Siri Hustvedt: „Was ich liebte“, Roman (2003)

Aber wir alle leben in den eingebildeten Geschichten, die wir uns selbst von unserem Leben erzählen. (S. 393)

Alles verschwindet, irgendwann. In diesem Roman verschwinden Menschen, weil sie sterben oder verlassen, Dinge verschwinden, weil sie gestohlen werden, und am Ende verschwindet das Sehvermögen des Protagonisten Leo Hertzberg. Selten endet ein Roman so leise, als würde er aus meinem Leben langsam verschwinden. Doch seine Figuren und Bilder wirken in mir weiter, wie das häufig der Fall ist, wenn man etwas verliert. Als ich die letzten Zeilen dieses Buchs las, verlor ich mehrere Begleiter meines Herbstes in diesem Jahr. Doch der Reihe nach.

Vorweg muss ich gestehen: Ich bin voreingenommen. Ich liebe dieses Buch besonders, vielleicht weil ich mich so mit dem Protagonisten identifizieren kann, der Kunsthistoriker ist, wie ich auch. Ich liebe diesen Roman, weil er vom Verschwinden der Liebe und von Gefühlen erzählt, vom Älterwerden, von Kunst und der Konstruktion von Wahrheit und Wirklichkeit. Siri Hustvedt schreibt in ihrem Buch von allem, was ich lieb(t)e. 

Was passiert

Lucille hatte keine Affäre gewollt. Dessen war ich mir ganz sicher, aber sie hatte etwas von mir gewollt. Ich sage etwas, weil es, was immer es war, die Gestalt von Sex nur angenommen hatte. (S. 131)

Die Autorin beschreibt das New York der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhand des Protagonisten und Ich-Erzählers Leo Hertzberg und der Personen um ihn herum. Da ist seine Frau, Erica, die im Laufe des Romans verschwindet und überwiegend in Form von Briefen in seinem Leben präsent bleibt. Da ist Matt, Matthew, sein Sohn, der elfjährig verunglückt. Und da sind sein bester Freund und Nachbar Bill, William Wechsler, der Künstler ist und seine zweite Frau Violet, sowie deren (Stief-)Sohn Mark und dessen Mutter Lucille.
In den insgesamt drei Teilen des Romans erzählt Leo vom Leben mit und ohne Erica und Matt, von Trauerarbeit und von dem Versuch, andere Menschen zu verstehen. Es ist ein leises, trauriges Zurückschauen auf das, was passiert ist. Gemeinsam mit Leo Hertzberg, der 1935 aus Berlin emigrierte, blickt man auf den Alltag zweier Paare, die alle künstlerisch oder kreativ tätig sind. Das Arbeiten als Künstler oder Autorin (Violet), als Dichterin (Lucille) oder Kunsthistoriker prägt das Denken der Figuren, die sich alle auf die eine oder andere Weise nahestehen. Sie inspirieren sich gegenseitig und diskutieren nächtelang. Dennoch sind sie nicht gefeit vor Schicksalsschlägen.
Während Leo und Ericas Sohn Matt viel zu früh stirbt, entwickelt sich Mark, der Sohn von Bill und Lucille, zu einem notorischen Lügner und Drogenabhängigen. Am Ende sind Leo und Violet die einzigen, die noch in ihren Lofts in New York wohnen.

Kunst im Roman

Doch habe ich einen Katalog erinnerter Gemälde im Kopf, in dem ich blättern kann und gewöhnlich das benötigte Werk finde. (…) Mein derzeitiges Mittel gegen Schlaflosigkeit ist die Suche nach dem geistigen Abbild eines Gemäldes und das Bemühen, es wieder so klar wie möglich zu sehen. Seit kurzen rufe ich Piero della Francesca auf. Vor über vierzig Jahren habe ich meine Dissertation über sein De prospectiva pingendi geschrieben. Indem ich mich auf die strenge Geometrie seiner Gemälde konzentriere, die ich einst so genau analysiert habe, schütze ich mich vor anderen Bildern, die aufsteigen um mich zu quälen oder wach zu halten. (S.31)

Hustvedt versucht, mehrere Metathemen in das ohnehin komplexe Personennetz mit einzuspannen. Es geht um Ess- und Persönlichkeitsstörungen, ums Erwachsen- und Älterwerden, um den Umgang mit Verlusten und vor allem immer wieder um Kunst.
Da, wo die Kunst eine Rolle spielt, erscheint mir Hustvedts Schreiben am Professionellsten. Sie beschreibt durch den Protagonisten Leo die Werke von Bill so eingehend und detailliert, dass man sich diese als Leser genau vorstellen kann. Allerdings wird sie dabei nicht akademisch. Bereits auf den ersten Seiten steht man vor einem Gemälde, das Leo kauft und damit die Freundschaft zu Bill begründet und das Bild taucht im Buch immer wieder auf.
Man trifft auf reale Künstler verschiedener Epochen, ebenso wie auf fiktive Künstler wie die Romanfiguren Bill oder Teddy Giles. Letzterer ist ein schriller Künstler der Extreme, der die Kunstszene mit zerstückelten Leichennachbildungen und ständigen Rollenwechseln schockt. Der Kunsthistoriker Leo erkennt, dass es nur um den Affekt geht und versteht die Faszination für das Oberflächliche nicht. Allerdings ist auch er geschockt, als Teddy Giles am Ende jegliche moralische Grenzen überschreitet.
Interessanterweise denkt Siri Hustvedt in der Figur des Teddy genau das weiter, was ich unlängst in meiner Masterarbeit feststellte: Es gibt eine Tendenz der Grenzüberschreitungen in der gegenwärtigen Kunst. Ich musste lächeln, als ich in diesem Roman einem Gespräch über die Künstler begegnete, mit denen ich mich wissenschaftlich auseinandergesetzt habe (Vgl. S.258 f.). Daher fielen mir auch einige kleinere Ungenauigkeiten bzw. Fehler auf, die aber unerheblich im Romankontext sind.
Durch Leo nimmt man als Leser an der vibrierenden Kunstszene New Yorks teil, man begibt sich mit ihm in Ateliers und Galerien, reflektiert über Goya oder die mediale Entwicklung hin zum Performativen. Vor allem erfährt man die Beziehung zwischen einem Künstler und seinem Bewunderer aus nächster Nähe, und darüber hinaus die komplexen Kontaktnetze zwischen Kunstkritikern, Galeristen, Künstlern, Sammlern. Gemeinsam mit dem Protagonisten wird man tief hineingeführt in die Welt der Kunst, die ich liebe, die aber vielen fremd ist. Mit dem subtil-kritischen Unterton gelingt es Siri Hustvedt, dem Leser ein Bild der Kunstwelt zu vermitteln und sie vielleicht sogar lieben oder verstehen zu lernen.

What I like and what I don`t like

„Was ich liebte“ ist kein perfekter Roman. Er hat seine Schwächen. Besonders, wie ich finde, weil eine sehr starke Polarisierung zwischen Gut und Böse stattfindet. Während Leo und Bill die guten Charaktere verkörpern, stehen ihnen auf der bösen Seite Teddy Giles oder der Kritiker Henry Hasseborg gegenüber. Mark, der Sohn des Künstlers Bill, ist ein ständiges Pendel zwischen beiden Seiten, um ihn geht es überwiegend im dritten Romanteil. In diesem, und darin sehe ich eine weitere Schwäche des Romans, überschlagen sich die Ereignisse, es geht um Mord und Gefahr, um eine Waffe und Blut, bei dem keiner mehr so recht weiß, ob es reales oder künstliches Blut ist… Es kommt einem ein wenig so vor, als habe die Autorin zuletzt noch ganz viel in den Roman mit hineinnehmen wollen.
Am Ende bleibt ein Gefühl der Bitterkeit zurück. Leo Hertzberg erkrankt ausgerechnet an einer Augenkrankheit, die ihm nach und nach die Fähigkeit zu sehen nimmt. Die Menschen, die er liebt, verschwinden nach und nach aus seinem Leben. Mit ihm erfährt man das Leben, wie es ist.
Dennoch verbittert er nicht. Und darin liegt die mitunter größte Stärke dieses Romans: In einem erbarmungslosen Realismus wird einem ein Gesellschaftsspiegel vorgehalten. „Was ich liebte“ ist ein melancholisches und teilweise sehr trauriges Buch. Dadurch jedoch, dass diese Melancholie in einer wundervollen poetischen Sprache voller Gehalt ausformuliert ist, kann ich es nur empfehlen. Nicht zuletzt gelingt es Hustvedt, eine intensive emotionale Nähe zu den Figuren zu erzeugen, ähnlich wie ich es von Jonathan Franzen kenne. Daher meine ich, ich habe meine Begleiter verloren, indem ich die letzten Seiten dieses eindrucksvollen Buches las.

***** (5 von 5 Sternen)

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5 Gedanken zu “Siri Hustvedt: „Was ich liebte“, Roman (2003)

  1. Mit besonderem Dank an June Autumn, deren Rezension und Platzierung des Buches ganz weit oben in ihrer Rangliste mich dazu brachte, dieses Buch zu lesen 🙂

  2. Was für ein großartiger Roman! Nachdem du ihn mir schenktest vor einiger Zeit, habe ich ihn nun gelesen und bin SEHR begeistert. Mir geht es mit den Figuren sehr ähnlich, sie lassen mich nicht los. Siri Hustvedt entwickelte durch den Blick des Erzählers Leo eine so große menschliche emotionale Nähe zu den Figuren, die den Leser packt und fasziniert. Ja, du hast Recht, dass man durch diese Perspektivierung ein wenig sehr auf der Seite von Leo ist und ihn nicht von einem anderen Blickwinkel betrachten kann. Dadurch erfährt man alles gefiltert durch seine Sichtweise und kann auch die anderen Figuren nur durch seine voreingenommene Beschreibung verstehen. Siri Hustvedt mischt hier viele traditionelle Erzählmomente mit modernen. Zum Ende hin, fand ich, wirkt es wie ein Krimi – die rätselhafte Geschichte um Mark und Teddy Giles bleibt schemenhaft unklar bis zum Schluss, das macht es spannend, die Handlung plätschert nicht dahin, sie hat alle Fäden in der Hand, und ja man ist als Leser verwirrt. Wer hat hier von wem gelernt – Siri von Paul oder umgekehrt ;)?

    Ich bin auch sehr fasziniert von diesen Beschreibungen der Kunstwelt und überhaupt von den Kusntwerken, nicht zuletzt von dieser Künstlichkeit und auf Prestige ausgerichteten Kunstszene, die man hiier kennenlernt, die für mich ein wenig überspitzt dargestellt erschien um Kritik an eben dieser Tendenz zu üben!? Ein Roman mit vielen Themen und vor allen Dingen sehr gut recherchiert wie ich finde – die Themen Anorexia, Hungern, Magersucht, Hysterie, Depression werden anhand von Fallbeispielen erläutert, so dass ich große Lust habe mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Ob hinsichtlich der Kunstthematik Fehler unterliefen, kann ich nicht beurteilen, daher bin ich da nicht so streng. Sicherlich kann man dem Roman vorwerfen, zu viele Themen zu verweben, dennoch macht er es gut und nicht zu oberflächlig, meiner Meinung nach. Das kommt eben auch immer auf den Wissensstand des jeweiligen Lesers drauf an, ob ihn etwas langweilt oder fasziniert – doch dieses Buch vermag sicherlich Leser zu faszinieren, die nicht so in der Kunstwelt verwoben sind, da es einfach spannen, berührend, dicht und gut erzählt ist und viele Themen auch tiefgehend behandelt und ihnen nachspürt und Zeit gibt.

    Danke dir, dass du mich auf diese Autorin aufmerksam gemacht hast – ich freu mich auf das nächste Buch von ihr, dass ich zufällig am Wochenende gefunden habe: „Die Verzauberung der Lily Dahl“. —- Gute Nacht —-

    1. Ich freue mich TOTAL, dass es dir auch so gefallen hat. Sie wird sicher noch öfter Gesprächsthema sein, da wir beide noch mehr von ihr lesen werden. Vielleicht sollten wir auch mal einen Dialogue zu einem ihrer Bücher machen 😉
      Sie ist auf jeden Fall eine herausragende Schriftstellerin, gerade weil sie mit so vielen interessanten Themen so souverän umgeht!
      Schlaf gut…

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