Tanja Dückers: „Fundbüros und Verstecke“, Gedichte (2012)

Die Romanautorin, Essayistin und Dichterin Tanja Dückers entwirft in ihren Gedichten schillernd-schlichte Bilder der Welt, in der sie sich bewegt. Schlicht im Sinne von reimloser Neologismenlosigkeit, die sie nicht braucht. Schillernd im Sinne von in Worte gehüllten Momentaufnahmen, die leuchten, wenn man sie in Händen hält und betrachtend dreht. Vor allem begegnen einem Gegensatzpaare: Leichtigkeit und Schwere, Nähe und Ferne, Fallen und Steigen, Finden und Verschwinden, Norden und Süden, Osten und Westen. „Traurig“ und „humorvoll“ stehen sich gegenüber und blicken sich an in Tanja Dückers Wortkonstrukten. 

Ihr neuester Gedichtband „Fundbüros und Verstecke“ besteht aus fünf Teilen. Der erste Teil „Briefe eines Steins (Fallen und Steigen)“ umfasst überwiegend Gedichte, die sich mit Natur und dem In-ihr-Umherstreifen, sowie mit zwischenmenschlichen Beziehungen beschäftigen. In „Insektenleben“ fordert das lyrische Ich „Facetten statt Monotonie“ und „ein Leben als Leichtgewicht“, ein Insektenleben eben. Die Beziehungen zu und zwischen Personen stehen in den Gedichten des zweiten Teils „Weißer Tag (entfernen wir uns gemeinsam)“ im Vordergrund. Die Dichterin spielt mit den Worten und den Zeilenumbrüchen wie in „Zu Zweit (Wald)“:
„unsere Gesten wild   die Schritte laden
aus  heraus mit allem!  aus“
Man hört die Worte ausrufen, man schreitet in ihnen die Zeilen entlang. Zuweilen hält man als Leser inne, bei der „klebrige(n) Ölfarbe des Himmels“. Im dritten Buchteil „Dass du lebst (in all dieser Flüchtigkeit)“ findet man die „Großmuttergedichte“. Sie ist die Figur, die Beständigkeit gibt, in den Erinnerungen, in den Bildern aus Worten. Mit preußischer Strenge dominiert sie (in: „Die Liebe (Hände)“) und bleibt doch immer liebenswürdig. Der Titel des nächsten Abschnitts beschreibt das hier vorherrschende Thema: „Frachtschiffe (Norden und Süden ein schwarzes Zelt)“. Frachtschiffe, reale, metaphorische, ziehen durch die Gewässer, durch den Kopf bei Nacht (in: „Frachtschiff (nächtliches Grübeln)“). Unweigerlich verliebt man sich in dieses Bild eines schwer beladenen Schiffes, das zielstrebig und doch gemächlich durch das Wasser zieht… Haben wir nicht alle solche Frachtschiffe in uns, sollten wir sie nicht öfter auf Reisen schicken. Und in diesem Teil wird man dann mitunter direkt angesprochen, zum Mitmachen animiert (in: „Sein Name ein verwaschenes Blau (Frachtschiff)“):
„Ich gebe alles
auf einmal / auf (kreuzen Sie an)“.
Zuletzt die „Verstecke (den Krähen nachgeschaut)“, der fünfte Teil von Tanja Dückers Gedichten. Hierin reist man zuerst gen Osten, begegnet Fragmenten aus Osteuropa, Krähen, der Oder. Und dann klingt der Gedichtband aus, auf besonders schöne Weise: Einmal „Etwas verloren“ und dann VII Mal „Etwas gefunden“. Dieses Verlieren und Finden, dieses Verstecken und Entdecken scheint mir inhaltlich ebenso charakteristisch für die Gedichte in diesem Band, wie das Hinzufügen von Gedanken in Klammern.
Und wer kennt es nicht, das augenzwinkernd-ernste Sich-Unterhalten-mit-leeren-Joghurtbechern, wie in meinem persönlichen Lieblingsgedicht, welches sich ganz am Ende des Buches findet und auch auf der Homepage der Autorin veröffentlicht wurde (s. Linktipp unten). Sie fasst das so wunderbar treffend in Worte, dies Gefühl, etwas Unbestimmtes verloren zu haben, eine Art Sinneszustand aus der Vergangenheit. Etwas, was vielleicht nur in der Erinnerung oder Gedichten wie diesen gefunden werden kann:

Etwas gefunden (VII)

Warum finde ich nichts mehr
früher
war alles bedeutsam
heute
genügt nichts mehr

Früher
unterhielt ich mich mit leeren Joghurtbechern

dorthin möchte ich zurück

*Tanja Dückers*

Linktipp: 

Homepage der Autorin www.tanjadueckers.de

Es ist mir eine Herzensangelegenheit, euch diese Berliner Autorin zu empfehlen, die auch in ihren Romanen oder Essays zu überzeugen weiß.

Lesenswert:
Hausers Zimmer (Roman, 2011)
Der längste Tag des Jahres (Roman, 2006)
Morgen nach Utopia (Essays, 2007)

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