Karen Duve: „Regenroman“ (1999) oder Das innerliche Schütteln

Es ist ein häßlicher Roman. Vielleicht sogar ein böser. Nicht nur, dass es die ganze Zeit über regnet, vor allem die Menschen in diesem Roman haben allesamt nichts Liebenswürdiges an sich. Stereotype Charaktere, die feige sind, wie der Protagonist Leon, oder die nicht mehr können als gut aussehen, wie seine bulimische Frau Roswitha, die sich Martina nennt. Ausnahmslos jede in diesem Roman vorkommende Figur hat ein dunkles Geheimnis oder einen miesen Charakter.
Es gibt nichts Schönes in diesem Buch. Es regnet, tropft, alles ist voll Dreck, Schlamm, Schleim, man findet Leichen und ist bei brutalen Szenen von Mord und Vergewaltigung dabei. Und beim Scheitern, insbesondere beim Scheitern des Schriftstellers Leon, der mit Martina ins mecklenburgische Moor zieht, um dort in Ruhe die Biografie eines Hamburger Bordellbesitzers schreiben zu können. Doch im Moor findet Leon alles Mögliche, nur keine Ruhe.

Jedes der zehn Kapitel beginnt mit einem kurzen Wetterbericht. Das sind vielleicht die harmlosesten Textstellen in Karen Duves Debütroman. Denn in den Kapiteln begegnen einem neben Leichen und menschlichen Abgründen Schneckengemetzel, Ekelmomente voller (Körper-) Flüssigkeiten und Sexszenen mit der sehr dicken Nachbarin Isadora Schlei. Deren Schwester, die maskuline und lesbische Kay Schlei schien mir am Sympathischsten – bis sie den Bordellbesitzer Pfitzner mit einem Flammenwerfer richtet. Und sogar der zugelaufene Hund Noah, der seine Gedanken stellenweise mit einbringt (Vgl. S.133 f.), wird am Ende Martina untreu, die einzige, die einen Zugang zu ihm finden kann.

Mir ist das alles dann doch zu viel. Die negativen Ereignisse kommen Schlag auf Schlag, trommeln wie der stete Regen auf mich Leserin nieder, wollen mich pompös erdrosseln… Vor nichts macht Karen Duve in ihrem Erstling Halt.
Und ich frage mich, warum man einen Roman wie diesen lesen sollte. Erkenntnisse enthält er wenige, fragwürdige: „Frauen waren in Wirklichkeit viel härter als Männer. Das hatte er schon immer gewußt.“

Dennoch habe ich das Buch bis zum Ende durchgelesen. Es verhält sich in etwa so wie beim „kackenden Hund“: man ist angewidert und schaut trotzdem hin. Die Faszination des Ekels (die bei manchen zeitgenössischen Autoren wie Künstlern beliebt ist) macht sich auch Duve zunutze.
Was ich ihr zugutehalte, ist, dass sie mir sprachlich das Moor sehr nah kommen lässt; ich fühlte beim Lesen all die Regennässe, all das Schlammige, Moosige in dem die Figuren sich bewegten:

In wenigen Sätzen erreichte er den ertrunkenen Wald. Ohne sein Tempo zu verlangsamen, drängte er sich zwischen den Bäumen hindurch. Sie waren schleimig und schwarz wie Kohle. Die toten Zweige zerkratzten seinen nackten Oberkörper. Er sprang über umgestürzte Stämme und Wurzeln, die sich schlangenartig vor seinen Füßen wanden. Bei jedem Tritt und Sprung preßte er Feuchtigkeit aus dem schwammigen Moosteppich. (S. 84)

Und ich rechne ihr an, dass sie ihren Negativismus konsequent bis zum Ende durchzieht.
Doch es gibt kein Licht in diesem Buch. Nicht einmal ein freundliches Wort. Nichts, woran man mit den Figuren glauben kann. Das einzig Verlässliche ist das andauernde Schlechte und der Verfall.

Ich bin wirklich keine Leserin, die alles immer voller optimistischer Menschen, Hoffnung und Happy-Ends braucht. Die meisten Bücher, die ich liebe, haben etwas Melancholisches oder gar Trauriges an sich. In Karen Duves Debüt jedoch ist stellenweise die negative Handlung so überzogen, dass es schon wieder komisch ist und man fies grinst und demzufolge etwas Positives einbringt.
Das war es dann aber auch. Ich mag diesen Roman nicht empfehlen. Der Autorin gebe ich aufgrund ihres Detailreichtums und ihrer Konsequenz nochmal eine Chance. Und nun brauche ich erstmal ein Eis in der Sonne.

** (2 von 5 Sternen)

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