Peter Prange: „Das Bernstein-Amulett“, Roman (1999)

Selten befinde ich mich im Bezug auf ein gelesenes Buch so in einem Zwiespalt wie bei Peter Pranges Debütroman: „Das Bernstein-Amulett“.

Zum einen entfaltet der Autor eine grandiose Familiengeschichte von 1944 bis 1990, die sich vor dem Hintergrund der Geschehnisse in Deutschland in dieser Zeit abspielt. Zum anderen wird der Roman stark beeinträchtigt durch sprachliche Schwächen und überzeichnete Charaktere. Nichts desto trotz hat dieser Roman Peter Prange zu herausragendem Erfolg als Schriftsteller verholfen. Im Folgenden möchte ich näher auf den Roman eingehen, der die Meinungen spaltet. 

Inhaltlich zeichnet sich der Roman vor allem dadurch aus, dass er anhand verschiedenster Charaktere deutsche Geschichte nachzeichnet. Im Mittelpunkt des Geschehens steht die Gutstochter Barbara von Ganski, die den Leutnant Alexander Reichenbach (Alex) heiratet. Letzterer verschwindet kurz nach der Heirat noch gegen Ende des Krieges an die Front, als Folge eines plötzlichen Meinungswechsels. Barbara lässt sich auf den geheimnisvollen russischen Major Michail Belajew ein und bekommt von ihm sogar ein Kind, während Alex in Gefangenschaft, bzw. auf der Flucht ist. Was nach Seifenoper klingt, erweist sich als fesselndes Gespann rund um geschichtliche Ereignisse, Persönlichkeiten und ihre Entwicklung, sowie die Verknüpfung beider Ebenen in folgenreichen Schicksalsschlägen. Bereichert wird die Story von Randfiguren wie der eiskalten Elisabeth Markwitz, deren zwei verschiedene Augenfarben auf ihren zwiespältigen Charakter verweisen. Denn obwohl sie einerseits verrät, bespitzelt und hintergeht, hat sie andererseits eine grenzenlose Liebe für Kinder, die sie zu DDR-Zeiten auf seltsame Weise zum Einsatz bringt… Karl-Heinz Luschnat, der Standartenführer der SA und Jurist, ist ein aalglatter Bösewicht, der aus Eifersucht und Neid heraus immer wieder seinen Schatten in Barbaras Leben wirft.
Doch es würde dem Roman nicht gerecht, ihn nur auf menschliche Konflikte zu reduzieren, die sich in Machtspielen Bahn brechen. Der geschichtliche Hintergrund ist auf unterhaltsame Weise in die Handlung eingeflochten und gut recherchiert. Ob Gefangenenlager in Russland, die Adoption von Dissidentenkindern in der DDR oder die Einnahme des Landes durch die Alliierten; der Roman spiegelt einen Teil deutscher Geschichte wider ohne sie zu verschönern oder anzuklagen.
Die Rahmenhandlung stellt eine familiäre Zusammenkunft im Jahr 1990 auf dem Gutshof Daggelin dar, bei der so manche Familiengeheimnisse ans Licht kommen. Der Leser wird per Rückblende über die vorangegangenen Geschehnisse informiert. Dabei spielt auch das wiederkehrende Motiv des Bernstein-Amuletts eine große Rolle.

Sprachlich kehrt vor allem ein Bild in den Schilderungen Pranges immer wieder:

Eine Haarsträhne hatte sich aus ihrer Frisur gelöst und hing ihr im Gesicht. (…) Als hätte er es schon viele Male getan, hob er ihr Kinn, blickte sie mit seinen leuchtenden blauen Augen an und strich ihr die Strähne aus dem Gesicht.

Der Autor wiederholt diese Szene so häufig in nahezu den gleichen Worten, dass ich mehrmals versucht war, das Buch in die Ecke zu pfeffern. Zwischendurch glaubte ich noch an ein Stilmittel, doch mittlerweile halte ich es für eine grobe Nachlässigkeit des Lektoren. An und für sich darf man sprachlich nicht zu viel von Pranges Debüt erwarten. Teilweise kitschige Liebesszenen, eine sehr einfache Sprache und charakterliche Stereotypen (der Engel Belajew, der stets geheimnisvoll im Hintergrund die Fäden zieht, der dämonische Luschnat, die zwiegespaltene Markwitz…) machen es mir nicht leicht, den Roman zu empfehlen. Dennoch, und deshalb schreibe ich diese Rezension überhaupt, hat er etwas mehr in mir hinterlassen: das Gefühl, dass Geschichte mehr sein kann, als nur die Ereignisse im Leben der Anderen. Die Erkenntnis, dass es nicht egal ist, welche Rolle man durch das eigene Leben in der Geschichte einnimmt.

Ein Roman für:
Geschichtsinteressierte, anspruchsvolle LiebhaberInnen der Dramatik und des Kitsches

Nicht-Empfehlung bei:
Empfindlichkeit, was sprachliche Finesse angeht, Kitschallergie, Faktenbedürfnissen

**
(2 von 5 Sternen)

Peter Prange: „Das Bernstein-Amulett. Geschichte einer Familie aus Deutschland“. Erschienen bei Knaur (u.a.), 1999

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