in Deutschland durchaus sehens- und erlebenswert ist. Zum vermutlich ersten Mal habe ich mich zu einem Audioguide überreden lassen – und es nicht bereut! Bei kontext – und erklärungsabhängiger zeitgenössischer Kunst empfiehlt sich ein Audioguide als Ergänzung zum Begleitheft durchaus.
Nur wenige Fragen haben keine Klärung gefunden: Ist eine (fragliche) Kategorienbildung wirklich notwendig, wenn sie nirgends in der Ausstellung selbst auftaucht? Ging es darum, in Deutschland entstandene Kunst zu zeigen oder die Kunst in Deutschland lebender Künstler mit internationalem Hintergrund?
Vielleicht ist die Beantwortung solcher Fragen aber auch nicht so wichtig, wenn man eine wirklich bereichernde Ausstellung mit vielen spannenden künstlerischen Ansätzen erleben durfte.

Made in Germany II. Internationale Kunst in Deutschland, in Hannover: Sprengel Museum Hannover, Kestnergesellschaft, Kunstverein Hannover,
17.5. – 19.8.2012

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