Neue Kategorie: Sonntag mit Proust

Proust lesen ist wie ein wundervolles Aus-der-Zeit-Fallen.
Wenn ich in Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ lese (was ich vorzugsweise sonntags in der Badewanne und laut vorlesend tue), brauche ich viel Ruhe, Konzentration und mindestens eine Stunde Zeit. Ich kann Proust nicht (wie viele andere Bücher) zwischendurch lesen, während der S-Bahnfahrt oder in der Pause. Ich muss und will mich seinen Worten ganz widmen. Meist fühle ich mich danach, wenn ich aus seiner Welt in meine wieder aufgetaucht bin, besser und inspirierter.

Zugleich werde ich Proust nicht rezensieren. Seltsamerweise habe ich zum einen das Gefühl, den Zauber den er auf mich hat, damit zu entfremden, zum anderen traue ich es mir schlichtweg bei diesem Jahrhundertwerk nicht zu.
Demnach wähle ich eine andere Form, um meine Proustlektüre mit euch zu teilen: den Sonntag mit Proust. Ich will versuchen, jeden Sonntag ein Zitat aus meiner Proustlektüre online zu stellen, das mich besonders beeindruckt hat, Fragen in mir aufwirft oder mir diskussionsbedürftig erscheint. Unabhängig davon, ob ihr selbst Proust gelesen habt, freue ich mich über Kommentare und Anmerkungen oder Fragen. Übrigens verwende ich die Suhrkamp Ausgabe von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, erschienen 1982 und ins Deutsche übersetzt von Eva Rechel-Mertens. Da ich mittlerweile in Teil 3.1 „Die Welt der Guermantes“ angekommen bin und die Zitate sozusagen in Lese-Echtzeit publizieren möchte, beginne ich in medias res. 

Solche kleinen Ausgänge vor dem Mittagessen waren bei schönem Wetter auch schon vor jenem Theaterabend für mich keine Seltenheit gewesen; wenn es geregnet hatte, verließ ich bei der ersten Aufhellung schon das Haus, und plötzlich, wenn ich das noch feuchte Trottoir betrat, das vom Licht wie mit einer goldenen Lackierung überzogen dalag, bemerkte ich in der Apotheose eines in sonnengeröteten, blonden Nebeln flimmernden kleinen Platzes ein Schulmädchen, der eine Erzieherin folgte, oder ein Milchmädchen mit weißen Ärmeln und blieb dann bewegungslos mit einer Hand auf dem Herzen stehen, das bereits einem fremden Leben entgegenschlug; ich versuchte, mir die Straße, die Stunde und die Haustür zu merken, hinter der das Mädchen (dem ich oft noch nachging) verschwunden war, um nicht wiederzukehren. Glücklicherweise verhinderte die Flüchtigkeit dieser so zärtlich aufgenommenen Bilder, die ich beschloß, von neuem zu suchen, daß sie sich allzu nachhaltig in meiner Erinnerung befestigten. Immerhin war ich aber dann weniger betrübt darüber, daß ich krank war, daß ich nie den Entschluß fand, mich an die Arbeit zu begeben und ein Buch zu schreiben, die Erde schien mir wohnlicher, das Leben in seinem Ablauf interessanter zu sein, seitdem ich feststellte, daß auf den Straßen von Paris so gut wie auf den Fahrwegen rings um Balbec solche unbekannten Schönheiten blühten, wie ich sie so oft aus der Tiefe der Wälder von Méséglise hatte heraubeschwören wollen und deren jede in mir ein lustvolles Verlangen weckte, das nur sie allein beschwichtigen zu können schien.

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7 Gedanken zu “Neue Kategorie: Sonntag mit Proust

  1. Dies Zitat wählte ich, da es mehrere Elemente in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verdeutlicht: Der kränkelnde Ich-Erzähler, dessen größter Wunsch es ist, ein Buch zu schreiben, entdeckt die Welt der Mädchen, die wie zauberhafte Erscheinungen in seine Wahrnehmung geraten. Ich finde Proust beschreibt das ganz wunderbar malerisch. Man kann sich z.B. das Milchmädchen vorstellen wie auf einem impressionistischen Gemälde. Diese irre langen, durch Semikolon (was ist hier eigentlich die Pluralform?) getrennten Sätze finde ich weniger hinderlich, als viel mehr beeindruckend. Worüber ich gestolpert bin, ist das Wort Apotheose. Im Sinne von Verherrlichung passt es zwar inhaltlich, dennoch ist es mir irgendwie ein Stolperwort.

  2. Ich freue mich sehr über die Kategorie, da ich gerade mit zwei weiteren Bloggerinnen den ersten Band lese – wie du langsam, in Abschnitten… Viele Grüße und spätestens bis zum nächsten Sonntag mit Proust, Mila

    1. Liebe Mila, das trifft sich ja prima! Lest ihr nur den ersten Band oder auch weiter? Sicher ergeben sich inhaltliche Ergänzungen oder ein Austausch zwischen uns, darüber würde ich mich freuen. Proust kann man zwar ganz wunderbar auch allein lesen, gemeinsames Austauschen über die Lektüre macht es aber sicherlich nicht nur einfacher sonder auch viel schöner 🙂 LG Laura

      1. Oh je, erst einmal nur einen Band… Es ist auch ein bißchen schwierig bei dem Roman ein ähnliches Lesetempo zu haben. Aber ich wollte wenigstens mal mit dem Werk anfangen und allein hätte ich es eher wieder rausgezögert…

  3. Liebe Mila – schön, dass du zu uns gefunden hast. Wir freuen uns so sehr wie kleine Kinder zu Weihnachten, wenn andere Blogger und Bloggerinnen zu uns finden und sich hier wohl fühlen, unsere Art zu schreiben, mögen. Ich freu mich auf den Austausch und die Zeit, die wir mit Worten teilen … Gute Nacht =)

  4. Als sehr grosse Proust-Verehrerin und natürlich auch Leserin, freue ich mich über diese grandiose Idee, den „Sonntag mit Proust“ zu verbringen und dadurch sein Werk vielen anderen Lesern näher zu bringen! Aber noch mehr freue ich mich darüber, durch Marcel Proust einen bis jetzt mir noch unbekannten und sehr interessanten Kultur-Blog entdeckt zu haben, den ich sofort in meiner Blogroll aufnehmen werde. In diesem Sinne: Bon courage avec Marcel Proust! Literarische Grüsse aus Paris, Durchleserin

    1. Liebe Durchleserin, ich freue mich sehr über deine Begeisterung! Die beruht übrigens auf Gegenseitigkeit, so eben habe ich auch deinen Blog entdeckt (der sich ja auch viel mit Proust beschäftigt) und werde ihm ab heute „folgen“ 🙂 Auf baldigen proust`schen Austausch! Mit besten Grüßen aus Berlin, Laura

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