Walter Benjamin: „Berliner Kindheit um 1900“ – Ein wiederentdecktes Stück Kulturgut

Ich suchte mir die stillste Zeit am Tag und diesen abgeschiedensten von allen Plätzen. Danach schlug ich die erste Seite auf und war dabei so feierlich gestimmt wie jemand, der einen Fuß auf einen neuen Erdteil setzt. (S. 108)

Wie Erinnerungsbilderstücke bauen sich in Walter Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“ die einzelnen Kapitel auf. Fragmente, die in den Leser eindringen, sobald er sich auf die alte Sprache Benjamins eingelassen hat. Die Geschichten, die erzählt werden, beschwören eigene Erinnerungen und bilden eine zweiteilige Leseerfahrung: Zum einen nimmt man Teil an Benjamins Kindheit im Berlin um 1900, zum anderen schweift man in die eigene Vergangenheit ab, stellt Vergleiche an, lächelt… So ging es mir zumindest beim Lesen dieses kleinen Büchleins. Wer kennt sie nicht auch, die süße Erinnerung:

„Man konnte damals Schokolade in zierlichen kreuzweis gebündelten Päckchen kaufen, in denen jedes Täfelchen für sich in farbiges Stanniolpapier verpackt war.Das kleine Bauwerk, dem ein rauher Goldfaden seinen Halt gab, prunkte mir grün und gold, blau und orange rot und silber; nirgends stießen zwei gleich verpackte Stücke aneinander.“ (S.70)

Walter Benjamin, der vor allem durch seine kunst- und literaturkritischen Schriften und Übersetzungen bspw. Prousts Bekanntheit erlangte, schildert hier detailliert seine kindliche Wahrnehmung in Berlin. Er begibt sich in den Tiergarten, schaut von den Loggien der Wohnhäuser herab, streift über die Pfaueninsel und begegnet nachts Mond und Gespenstern. Eine vergangene Ära der Großstadt schimmert durch seine Worte hindurch. Das spielerische Entdecken von Geheimnissen in Schränken und Schubladen, das Flanieren um die Siegessäule herum, Besuche an Sonntagnachmittagen, Fiebererlebnisse, Schmetterlingsjagd und das befremdlich-faszinierende Telefon… Benjamin weiß diese verzauberte Zeit in wenigen prägnanten Bildern hervorzuholen.
Wer viel Literatur unserer Zeit des 21. Jahrhunderts liest wird eine kurze Eingewöhnungszeit brauchen, um sich in die Sprache einzufinden. Sie ist nicht schwerer, sie ist anders: Dichterischer vielleicht, verspielter, melodiöser.

Irritierend im Kontext von Kindheitserinnerungen, aber bedeutungsverstärkend und poetisierend wirken die philosophischen Einschübe innerhalb der Sequenzen. Die Betrachtung der Loggien, mit roten Blüten von Geranien, auf denen sich abends „Lesekränzchen“ versammeln, gerät zu einer Reflektion über das Flüchtige in der Stadt (Vgl. S.13). Oder der Erzähler erwacht bei Nacht und von der Welt ist „nichts mehr vorhanden (…) als eine einzige verstockte Frage: warum denn etwas auf der Welt, warum die Welt sei?“ (S. 75)

Am Ende der Sequenzen der sogenannten „Fassung letzter Hand“, die 1940 von Benjamin vor seiner Flucht versteckt und erst 1981 wieder entdeckt wurde, steht „Das bucklichte Männlein“. Es heißt: „Allein ich habe es nie gesehn. Es sah nur immer mich. Es sah mich im Versteck und vor dem Zwinger des Fischotters, am Wintermorgen und vor dem Telefon im Küchenflur, am Brauhausberge mit den Faltern und auf meiner Eisenbahn bei Blechmusik.“ (S.79)
Im Kapitel über dies Männlein schließt Walter Benjamin die Schilderungen seiner „Berliner Kindheit“ ab und fasst sie zusammen. Sie sind zu einem kleinen Schatz deutschen Kulturgutes geworden. Deutlich wird dies daran, dass sie sich im Gedächtnis manch eines Feuilleton-Autoren verankert haben, wenn sie über Berlin schreiben:

„Man geht eine Straße entlang, bewundert mit melancholischem Lächeln die historischen Stuckzitate an den Fassaden und kann sich an die Sonntagnachmittagsstimmungen aus Walter Benjamins „Berliner Kindheit“ erinnern.“
(Gustav Seibt: „Hundert Jahre, ein Wimpernschlag“, in: Monopol Berlin Kunst und Kultur 2012-2013, 2/2012, S. 29)

Absolute Empfehlung für alle, die Walter Benjamin schätzen, Berlin und die Zeit um 1900 lieben oder eine kleine Reise in die (eigene) Vergangenheit unternehmen möchten.

Walter Benjamin: „Berliner Kindheit um 1900“, erschienen bei Suhrkamp 1987
(1938 geschrieben, wiederentdeckt 1981 in der Pariser Nationalbibliothek)

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2 Gedanken zu “Walter Benjamin: „Berliner Kindheit um 1900“ – Ein wiederentdecktes Stück Kulturgut

  1. Danke für’s Entdecken. Diese alten Bücher finden Vokablen, die wir heute gar nicht mehr kennen („Blechmusik“) und haben einen feinen Sinn für Beobachtungen, der heute oft fehlt.
    Leo

    1. Lieber Leo, wie recht du hast. Wenn man sich erst einmal auf die Sprache dieser alten Zeiten einlässt, kann man nur fasziniert sein. Da ersteht aus der Sprache eine vergangene Zeit, ein altes Berlin wieder auf. In Worte gebannter Zeitgeist. Ich mag das sehr!

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