Haruki Murakami: „Mister Aufziehvogel“, Roman (1998)

Die Begegnung mit „Mister Aufziehvogel“ ist nicht meine erste mit Haruki Murakami. Es empfiehlt sich auch zum Einstieg einen weniger umfangreichen Roman Murakamis zu lesen als diesen. Denn in „Mister Aufziehvogel“ erschafft der japanische Schriftsteller auf 765 Seiten eine eindringliche, magische Welt, die mitunter verstörend wirken kann und dennoch absolut lesenswert ist.

Zum Inhalt

„Mister Aufziehvogel“ heißt eigentlich Toru Okada und ist der Protagonist und Ich-Erzähler des Romans. Eine der zahlreichen weiblichen Nebenfiguren, die sechzehnjährige May Kasahara, nennt ihn „Mister Aufziehvogel“ und schafft damit einen Bezug zu dem im Buch immer wiederkehrenden, unsichtbaren Vogel, der an entscheidenden Wendepunkten auftaucht (vgl. S. 659). 
Toru Okada hat seinen Job in einer Anwaltskanzlei aufgegeben und gerät peu à peu in eine surreale Daseinsform. Es beginnt damit, dass sein Kater verschwindet. Bald darauf verlässt ihn seine Frau Kumiko und ist nicht mehr auffindbar. Stattdessen tritt der verhasste Bruder Kumikos in Kontakt mit Toru und will ihn dazu bewegen, in die Scheidung einzuwilligen. Obwohl Toru sich eingestehen muss, dass Kumiko ihm einiges verschwiegen hat, will er sich nicht damit abfinden, sie einfach so aufzugeben und macht sich auf die Suche nach ihr. Währenddessen begegnet er beeindruckenden und geheimnisvollen Frauen, die ihm Rätsel aufgeben (Malta und Kreta Kano), der neugierig-frechen May Kasahara und später der Mäzenin Muskat mit ihrem Sohn Zimt. Jede Frau, der er auf seiner Suche nach Kumiko begegnet, spielt eine Rolle in seinem neuen Leben, das mehr und mehr ins Surreale abdriftet. Parallel zu den verschiedenen Damen begegnen ihm auch Männer, wie der Leutnant Mamiya.
Jede Figur, die Murakami nacheinander in Torus Leben auftauchen lässt, hat ihre eigene Geschichte zu erzählen. Bei Leutnant Mamiya ist dies eine zum Teil sehr blutrünstige Geschichte, die die Kriegsgreuel des Zweiten Weltkrieges mal von der anderen Seite (aus Sicht eines japanischen Leutnants, der in russische Gefangenenlager gerät) wiedergibt.

Zur Sprache

Um bei dieser Vielfalt von Figuren und erzählerischen Nebensträngen den Überblick behalten zu können, sind verschiedenste Textsorten bzw. Kommunikationsmittel verwendet worden (Briefe, Zeitungsartikel, Chat, Telefonate). Einerseits beleben sie den Text und sind kleine Hilfsmittel, nicht den Faden zu verlieren. Besonders im dritten Buchteil besteht jedes Kapitel im Wechsel aus immer anderen Perspektiven und Textsorten, was andererseits die Haupthandlung retardiert und mitunter etwas anstrengend ist.
Sprachlich steht die Murakami eigene Poesie einigen kleineren Schnitzern entgegen, die freilich meiner Bibliotheksausgabe geschuldet sein können, welche aus dem Englischen (!) übersetzt wurde. So wird man stutzig, wenn man Sätze liest wie: „Was ich zu finden hoffe, ist der Sinn des Lebens, das ich verloren habe. Was raubte es mir, und warum?“ (S. 441) Und dann sind da diese wunderbaren Umschreibungen und Vergleiche, die ich bei Murakami liebe:

Dennoch durchfuhr mich die Einsamkeit von Zeit zu Zeit wie ein stechender Schmerz. Selbst das Wasser, das ich trank, selbst die Luft, die ich atmete, fühlten sich dann wie lange scharfe Nadeln an. Die Seiten eines Buches, das ich in den Händen hielt, nahmen den bedrohlich metallischen Glanz von Rasierklingen an. Um vier in der Frühe, wenn die Welt schwieg, konnte ich die Wurzeln der Einsamkeit durch mich hindurchkriechen hören. (S. 435)

Zu den Besonderheiten

Ganz charakteristisch für Murakamis Erzählweise sind auch die immer wiederkehrenden, bedeutungsgeladenen Symbole, wie hier der Brunnen, der Kater oder der Aufziehvogel. Zudem fiel mir auf, dass das Jahr 1984 (zufällig mein Geburtsjahr) für Murakami einen besonderen Stellenwert zu haben scheint: „Mister Aufziehvogel“ und „1Q84“ beginnen / spielen beide in diesem Jahr.
Sehr erstaunt war ich festzustellen, das sogar eine mir aus „1Q84“ bekannte Figur, der unangenehme Ushikawa, bereits in „Mister Aufziehvogel“ auftaucht. Das Gefühl, dass bei Murakami irgendwie alles miteinander zusammenhängt, verstärkte sich dadurch.
Nicht zuletzt ist der Roman „Mister Aufziehvogel“ voll von philosphischen Reflektionen über das Verhältnis von Wahrheit und Realität bzw. die Veränderung der Wirklichkeit beim Geschichtenerzählen. Es handelt sich um „ein Puzzle, in dem die Wahrheit nicht unbedingt real sein mußte und das Reale nicht unbedingt wahr.“ (S. 660)

Selbst wenn der Roman durch detaillierte Folterbeschreibungen oder das Ineinanderweben von Wirklichkeit und Irrealem auf mich teilweise verstörend wirkte, ist Murakami einmal mehr ein grandioser Roman gelungen. In diesem stellt sich sogar der Protagonist selbstreflektiv (und damit auch das literarische Schreiben) in Frage:

Ich kam mir so vor, als sei ich zu einer Gestalt eines schlecht geschriebenen Romans geworden, als zerpflücke mich jemand wegen meines völligen Irrealismus. Und vielleicht war es tatsächlich so. (S. 235 f.)

***** (5 von 5 Sternen)

Advertisements

8 Gedanken zu “Haruki Murakami: „Mister Aufziehvogel“, Roman (1998)

  1. Danke schön! Es freut mich, dass dir die Besprechung gefällt, da es tatsächlich nicht einfach ist, einen so umfangreichen Murakami zu rezensieren 🙂 Und spannend, dass dein Urteil genauso ausfällt!

  2. Was machst du denn hier? Du sollst keine Murakami-Empfehlungen in meiner Gegenwart aussprechen *lach* Im Ernst: Danke für die Rezension und meine damit einhergende Ungeduld, wieder ein Murakami greifen zu können. Aber noch liegen da einige vorgemerkte Bücher aus der Bücherei dazwischen. Ich freue mich trotzdem jetzt schon darauf 🙂

  3. Bei Murakami kann ich mich mit Empfehlungen einfach nicht zurückhalten, da musst du dann durch 🙂 Freuen kannst du dich definitiv schonmal auf deinen nächsten Murakami!

    1. Ich bin gespannt darauf „Mister Aufziehvogel“ nun auch zu lesen, nachdem ich ja bisher „nur“ „Tanz mit dem Schafsmann“ und „Naokos Lächeln“ kenne, und mich Murakami auch gefangen genommen hat in seine surrealen Abgründe. Was meint, sollte ich „Mister Aufziehvogel“ vor „IQ84“ lesen? Macht das irgendeinen Unterschied?

  4. Ich gestehe: Ich habe noch nie einen Murakami gelesen – Schande über mein Haupt! Aber Mister Aufziehvogel steht immerhin schon seit geraumer Zeit auf meiner Wunschliste, ich bin fest davon überzeugt, dass Murakami mir ausgesprochen gut gefallen würden – dieses surreale, magische Element seines Schreibens. Im Grunde kann ich ja froh sein, dass ich diesen Autor noch für mich entdecken darf 🙂

    1. Da kann man fast schon wieder neidisch werden, wenn du Murakami für dich noch komplett neu entdecken kannst 🙂 Ich würde dir „Mister Aufziehvogel“ aber nicht unbedingt als Einstiegsroman empfehlen, wie oben beschrieben. Eher „Naokos Lächeln“ oder „Gefährliche Geliebte“. Mein Favourite von ihm ist bisher „1Q84“, was allerdings sehr umfangreich ist…

      1. Naokos Lächeln wurde mir auch schon mehrmals empfohlen – ich denke, das wird tatsächlich mein Einstiegsroman. An 1Q84 traue ich mich noch nicht heran; erst will ich herausfinden, ob Murakamis Stil generell gefällt (aber wie gesagt: Ich habe keinen Zweifel daran). Danke für die Empfehlungen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s