„Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945“, Ausstellung in Berlin

Konzeption der Ausstellung

Die Ausstellung des Europarats „Verführung Freiheit“ im DHM Berlin vermittelt gleich zu Anfang einen internationalen Touch, Künstler aus 28 Ländern und Außenminister Guido Westerwelle grüßt im Vorwort des Ausstellungskataloges.

Man signalisiert Zusammenarbeit: Es gibt keine Grenzziehungen zwischen Ost und West, zwischen den Ländern aus denen die 113 Künstler stammen. Und das ist gut so. Denn die existentiellen und gesellschaftlichen Grundfragen sind uns allen gemeinsam: Wie wollen wir leben? Was wollen wir vermeiden? Was kann jeder Einzelne für eine bessere Zukunft tun?

Zwölf Kapitel stellen das Grundgerüst der Ausstellung dar. Sie umkreisen gedankliche Auseinandersetzungen mit menschlichen Grausamkeiten wie Krieg, Nachhaltigkeit, politische Staatsformen und deren Einfluss auf das Leben des Einzelnen, Utopien und die Sehnsucht nach Freiheit, sowie den Missbrauch von Ideologien. 

Umsetzung

Bildschirme mit interaktiven Karten und Informationen zu vertretenen Ländern und Künstlern sind in den Ausstellungsräumen eingestreut und fügen sich als Infocenter gut in die Exponate ein.
Die Gliederung der zwölf Kapitel der Ausstellung findet sich jeweils zweisprachig als Überschrift oben an den Wänden, prägnante Einführungstexte zu den Kapiteln sind an Stellwänden angebracht. Man findet sich in der Ausstellung auch ohne Audioguide oder helfendes Personal gut zurecht, die Struktur erschließt sich schnell und einfach trotz hoher Anzahl an Ausstellungsstücken.

Dadurch, dass einige namhafte Künstler ihren Beitrag zur Ausstellung beibringen, fehlt es nicht an inhaltlicher Tiefe (namhaft nicht im Sinne von Bekanntheit wie im Fall Damien Hirst, der zur Zeit in Ilfracombe Aufsehen erregt, sondern im Sinne von Bedeutung wie im Fall von bspw. Valie Export, Fernand Léger, Anselm Kiefer). Die Werke werden durch Wandbeschriftungen vermittelt, die manchmal zu offensichtlich zum Nachdenken anregen wollen, in der Regel aber das Wesentliche zusammenfassen.
Durch die Zusammenkunft der Werke aus 28 Ländern entsteht das bereichernde Entdecken neuer Künstler im Zusammenklang mit dem lächelnden Wiedererkennen bekannter Namen und/oder Werke. Die Auswahl der Arbeiten, die verschiedene Medien abdecken (Video, Gemälde, skulptur, Grafik) ist themenspezifisch und sehr gelungen. (siehe auch Empfehlungen unten)
Man verbringt automatisch viel Zeit beim Durchlesen und -schauen der einzelnen Ausstellungsetappen. Unweigerlich stellt man sich jene gesellschaftlichen Fragen, untermauert vom kategorischen Imperativ, die die Kuratoren in einem hervorrufen wollen. Die Ausstellung ist dabei aber nicht rein didaktisch. Vielmehr ermuntert sie zum Schauen und Hinterfragen ohne zu belehren.

Irritation und Kritik

„Verführung Freiheit“ nennt sich die Ausstellung. Am Ende werde ich das Gefühl nicht los, der Titel passe nicht recht zum Inhalt. Sicher geht es auch um Freiheit, ihre Verlockungen und ihre Verdammnis. Doch im Vordergrund stehen viel mehr Themen wie Menschenrechte, Gleichberechtigung, Kriegsschrecken oder Eigenverantwortung. Der Titel scheint mir wie der missglückte Versuch, eine spannende Vielfältigkeit an Themen unter einem bzw. zwei Begriffen zu fassen.

Ebenso irritiert mich folgende Formulierung im Einführungstext zum Kapitel „Reise ins Wunderland“: „Der Umgang mit der jüngst vergangenen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg lässt sich als Reise ins Wunderland der schönen Geschichten bezeichnen.“ Gemeint sind mit den schönen Geschichten Geschichtskonstruktionen, die angeblich notwendig sind. Wie aber kommt man in dem Zusammenhang auf die Bezeichnung „Wunderland“? Ausgestellt sind in diesem Abschnitt Werke u.a. von Armando, Anselm Kiefer, Luc Tuymans und Damien Hirst. Sie alle sind eher ernster Natur, befassen sich mit Schuldfragen nach dem Zweiten Weltkrieg, mit Albert Speer oder „Berufen ohne Zukunftsaussichten“. Den positiv konnotierten Ausdruck „Wunderland“ finde ich in diesem Zusammenhang ziemlich daneben. Wer die Ausstellung besucht, und anderer Meinung ist, kommentiere gerne!

Empfehlung

Ungeachtet einiger begrifflicher Unschärfen handelt es sich um eine toll konzeptionierte, sehenswerte Ausstellung, die verschiedenste Künstler zusammenführt und relevante Fragen aufwirft. Von der Vielzahl der Exponate fühlte ich mich nicht überfordert und kann mich somit Kritikern, die sich an Jahrmarkt und Kuriositätenkabinett erinnert fühlen, nicht anschließen.
Zeit und Ruhe sollte man allerdings mitbringen.
Insbesondere der Verzicht auf eine deutliche Ost-West-Einteilung rückt die Leitfragen in den Vordergrund und erscheint mir zudem wie das bewusste Einreißen der sogenannten „Mauer in den Köpfen“.

Besonders sehenswerte Exponate:

Stephan Balkenhol „Prometheus“, 2009
Nil Yalter „Die Frau ohne Kopf oder Der Bauchtanz“, 1974
Armando „Schuldige Landschaft“, 1987
Svein Flygari Johansen (mit Jonny Bradley), Klanginstallation, 2001
Donald Rodney „In meines Vaters Haus“, 1996/97

Linktipp: 

http://www.dhm.de/ausstellungen/verfuehrung-freiheit/

„Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945“. XXX. Europaratsausstellung
Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin 17. Okt. 2012 bis 10. Feb. 2013

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4 Gedanken zu “„Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945“, Ausstellung in Berlin

    1. Liebe Wiebke, lieben Dank für den Hinweis + Link! Das ist interessant, dass die Kuratorin Monika Flacke nochmal auf die Frage zum „Wunderland“ eingeht, weil ich mich daran ja auch „gestört“ hatte. Ich kann die Argumentation, Geschichte könne verwundern, nachvollziehen und finde es gut, dass auch mal provoziert wird. Dennoch finde ich die positive Konnotation von „Wunderland“ an der Stelle irreführend, zumal ich glaube, dass sich nicht jeder Besucher noch viele Zusatzinformationen einholen möchte !? Aber das ist letztlich meine persönliche Ansicht.
      Dass es einen eigenen Ausstellungsblog mit Aktionen wie der Dienstagsfrage gibt, finde ich übrigens sehr gut und lobenswert, da ich das für sehr zukunftsorientiert halte! Beste Grüße, Laura
      http://www.dhm.de/ausstellungen/verfuehrung-freiheit/blog/ein-blog.html

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