Carson McCullers: Das Herz ist ein einsamer Jäger (1940)

Einen poetischeren und schöneren Romantitel hätte sich die amerikanische Autorin Carson McCullers nicht aussuchen können. Dieser Titel allein deutet schon an, welche Kraft hinter diesem Buch steckt und worum es Carson McCullers hier geht: um Menschlichkeit und Liebe. Und um Fehler und Unzulänglichkeiten.

„Das Herz ist ein einsamer Jäger“ handelt von Menschen am Rande der Gesellschaft, von den Ausgegrenzten, Chancenlosen, Unbeachteten und Unterdrückten. Sie sind die eigentlichen Helden der Geschichte und bekommen hier die nötige Aufmerksamkeit zugedacht, die sie eigentlich viel zu selten erhalten, denn sie zeigen die Schattenseiten einer Gemeinschaft und ihre Vielgestaltigkeit. Mit einer großen Liebe zu ihren als „Missgeburten“ ausgegrenzten Figuren zeichnet die Autorin ein eindrückliches Bild des Amerikas der Südstaaten und seiner harten Realitäten in den 1930er Jahren. Dieses Buch besitzt einen hohen literarischen Wert, da sie große Gedanken mit sehr einfachen, direkten Worten und einer Hingabe zu den menschlichen Unzulänglichkeiten formuliert. Es macht den Leser auf die Dinge aufmerksam, die man sonst oft übersieht. Die Autorin beschönigt nichts, sondern zeigt in einer deutlichen, unprätentiösen und verständlichen Sprache wie der Alltag von Ausgestoßenen und Unterdrückten im Amerika um 1940 verlief – unterdrückt, sei es ob der Rasse, des Geschlechts, der Religion oder der körperlichen Versehrtheit.

Die Geschichte:

Der Roman dreht sich um eine kleine Gruppe von Menschen, in einer hässlichen heißen Industriestadt im Staate Georgia, die nicht weiter benannt wird. Diese Menschen wissen eigentlich gar nicht, dass sie eine Gemeinschaft bilden, die füreinander da ist. Sie leben tagtäglich miteinander, beobachten sich gegenseitig mit großem Misstrauen und erkennen das Andersartige an den Mitgliedern dieser Gemeinschaft. Dabei bemerken sie nicht, dass sie einander in ihrer Einsamkeit und Andersartigkeit zutiefst ähneln und sich daher nicht fremd sein müssen. Carson McCullers auktorialer Erzähler schildert, wie sich im Jahr 1939 die Geschehnisse im Leben einzelner Menschen in einer Stadt wie scheinbar vorherbestimmt verflechten. Und man ist erstaunt, wie sehr diese Menschen sich nicht nur mit sich selbst und ihren eigenen Problemen, sondern miteinander beschäftigen. Mit dem Erzähler beobachtet man die Figuren dieses Romans und erkennt deren innere Schönheit, zutiefst traurige Wahrheit oder existentielle Einsamkeit.

Im Mittelpunkt der Geschichte und an ihrem Anfang und Ende steht der taubstumme Jude Mr. Singer, der mit seinem taubstummen Freund Antonapoulos, dem dicken Griechen, wie ein altes Ehepaar zusammenlebt und die stumme Einsamkeit teilt. Mr. Singers tiefe Liebe zu seinem einzigen Freund und Gefährten ist der einzige Lichtpunkt in seinem eintönigen Kleinstadtleben. Singer bringt ihm jedoch mehr Liebe entgegen als der lebensfreudige Grieche erwidern kann und es scheint, Antonapoulos lebe in seiner eigenen Welt. Diese beiden bilden ein seltsames Paar, deren stumme Gemeinschaft keiner in der Stadt erkennt oder versteht, weil man die beiden oft übersieht.

Sie werden gleich zu Beginn des Buches auch schon auseinander gerissen, da Antonapoulos, der immer sonderbarere Verhaltensweisen entwickelt, von seinem einzigen Verwandten und Vetter in ein staatliches Irrenhaus eingewiesen wird. Damit verliert Mr. Singer den einzigen wahren Freund und Gefährten, den er je hatte und irgendwie stirbt auch ein Teil von ihm.

Fortan lebt der Taubstumme zur Untermiete bei einer weißen Großfamilie der Unterschicht – der Vater ein Uhrmacher, der keine Aufträge mehr bekommt, die Mutter Hausfrau. In dieser Familie begegnen wir den weiteren 2 Hauptpersonen: der 13-jährigen Tochter Mick, die heimlich für Mr. Singer schwärmt und der schwarzen Haushälterin  Portia, die sich liebevoll um die Kinder und den Haushalt kümmert. Mick ist ein kluges 13-jähriges Mädchen, die eher jungenhaft wirkt, von ihren größeren Schwestern Etta und Hazel dafür verspottet wird und mit ihren beiden kleinen Geschwistern allein durch die Gegend zieht. Sie wünscht sich ein Klavier und träumt heimlich von einer Musikkarriere. Mick wird innerhalb eines Jahres so schnell erwachsen, dass sie es selbst kaum glauben kann.

Ein weiterer Handlungskreis ist der um die Familie der schwarzen Haushälterin, die mit ihrem Mann Highboy und ihrem Bruder Willie ein einfaches Leben lebt, geprägt von Rassenhass, Ausgrenzung und dem Kampf um gesellschaftliche Anerkennung. Ihre Erfüllung findet sie in ihrem christlichen Glauben und ihrer Fürsorge für ihre Familie. Sie besucht ab und an ihren Vater, Dr. Copeland, von dem sich die Familie wegen seines schwierigen gewalttätigen Wesens abgewendet hat. Der Arzt und Intellektuelle opfert sich für seine Patienten auf und verkriecht sich in den Studien philosophischer und politischer Schriften von Karl Marx und Spinoza. Der Witwer träumt von der Umwälzung der Gesellschaft und von einem freien und gleichen Leben für alle unterdrückten Rassen, obgleich er sich bewusst ist, dass es ein langer Weg zur Gleichheit und Befreiung werden wird. Für seine Kinder wünschte er sich ein besseres Leben durch eine gute Bildung und den kommunistischen Gedanken, doch krankt seine Seele daran, dass er diesen intellektuellen Gedanken nicht an seine Kinder weitergeben konnte, die ein anderes Leben führen wollen. So entsteht trotz des Gegensatzes der christlichen Portia und ihrem kommunistisch denkenden Vater, der all seine Hoffnungen auf intellektuellen Widerstand setzt, eine familiäre Einheit, die sich stützt. Vor allem als die Familie eines Tages die harte Realität der rassistischen Gewalt zu spüren bekommt und näher zusammenrückt.

Carson McCullers vermittelt erzählerisch durch den Konflikt Dr. Copelands mit seiner Familie und der privilegierten weißen Rasse, die Ideen der kommunistischen Utopien. Da wäre noch der hässliche und gewalttätige Trunkenbold und Arbeiter Jake Blount, der sich im Café und Restaurant des sensiblen Biff Brannon, dessen Frau Alice überraschend verstorben ist, herumtreibt. Blount hat eine ganz eigene radikale Sicht von der Welt und ist im Gegensatz zu Copeland ein intellektueller Arbeiter, der versuchen will, seine Mitmenschen zu bekehren, aber allzu oft dem Alkohol verfällt. Im Grunde gleichen sich Blount und Dr. Copeland mehr, als sie es sich eingestehen möchten, denn beide wollen von einem unterschiedlichen Standpunkt aus die Gesellschaft und ihre eigene Situation verändern und die Klassentrennung überwinden. Am Ende des Romans treffen beide aufeinander und in einem abschließenden Gespräch kulminiert dieser Gegensatz von schwarz und weiß, der eigentlich nur ein äußerlicher ist – beide können nicht aus ihrer eigenen Haut heraus. Und darin besteht die große Tragik – Menschen, die sich eigentlich im Geiste nahe sind, können nicht miteinander umgehen, weil es die gesellschaftlichen Konventionen nicht zulassen oder der eigene Stolz.

Auch die Figur des Biff Brannon bleibt dabei interessant: Er ist ein einsamer Restaurant-Besitzer, der eine sensible Beobachtungsgabe besitzt und eine Vorliebe für „Missgeburten“ hat, wie er selbst sagt. Er lässt Blount unentgeltlich trinken, seinen Rausch ausschlafen – auch wenn er nicht dahinter kommt, was dieser Blount eigentlich will. In seinem Café und Restaurant treffen sich alle Personen wieder: der taubstumme Mr. Singer isst dort zu Mittag und Mick holt sich dort Bier und Eis.

Am Leben der Familie Copeland wird deutlich, wie sehr das Leben in den 30er Jahren vom Rassenhass, der Ausgrenzung und Rassentrennung geprägt war. Carson McCullers zeigt, wie diese einfachen Menschen im Einzelnen mit dieser gesellschaftlichen Ausgangslage umgehen, auf sie reagieren oder sich fügen. Trotz der Traurigkeit der Situation, der scheinbaren Ausweglosigkeit und Einsamkeit herrscht in jedem Menschen eine tiefe Sehnsucht nach einer besseren Welt.

„Das Herz ist ein einsamer Jäger“ zeigt eine Welt und Menschen voll scheinbarer Gegensätze, die jedoch bei genauerem Hinsehen mehr eint, als sie trennt. Symbolisch für diese unsichtbare Band steht die Beziehung der Figuren zum taubstummen Mr. Singer. Jeder der Hauptfiguren beschäftigt sich regelmäßig mit ihm und sucht seine Nähe – Sie machen sich ihr eigenes Bild von ihm und fühlen sich von ihm verstanden, obwohl er nie mit ihnen sprechen kann. So endet der Roman mit einer sehr menschlichen aber traurigen Botschaft, und doch steckt darin sehr viel Poesie und viel Hoffnung – auf jeden Fall aber die Erkenntnis: Liebe ist eine existentialistische Kraft und ohne sie sind wir nichts.

Der erste Satz:

Es gab in der Stadt zwei Taubstumme, die man stets beisammen sah.

Der letzte Satz:

Während er zur Tür ging, fühlte er sich wieder sicherer auf den Beinen, und als er ins Lokal zurückkam, war er wieder so weit, daß er nüchtern und gelassen dem neuen Tag entgegensah.

5 ***** Sterne

Was ich daran liebe …

Ein großes, wunderbares Buch, das zu Recht zum Kanon der Weltliteratur gehört. Sein existentialistischer Tenor und seine poetische Grundidee lassen sich immer noch aktuell auf die heutige Gesellschaft anwenden.

Die Autorin vermittelt uns erzählerisch unangestrengt und ohne moralischen Zeigefinger, dass wir doch genauer hinschauen sollten und die Menschen nicht nach ihrer Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe, religiösen Gemeinschaft oder Äußerlichkeiten beurteilen sollen.

Wer etwas über das Amerika der 30er und 40er Jahre erfahren möchte, und sich für die Randgestalten einer Gesellschaft interessiert, wo „Missgeburten“ zu Helden werden, wird in Carson McCullers Buch sehr viel Einfaches, aber Wahres und Großes finden. Uns vereint viel mehr, als uns trennt – und jedes Herz ist ein „einsamer Jäger“.

Linktipp:

The Carson McCullers-Project
Carson McCullers bei Diogenes

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