Es ist Herbst und ich empfehle … Rainer Maria Rilke

Blätterfall, rauer Wind, grauer Himmel oder Sonnenschein durch buntes Laubwerk, kühle Abende und laue Nachmittage, Wolkenbruch und nieselnder Regen – in Berlin wird Herbst und das finde ich wunderschön. Der Herbst ist die Jahreszeit, in der ich geboren wurde und seltsamer Weise fühle ich mich diesem sehr verbunden. Meine Blicke baden im Farbenmeer des sich rot-orange-gelb-purpur einfärbenden Laubes und die kräftigen Windböen wirbeln neue Gedanken durch meinen Kopf und vertreiben die alten.

Der Herbst ist Melancholie und Einkehr aber auch Erneuerung für mich und er zeigt mir, dass alles, was im Sommer in voller Blüte stand, einmal vergeht und sich wandelt. Er ist für mich auch irgendwie der poetischste Monat, weil seine kräftigen Farben und seine ganz eigene dunkle Energie viel Kreativität und Schöpferisches hervorbringen kann. Daher lese ich im Herbst auch besonders gern Lyrik. Die emotionale Vielfalt und verzweifelte Stärke des Herbstes haben schon viele Autoren inspiriert diese in lyrischen Bildern einzufangen. Diese Jahreszeit animiert ungemein, die eigenen Empfindungen in Worte zu kleiden und das Innere nach außen zu kehren …

Als Autor für den Herbst möchte ich euch daher Rainer Maria Rilke empfehlen. Rilkes Poesie hat für mich schon immer eine besondere Kraft und Tiefe. Er beobachtet die Dinge um sich herum sehr genau und erkennt in ihnen Muster und Rhythmen, die er in seinen Worten einfängt. Rilke ist vor allem ein Beobachter der Natur, die auch seine gesamte Poesie durchdringt.  Durch ihren liedhaften Klang und ihrer großen Bewegtheit rührt sie tief an meine Seele. Trotz der sehr traditionellen Motivik und Metaphorik ist und bleibt Rilke für mich einer der wichtigsten europäischen Lyriker der Moderne. Wer sich noch nicht intensiv mit Rilke befasst hat, aber sich vorstellen kann, sich von ihm in die gedanklichen Tiefen der Herbstmelancholie entführen zu lassen, dem empfehle ich daher eine sehr schöne kleine Taschenbuchausgabe des Insel-Verlages mit dem einfachen Titel „Herbst“. Darin versammelt sich ein Konglomerat an Gedichten, Prosa-Texten und Briefen, in denen Rilke den Herbst zum Thema wählte. Ich stöbere immer wieder gern in dem kleinen Bändchen und entdecke neue Herbstgedanken – vor allem jetzt, da die Abende dunkler und die Tage länger werden.

Das kleine Taschenbuch eignet sich für Rilke-Neulinge, aber auch jene, die Rilke vielleicht aus den Augen verloren haben oder bisher nichts mit seiner Lyrik anfangen konnten. Ich würde behaupten, diese Auswahl an Herbst-Texten ist eine der besten, die es gibt, denn Rilke ist zweifelsohne ein Herbst-Dichter. Sie begleitet mich schon eine ganze Weile und ich hole sie im Herbst immer wieder hervor. Man spürt beim Lesen, dass Rilke sich dieser Jahreszeit sehr nahe fühlt, da er sich in ihrer Bildlichkeit häufig ausdrückt. Auch wenn Insel in dieser Reihe auch Rilke-Texte zu den anderen Jahreszeiten ausgewählt hat, finde ich diesen Band am schönsten.

Beim Blättern ist mir folgendes kleines Gedicht aufgefallen, das ich euch hier zeigen möchte, um euch Lust auf Rilke zu machen. Sehr gern könnt ihr mir eure Herbst-Autoren nennen – mich würde sehr interessieren, wer für euch diese Jahreszeit am deutlichsten einfängt. Auch Rilke-Gegner oder Ablehner, sofern es diese gibt, sind herzlich zu Kommentaren eingeladen.

HERBST-ABEND

Wind aus dem Mond

plötzlich ergriffene Bäume

und ein tastend fallendes Blatt.

 

Durch die Zwischenräume

der schwarzen Laternen

drängt die schwarze Landschaft der Fernen

in die unentschlossene Stadt.

Werke II, 354 f.

Empfehlung: Rainer Maria Rilke: Herbst, Insel Verlag Frankfurt am Main, (hier 1. Auflage 2007, gibt es bei Suhrkamp in aktueller Auflage)

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