Christa Wolf: „Leibhaftig“, 2002 – Eine Lesenotiz

Man kann und sollte Christa Wolf nicht mit Charlotte Roche vergleichen. Zumal die beiden nicht viel mehr gemeinsam haben, als das Initial C im Vornamen.
Dennoch musste ich beim Lesen von Christa Wolfs „Leibhaftig“ der Grundidee wegen kurz an Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ denken.

In beiden Büchern liegt eine weibliche Erzählerin im Krankenhaus und kuriert ihre Krankheit aus. Beide begegnen den verschiedenen Ärzten, Krankenschwestern, beide blenden zwischendurch ein, was ihr Leben außerhalb dieser Situation in der sie sich befinden, ausmacht.
Bei Christa Wolf ist diese verhältnismäßig handlungsarme Begebenheit in anspruchsvolle Wortspiele und geschichtliche Reflektionen eingefasst. Bei Roche, wie wir aufgrund des medialen Erfolgs wohl alle wissen, sind es mehr Ekeligkeiten und ein sprachlich sehr flaches Niveau, was ihr Buch kennzeichnet. Weshalb ich darauf nicht weiter eingehen möchte. Lediglich die inhaltliche Parallele der 2002 (Wolf) und 2008 (Roche) erschienenen Bücher fand ich interessant…

Um Christa Wolfs Literatur schätzen zu können, sollte man sie erst einmal lesen. Aufmerksam und langsam lesen. Daher wird dies keine ausführliche Rezension, sondern mehr eine Lesenotiz, die die Besonderheiten hervorzuheben versucht: 

1) Das parallele, ja teilweise im selben Satz gleichzeitige Erzählen in der ersten und dritten Person Singular. Diese verwirrende, aber höchst innovative Erzählweise habe ich so noch nicht kennengelernt. Christa Wolf zieht diese Form die 185 Seiten lang durch. Ein Beispiel:

Woraufhin er mir, in beleidigenden Worten, Feigheit vorwarf, sich gleich darauf beinahe erschrocken entschuldigte, ich aber, mich künstlich weiter erzürnend, die Gelegenheit nutzte, ihn und seine nun auch bockige Schwester vor die Tür zu setzen – ein einmaliger Vorgang, der mich bis hierher verfolgt, in diesen Schacht, aus dem ich immer noch nicht herausfinde, indem es aber so eisig geworden ist, daß sie plötzlich von einer Sekunde zur anderen zu zittern anfängt, dann zu schütteln, daß das Bett rasselt und ihre Zähne aufeinanderschlagen (…). (S. 79f)

Ich kann nur vermuten, dass anhand dieses Stilmittels der Kontrast zwischen dem eigenen kranken Körper (sie) und dem geistig in Erinnerungen umherwandernden Ich deutlich gemacht werden soll. Sehr bemerkenswert!

2) Die Wortspiele, das Einflechten eines Wortes in seinen verschiedensten Komposita oder Sprichwörtern in den Erzählzusammenhang – ich kenne das so nur von Christa Wolf:

Jetzt aber gelten weder Urzeit noch Vorzeit, nicht die gute alte Zeit und erst recht nicht die nüchterne Jetztzeit, keine Neuzeit, keine Probezeit und kein Zeitgeschehen. Alle meine Zeitlichkeit ist in Zeitlosigkeit versunken, meine Zeit verstreicht mir als Unzeit, direkt aus dem Operationssaal ist sie mit ihrem Krankenhausbett in eine Zeitlücke hineingeglitten (…). (S. 69)

3) Das Einbinden der Geschichte, der DDR-Zeit und ihrer Auswirkungen auf das Leben in Ostberlin. Christa Wolfs Erzählerin träumt sich nachts durch die Straßen von Berlin, ihre Anästhesistin Kora als Botin der Unterwelt an ihrer Seite:

Die Friedrichstraße ist aufgerissen. Tiefe Gräben laufen an den Rändern der Bürgersteige entlang, begrenzt von hohen Stein- und Sandhaufen. Wir folgen, immer schwebend, dem Lauf der Gräben und blicken in das Gewirr von Kabeln und Röhren unter uns. Bloßlegen der Eingeweide. Ja, sagt Kora, so könnte man es nennen. (…) Wir sitzen auf einmal auf den Stufen zum Palast der Republik. Ein Steinhaufen auch er, denke ich, Glas und Beton, gebaut, um unterzugehn. Vielleicht deshalb ist er in dieser Nacht der redlichste Ort in dieser untergehenden Stadt. Metropolis. Metropole der Macht. Metropole von zwei Mächten. (S. 142 ff.)

Kurzum: Wer Sprache, Geschichte, Wortspiele liebt, sollte Christa Wolf lesen!

Wer von euch liest auch Christa Wolf und wem sind ähnliche Besonderheiten bei ihr aufgefallen? Wie empfindet ihr ihren Schreibstil?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s