Dialogue I „…die Kunst auf einen Nullpunkt zurückführen“

Gespräch zur Ausstellung „Kunst in Berlin 1880-1980“ in der Berlinischen Galerie.

Laura: Die Zeit von 1880-1980, die in dieser Ausstellung anhand von Kunst beleuchtet wird, ist eine spannende Epoche in Europa… Obwohl wir beide erst ein paar Jahre danach geboren wurden, hat diese Zeit uns mitgeprägt, oder wie nimmst du das wahr?

Katja: Naja, wir sind eine Generation, die sehr privilegiert aufwachsen konnte und kein wirkliches lebensbedrohliches Leid erlebt hat, wie unsere Großelterngeneration. Ich wurde im Ostteil dieses Landes geboren und du im Westteil, und wir haben daher beide verschiedene Kindheiten durchlebt –  beide waren auf ihre Weise glücklich und unbeschwert. Mitgeprägt hat uns diese Zeit allein schon durch die historische Verflechtung, und auch durch unsere Eltern und Großeltern – das heißt unsere Familien durchlebten diese Zeit und damit führt die Spur zurück.

Mein Bewusstsein für die Geschichte und unsere Wurzeln wurde mir sozusagen durch meine Eltern und Großeltern mitgegeben und ich fand es immer faszinierend zuzuhören und zu versuchen, das zu verstehen und mein kleines Leben dazu in Beziehung zu setzen. Die Kunst hat dann wiederum nochmal eine ganz eigene Art und Weise uns immer wieder mit diesen großen Gesellschaftsthemen wie dem ersten und zweiten Weltkrieg zu konfrontieren …

Laura: Genau, die Kriege, die wir zum Glück nicht erlebt haben, die aber unsere Vorgenerationen prägten und natürlich auch die Künstler. Solche Zeiten spiegeln sich extrem in der Kunst wider, entweder weil Künstler die Schrecken zeigen wollen, wie z.B. Georg Baselitz, oder weil sie sich gerade davon abwenden und die Kunst auf einen Nullpunkt zurückführen wollen. Gesellschaftsrelevante Themen und Extreme wirken sich wohl immer auf Kunst und auch Literatur aus. Kein Kreativer kann das, was in der Gesellschaft, in der er lebt, vorgeht, ganz ausblenden.

Katja: Wenn die Zeiten um einen herum derart in Aufruhr geraten, dann wird sich das immer auch im Werk des Künstlers widerspiegeln. Otto Dix, George Grosz und Felix Nussbaum fallen mir da immer besonders auf. Ich finde es spannend, wie ihr Werk von den gesellschaftlichen Umbrüchen und grausamen Erlebnissen geprägt ist und uns vor Augen hält, was Krieg bedeutet hat … Dass dabei wenig Bilder entstehen, denen man das Attribut „schön“ zuschreiben könnte, ist augenscheinlich. Krieg stellt ja irgendwie auch diese Begriffe von etwas Schönem in Frage, und nach dem Sinn von Kunst überhaupt.

Mit einem Gemälde gesellschaftliche Zustände darstellen wollen und im Betrachter etwas bewegen zu können  – nur durch Form und Farbe – das beeindruckt mich sehr.

Laura: Ja, das geht mir genauso. Bilder können Zeitzeugen werden und uns von der Vergangenheit erzählen, wenn wir uns mit ihnen beschäftigen. Sie sind ja nicht nur Ausdrucksmittel eines Individuums, des Künstlers, sondern auch ein Spiegel ihrer Zeit. Deshalb finde ich es so wichtig, dass für Kunst immer Raum besteht in unserer Jetztzeit und man die Möglichkeit hat, wie hier in der Berlinischen Galerie, die Bilder oder Skulpturen auf sich wirken zu lassen.

Katja: Ich finde es auch faszinierend, dass man ein Kunstwerk natürlich immer im Kontext der Zeit seiner Entstehung betrachten muss. Aber unabhängig davon wirkt die Symbolik und Bildsprache ja über die Zeit hinaus und wir können das Motiv auch in Bezug zu den Problemen oder Situationen in unserem heutigen Leben sehen. Man findet daher in den Farben oder Formen oder der Symbolik immer etwas wieder, was einen affiziert … Mich fasziniert da eben vor allem die Zeit des Fin de Siècle und der Expressionismus, wie dich ja auch.

Laura: Definitiv! Das Symbolgeladene, Ausdrucksstarke dieser Epochen rund um die vergangene Jahrhundertwende spricht mich persönlich sehr an. Aber auch manchmal, die stillen, eindrucksvollen Gemälde wie der „Liegende Akt“ von dem Berliner Maler Lesser Ury aus dem Jahr 1889. Die Farbigkeit und die Melancholie dieses Bildes hat mich heute irgendwie am Stärksten beeindruckt.

Katja: Bei mir ist das genauso. Seltsam, das bei uns beiden dieses Bild in der Erinnerung bleibt, das ja mit dem Kriegs-Thema nun gar nichts zu tun hat – wo doch in der Ausstellung die in Bezug zu den Auswirkungen des Krieges entstandenen Kunstströmungen überwogen haben … Dieses Bild, seine Stille, düstere Traurigkeit, aber auch Verletzlichkeit, ausgedrückt  durch die weichen Formen und die Besonderheit der liegenden Schönheit mit dem abgewandten Blick … das Spiel mit Licht und Schatten. Das bleibt bei mir nachdrücklich in Erinnerung.

Was bleibt …

Bei uns beiden:  Lesser Ury: „Liegender Akt“ 1889

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7 Gedanken zu “Dialogue I „…die Kunst auf einen Nullpunkt zurückführen“

  1. Viel mehr noch als das Bild an sich finde ich den Titel interessant. Da liegt kein Zauber, keine Geheimnisvolle, Abhandengekomme, da liegt einfach nur ein Akt. Eine nüchterne und wissenschaftliche Bestandsaufnahme, mehr nicht.

  2. Interessanter Gedanke. Der Titel muss allerdings nicht unbedingt vom Künstler sein, oft sind diese im Nachhinein von Kunsthistorikern / Museumsleuten vergeben worden um das Gemälde einordnen zu können. Das ist das große Geheimnis der Kunstgeschichte: Vielleicht hieß das Bild tatsächlich mal „DIe Geheimnisvolle“ oder „Der Verlust“ oder so. Die Relation zwischen Bild und Titel ist ein ganz spannendes Thema…

  3. Das wusste ich gar nicht mit dem Titel. Eine schreckliche Vorstellung, dass „jeder“ einem Kunstwerk einfach so einen Stempel aufdrücken kann. Oder wird das dann irgendwie dokumentiert?

  4. Leider hat man das „damals“ nicht immer dokumentiert und Kunstwissenschaftler wie ich dürfen sowas dann recherchieren :). Heute hat man da sicher ein anderes Verhältnis zu und ist vorsichtiger. Aber zeitgenössische Werke werden ja paradoxerweise auch oft (vom Künstler) als „ohne Titel“ betitelt !

  5. Den Titel finde ich bei einem solch eindeutig gegenständlichen Kunstwerk gar nicht so interessesant oder wichtig. Faszinierender sind Zusammenspiel von Form und Farbe, die in mir als Betrachter eine Empfindung wachrufen – bei diesem Bild frage ich mich: Warum versteckt sie ihr Gesicht, was denkt sie, was geht in ihr vor – ist es Scham, Angst, Trauer, Wut, Langeweile oder kokettiert sie einfach nur!? Alles möglich – was genau, weiß nur der Künstler oder er spielt bewusst mit der Wirkung dieser Geste … Das kann Kunst! Faszinierend.

    1. Der Titel kann auch bei einem gegnständlichen Kunstwerk viel ausmachen. Stell dir bei diesem Bild nur mal verschiedene Titel vor: „Die Hure“, „Der Verlust“, „Die Schöne“ etc. Titel können also durchaus richtungsweisend und auch wichtig sein. Ich finde, dass Kunst nicht immer einfach nur wirken sollte, sie sollte auch Stellung beziehen. Mit der Wirkung macht man es sich da als Betrachter zu einfach.

      1. Ja, da gebe ich dir Recht. Natürlich bezieht ein Kunstwerk auch Stellung und viele moderne Künstler würden behaupten, Kunst, die keine Stellung bezieht, gibt es nicht oder wäre dann keine Kunst. Auch ein blauer Punkt auf weißem Grund bezieht Stellung. Aber der Unterschied, den ich meine, ist – dass man sich nicht als Betrachter immer nach dem Titel richten sollte. Ein Titel ist nicht immer wie ein Etikett auch ein Motto. Vieles wird dadurch verstellt oder nicht impliziert. Kein Kunstwerk hat eine eineindeutige Interpretation. Mich fasziniert bei einem solchen die Ästhetik. Laura hat ja gesagt, dass der Titel oft nachträglich hinzugefügt wird – das heißt, man weiß nicht, welchen Titel der Autor gewählt hätte oder ob es für ihn einen richtungsweisenden Begriff gegeben hätte… Das bleibt Spekulation. Bei diesem Bild fasziniert die Ästhetik, hier geht es eindeutig um Ästhetik von Weiblichkeit, Emotionalität und die Frage, weshalb die Schöne ihr Gesicht abwendet. Der Titel würde die Richtung weisen, aber – will ich das hier? Brauch ich das hier – diese abstrakte Zuweisung? …

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