Simone de Beauvoir: „Sie kam und blieb“, Roman (1943)

Mein Monat der Si- ist zuende. Zufällig las ich im Oktober nur Romane von Autorinnen, deren Vornamen alle mit Si- beginnen. Erst nachdem ich von Siri, Sibylle und Simone gelesen hatte, fiel mir dieses „Muster“ auf. Und entschied mich dann, noch ein Buch von Silke hinterherzulesen, das ohnehin in meinem Regal wartete. Der Titel des Romans von Simone de Beauvoir beginnt übrigens auch mit Si-. Um dieses Buch soll es hier im Folgenden gehen.

Sie heißt Xavière und bringt das (Liebes-) Leben von Francoise und Pierre durcheinander. Zwischen den dreien entwickelt sich eine komplizierte Dreiecksbeziehung vor dem Hintergrund des Pariser Bohèmelebens der 1930er Jahre. Der überwiegend aus Dialogen bestehende Roman führt unmittelbar in die Theater- und Intellektuellenwelt seiner Figuren. Obwohl es vordergründig um Francoise, Pierre und die launische Xavière geht, tauchen auch Nebenfiguren auf, wie Elisabeth, Malerin und Schwester von Pierre, die durch Intrigen Einfluss auf das Geschehen nimmt, oder Gerbert, ein Freund aus dem Theater, der am Ende zum Liebhaber von Francoise und Xavière wird.
Man merkt es bereits: Es geht viel um Gefühle, Liebschaften, Lügen und Leidenschaft. Einerseits ist das beeindruckend: Pierre und Francoise führen eine offene Beziehung und billigen sich das höchste Maß an individueller Freiheit zu. Zumindest glauben sie das. Im Grunde genommen sind auch sie eifersüchtig, beherrschend und brauchen immer wieder Rückversicherungen ihrer Gefühle. Und deshalb nervt es andererseits, das große Freiheitsgetue, das am Ende doch nur ein großes Gefühlsdrama ist. Das wiederum erwartet man so von der emanzipierten Simone de Beauvoir nicht, da gebe ich Ada Mitsou und ihrer Rezension recht. Das Ende kommt unerwartet und wirkt ein bißchen so, als müsse die Entscheidung der Protagonistin Francoise das ewige Hin und Her endlich beenden.

Warum gebe ich Simone de Beauvoirs Roman drei Sterne? Warum ist der Roman dennoch lesenswert?
Bereits beim Lesen und beim Eindringen ins Leben der Figuren kam es mir so vor, als schreibe Simone de Beauvoir nicht ganz fiktiv. Tatsächlich entdeckte ich dann in Ada Mitsous Rezension und in einem Artikel von Alice Schwarzer auf zeit.de, dass der Roman stark autobiografisch ist: De Beauvoir verarbeitet ihre Dreiecksbeziehung mit Jean Paul Sartre und Olga Kosakiewics und darüber hinaus (laut Frau Schwarzer) ihre Bisexualität. Da ich mir für mich eine solche Beziehungsform nicht vorstellen könnte, ist es spannend gewesen, literarisch mal ganz nah bei einer dabei zu sein und mitzuerleben, was in den Menschen dabei vorgeht.
Und dann ist da noch der Krieg. In den späten dreißiger Jahren tritt er den Menschen immer stärker ins Bewusstsein, sie können die drohende Gefahr nicht mehr ignorieren. Simone de Beauvoir macht das in ihrem Roman neben all den Emotionen aus französischer Sicht deutlich. Am Ende verschwinden die Männer in den Krieg*.
Das, was man sich vielleicht von der Beauvoir-Lektüre erhofft, nämlich philosophische Gedanken, kommt am Rande auch zum Tragen. Am Interessantesten fand ich den Grundgedanken, der gleich zu Beginn des Buches eingeflochten wird und später immer mal wieder auftaucht, das die Wirklichkeit von der Wahrnehmung des Einzelnen abhängt:

Wenn sie nicht da war, existierte alles das, der Staub, das Halbdunkel, die trostlose Öde für niemand, es existierte überhaupt nicht. Aber nun war sie da, und das Rot des Teppichs drang durch das Dunkel wie ein schüchternes Nachtlicht. Solche Macht hatte sie: ihre Gegenwart riß die Dinge aus ihrem Nichtsein heraus, gab ihnen Farbe und Duft. Sie ging die Treppe hinunter und betrat den Zuschauerraum; es war wie eine Sendung, die ihr zuteil geworden war, sie mußte diesen verlassenen, nachterfüllten Raum zur Existenz erwecken. (S.7)

Fazit: Diesen Roman kann man lesen, muss man aber nicht. Wenn man sich für die dreißiger Jahre in Paris interessiert, für Simone de Beauvoir schwärmt und ein kleines Stück an ihrem Leben teilnehmen möchte, sich für Theater begeistert und für die Komplikationen einer Dreiecksbeziehung, dann mag man Freude an dieser Lektüre finden. Im Gegenzuge muss man Launenhaftigkeit, Eifersüchteleien, Bespitzelungen, Gespräche über Gefühle und viele durchgemachte Nächte mit den Hauptfiguren durchstehen.

Mit meinem Monat der Si- habe ich mir nun eine Menge Frauenliteratur im ursprünglichsten Wortsinne zu Gemüte geführt und brauche nun erstmal wieder etwas von einem männlichen Autoren. Bisher ist mir das nie so bewusst gewesen, aber seid ihr euch während des Lesens des Autorengeschlechts bewusst? Merkt man, ob ein Mann oder eine Frau schreibt und ist das schlecht oder natürlich?

*Nebenbei bemerkt hatte ich einen Lerneffekt beim Lesen. Ich fragte mich, seit wann eigentlich Konzentrationslager, die im Roman erwähnt werden, (in Frankreich) bekannt waren. Die Handlung selbst beschränkt sich auf die späten dreißiger Jahre vor Kriegsbeginn. Eine kurze Recherche setzte mich in Erstaunen: Das Eröffnung des Konzentrationslagers Dachau wurde bereits im März 1933 von Heinrich Himmler offiziell bekannt gegeben. Die ersten Morde geschahen bereits im darauffolgenden April. Ehrlich gesagt war mir nicht bewusst, dass es schon so früh ein KZ gegeben hat.

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4 Gedanken zu “Simone de Beauvoir: „Sie kam und blieb“, Roman (1943)

  1. Sehr schön unter die Lupe genommen, auch die Gedankengänge, die du durch das Lesen erforscht hast. Ich freue mich immer, wenn mir jemand anderes durch seine Leseeindrücke einen neuen Impuls gibt, so z.B. durch das von dir wiedergegebene Zitat, das mir damals gar nicht so ins Auge gefallen ist.
    Hast du noch andere Bücher von de Beauvoir gelesen?

    1. Danke schön für die lieben Worte! Ich habe vor einiger Zeit die „Mandarins von Paris“ gelesen, was ich sehr beeindruckend fand und vor kurzem einen Teil ihrer Autobiografie „Alles in allem“. Letzteres Buch kann ich auch empfehlen, ihre Reisebeschreibungen z.B. sind herrlich. Allerdings liest es sich „trockener“ als ihre Romane, ist mein Eindruck.

      1. „Die Mandarins von Paris“ fand ich großartig, auch wenn mir der Einstieg damals etwas schwierig erschien. „Alles in allem“ ist der letzte Teil ihrer Autobiografie, oder? Ich habe bisher nur den ersten gelesen, wodurch ich überhaupt erst auf de Beauvoir aufmerksam wurde. Die anderen Teile habe ich noch vor mir.

  2. Bei mir ist es mit den „Mandarins von Paris“ so, dass ich leider nicht viel erinnere aus dem Roman, obwohl er gut war. Deshalb habe ich nun angefangen zu bloggen, um die Inhalte der unzähligen Bücher die ich lese, besser zu verinnerlichen.
    „Alles in allem“ ist zehn Jahre vor ihrem Tod erschienen, und glaube ich, der vorletzte Teil ihrer Memoiren, danach kommt noch „Die Zeremonie des Abschieds“.
    Ich lese ihre Bücher sehr gerne und will meine Lektüre auch noch vervollständigen, nur vor „Das andere Geschlecht“ habe ich Respekt… Willst du dieses für den Feminismus so wichtige Werk noch lesen?

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