Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (1932)

Der Inhalt in Kürze:

Doris ist ein achtzehnjähriges Mädchen voller Träume, Sehnsüchte und Leidenschaften. Sie lebt ein langweiliges kleines Leben im Köln der Zwanziger Jahre. Dort arbeitet sie als Sekretärin bei einem ekelhaften fetten Rechtsanwalt, der von Zeit zu Zeit aufdringlich wird. Wenn sie nicht bei ihren Freundinnen oder Männern Unterschlupf findet, lebt sie noch bei ihren Eltern, armen Arbeitern in einer winzigen Wohnung. Doch Doris träumt vom Film, von Hollywood und der großen weiten Welt – Sie möchte nach Berlin ans Theater und zum Film – „ein Glanz werden“.
Sie hat weder eine großartige Ausbildung, noch hat sie vermögende Eltern oder reiche Kontakte – einzig ihre ständig wechselnden Männerbekanntschaften und zahlreichen Rendezvous in Theatercafés, Varietés, Restaurants und Künstlerstuben vermitteln ihr einen Hauch von der Welt der Schönen und Reichen. Dabei ist ihr egal, ob derjenige wirklich an ihr interessiert ist – solange er ihr einen Drink spendiert und sie schick zum Essen ausführt oder ihr Geschenke macht, genießt sie dessen Bekanntschaft, die sie häufig auch ins Bett des anderen führt.
Doris ist nicht auf der Suche nach der großen Liebe – diese hat sie bereits in Hubert gefunden, der leider ein anderes rechtschaffenes Mädchen geheiratet hat. Das Ziel ihrer amourösen Kurz-Affären ist die Anerkennung als Frau wahrgenommen und umworben zu werden und kurzzeitig etwas Besonderes zu sein. Sobald einer ihr schmeichelt und sie auf einen Wein oder ein Abendessen einlädt, ist sie selig. Aber Doris will nicht heiraten – sie glaubt den Versprechungen der Filmindustrie und lässt sich blenden vom Theater, die den Mädchen suggerieren, das es das Wichtigste im Leben sei, ein gefeierter Star zu werden.

Man erfährt von ihren wechselnden Liebschaften und skurrilen Begebenheiten, die Doris in ihrer kleinen Kölner Welt erlebt. Sie schafft es sogar zeitweise zum Theater und hat eine Premiere, wenn sie auch nur einen Satz im Stück sprechen darf – Doris fühlt sich wie ein Filmstar. Doch ihr Weg führt sie weg von Köln in das pulsierende Berlin der goldenen Zwanziger – in Musikbars, Varietés und Kneipen auf der Friedrichstraße oder dem Kudamm. Der Leser begleitet Doris bei ihren amourösen Abenteuern, die meistens traurig enden. Aber „das kunstseidene Mädchen“ weiß sich zu trösten, findet immer wieder einen neuen Weg und hat immer einen Spruch parat. Bis sie sich eines Tages doch ein bißchen in einen Mann verliebt, der eigentlich immer noch hoffnungslos in die eigene Frau verliebt ist, die ihn verlassen hat …

Erzählerische Leistung:

Irmgard Keun erzählt mit viel Humor und einer traurigen Komik vom Leben und den Träumen eines jungen Mädchens im Deutschland der goldenen Zwanziger, das sie selbst so gut kannte. Die Lebendigkeit der Erzählung versetzt den Leser direkt mitten in die bunte und vielfältige Künstlerszene und Bohéme-Kultur des Berlins der „Roaring Twenties“. Durch die intime und ganz persönliche ungeschminkte Erzählweise aus der Sicht von Doris erlebt man hautnah die Empfindungen eines einfachen jungen Mädchens mit, das sich nichts sehnlicher wünscht, als ihrem einfachen Dasein zu entkommen und einmal etwas Besonderes zu sein – „ein Glanz“, so wie sie es bei den Varieté- und Theater-Stars sieht. Die besondere Leistung dieses wunderbaren Romans von Irmgard Keun ist nicht nur der sensible Humor, mit dem sie erzählt, sondern die einzigartige ungekünstelte Sprache der jungen Doris im Kölner Dialekt und Berliner Jargon. Dieser Roman fesselt nicht durch eine groß angelegte Handlungsstruktur oder inhaltliche Komposition. Er gleicht einer sehr unterhaltsamen Milieu-Studie oder einem „Road-Movie“, in dem Doris den Leser in ihre kleine Welt entführt, in der sie durch viele kleine seltsame Abenteuer stolpert. Mit sehr viel Ironie und Witz entlarvt Keun die Vorstellungen und Werte der goldenen Zwanziger als leere Versprechungen und hohle Floskeln. Doris fühlt sich in einem gestohlenen Pelz wie ein besonderer Mensch, dabei trägt sie drunter doch nur „Kunstseide“. Denn Doris bleibt letztlich immer das, was sie ist – ein einfaches, aber nicht unkluges Kölner Mädchen.

Man schließt Doris im Laufe der Geschichte sehr ins Herz und fühlt sich mitten ins bunte Treiben des Berlins der Zwanziger Jahre versetzt. Die lebendige und detaillierte Beschreibung von Düften, Geräuschen, Straßen, Cafés und Plätzen in Berlin entsteht lebhaft vor dem geistigen Auge – so kann nur eine Autorin schreiben, die den Puls dieser faszinierenden Stadt in dieser Zeit miterlebt hat.
Irmgard Keun gestaltet hier als Zeitzeugin eine Momentaufnahme vom Leben der einfachen Leute und erntete dafür auch großen Applaus. Mit diesem Roman feierte sie 1932 große Erfolge, an die sie später leider nicht mehr anknüpfen konnte. „Das kunstseidene Mädchen“ war einer unter den zahlreichen Titeln, die 1933 der Bücherverbrennung der Nazis zum Opfer fielen. Da Irmgard Keun ihr Schreiben nicht aufgeben wollte, begab sie sich ins Exil und kehrte 1940 mit falschem Pass zurück. Kein Roman ihres späteren Werkes konnte in der Bundesrepublik je wieder an ihren Erfolg anknüpfen.

Meine Empfehlung für:

Leser, die sich für das Berlin der Goldenen Zwanziger interessieren und wieder in das Gefühl dieser Zeit eintauchen wollen. Für alle, die eine tiefe Liebe zu dieser künstlerischen Stadt und ihrer spannenden Vergangenheit empfinden und zu den Träumen der einfachen Mädchen von damals zurückkehren möchten.

Bewertung:

**** Sterne (von 5)
Die Handlung birgt noch Potenzial und ist meiner Meinung nach nicht ganz zu Ende erzählt. Daher gibt es einen Stern weniger. Dieses Buch ist ein Glanzstück von ganz eigener Sprachlichkeit durch die Besonderheit der Schilderung aus der Perspektive der Ich-Erzählerin und die dadurch entstehende Nähe und Direktheit zur Figur. Ich habe mich in Doris verliebt.

Linktipp:
http://www.fluter.de/de/mode/lesen/3189/

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12 Gedanken zu “Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (1932)

  1. Du musst mir das Buch unbedingt mal leihen. Besonders interessant finde ich, dass es wirklich von einer „Zeitzeugin“ geschrieben wurde und nicht so von heute aus recherchiert ist. Toll, dass du immer solche Schätze aufstöberst.

    1. Mach ich gern – du weißt ja, wo du mich findest 😉 Irmgard Keun ist als Autorin leider nicht mehr sonderlich präsent. Schade, und meiner Meinung nach zu Unrecht. Ich werde demnächst noch „Gilgi“ lesen, ein weiterer Roman von ihr über ein Mädchen in den 20er Jahren … Ich hoffe, dass sie dort auch aus der Ich-Perspektive schreibt, in der man der Figur so schön nahe ist … Das muss man mögen, Irmgard Keun hat auch viel Humor in ihrer Schreibweise. Könnte mir vorstellen, dass das nicht jeden so überzeugt, vor allem wenn man eine bombastische Handlung erwartet … ich bin dann gespannt, wie du ihre Schreibweise empfindest.

  2. Ach, schön, dass immer noch solche alten Schätze entdeckt und gelesen werden. Ich mag das Buch auch sehr. Sie hat übrigens noch ein anderes, aus Sicht eines Kindes geschrieben, das mir gut gefiel, Titel: „Kind aller Länder“. Ganz anders als das kunstseidene Mädchen, aber auch sehr interessant.

    1. Liebe Petra – vielen Dank für deinen Tipp. Ich möchte unbedingt noch mehr Keunsches lesen, daneben auch „Gilgi“. Kennst du das? Es freut mich, dass es noch mehr Irmgard Keun- Leser gibt … Ich mag ihre Sprache sehr und wie sie das Berlin der 20er und 30er beschreibt, von dem heute leider nicht so viel mehr übrig ist – zumindest vom kulturellen Flair her. Ich wäre damals in den Kneipen, Restaurants, literarischen Salons und Varietés gern dabei gewesen. Irmgard Keun macht diese spannende, bewegende und kulturell einzigartige Zeit lebendig. Wollen wir nicht alle „ein Glanz sein“? =)

      1. „Gilgi“ kenne ich leider nicht, liebe Katja, da bin ich dann mal auf deine Rezension gespannt. Aber wenn dir der Ton gefällt, vielleicht dann auch weitere Verrteterinnen der „Neuen Sachlichkeit“? Grandios fand ich beispielsweise Vicki Baums „Menschen im Hotel“ und was Lyrik betrifft könnte ich dir noch Mascha Kaléko ans Herz legen. Es gibt übrigens auch eine gut recherchierte Krimiserie, die in Berlin zu jener Zeit spielt. Eigentlich lese ich kaum Krimis, aber da gefielen mir Setting und Atmosphäre sehr gut, ich glaube, der Autor heißt Volker Kutscher und man meint tatsächlich in diese Zeit eintauchen zu können. Wie gesagt, er hat gut recherchiert. Mir geht es übrigens ähnlich wie dir, die künstlerische Atmosphäre jener Jahre, auch in anderen Metropolen, etwa Paris, muss unglaublich spannend und inspirierend gewesen sein. Woody Allen hat mit seinem Film „Midnight in Paris“ eine schöne Hommage an diese Zeit geschaffen.

      2. Oh schön – so viele Tipps. Den Woody Allen-Film kenne ich noch gar nicht. Mascha Kaléko mag ich sehr. Kennst du das Regen-Gedicht „In den Regen …“?
        „Stehst du jetzt auch und trauerst in den Herbst
        Vor nebelüberwölkten Fensterscheiben?
        Gehst du jetzt auch verlassen durch den Park
        Und läßt wie welkes Laub vom Wind dich treiben …

        Hockst du jetzt auch bei müdem Lampenlicht
        Und schreibst an den Papierkorb lange Briefe?
        Horchst du wie ich, wenn draußen jemand spricht,
        Und hoffst noch immer, daß dich einer riefe –

        Kein Laut. Nur Regen tropft von Fensterbänken.
        Was mich betrifft: Ich fühl mich so allein.
        Ich möchte meine Sumpfschildkröte sein
        Und mich in tiefen Winterschlaf versenken.“

        Ich möchte auch eine Sumpfschildkröte sein …=) Ich finde es wunderschön, welche Bilder sie verwendet, um ihre Gefühle zu beschreiben … passt zum heutigen Herbsttag.

  3. Stimmt, das ist schön : ) Mit dem Herbst hat sie es ja in einigen Gedichten, oft eher traurigen und in Verbindung mit Sterben. Da ist dein Beispiel schon eins von den eher heiteren … Putzig sind auch ihre Tier- und Blumengedichte, z. B. Kaka-du und Kaka-sie: Ein schwerverliebter Kakadu / Hat hier sein erstes Rendezvous / Mit einer grünen Kak-Duse. / – Er nennt sie eine Pampel-Muse. / Sie ist nicht spröde, ihrerseits. / Man kakaduzt sich auch bereits. / Und übers Jahr wird ein Terzett / Aus diesem Kakadu-Duett. Süß : )

    1. Sehr süß. Ja, das mag ich auch sehr. An Putzigkeit nicht zu übertreffen. Außer von Joachim Ringelnatz, dessen putzige Lyrik ich auch sehr mag. Lyrik wird überhaupt viel zu selten gelesen und gelebt heutzutage, auch in vielen Blogs fehlt mir das. Oder kennst du einen Blog, der sich auch mal der Lyrik widmet?

      1. Puh, die meisten, die ich besuche, lesen auch eher Romane. Ab und an findet sich mal ein Gedicht auf einem Blog, aber dann ohne Besprechung oder Betrachtung mehrerer Gedichte eines Dichters oder einer Dichterin. Ich selbst lese zwar gern Gedichte, habe aber auch selten welche auf meinem Blog besprochen. Hm, vielleicht sollte ich das mal ändern … Es ist wohl wirklich so, wie immer beklagt, Gedichte werden seltener gelesen. Schade eigentlich.

  4. Die Zusammenfassung ist in Teilen gelungen, in anderen nicht. Weil das Buch selber ist noch relativ nüchtern geschrieben und nicht wie oben geschrieben voller Emotionen

    1. Hallo! Wo habe ich denn geschrieben, es sei voller Emotionen? Dieser besondere Stil der neuen Sachlichkeit erschien mit hier sehr lebendig und zeichnet ein eindrückliches Bild vom damaligen Berlin. Als nüchtern habe ich dies sprachlich nicht erlebt. Doris ist ein einfaches Mädchen, ein wenig einfältig ja und sie spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, sehr lebendig und geradeheraus. Wie hast du denn die Sprache empfunden? Einen Stil zu beschreiben hängt ja auch sehr mit der eigenen Wahrnehmung von Sprache und Bildern zusammen. Nüchtern passt hier für meine Begriffe nicht, aber darüber kann sich austauschen.

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