Sonntag mit Proust

Im Proust-Zitat dieses Sonntags geht es um die Wahrheit in Worten und Taten und darum, wie sehr man sich in Menschen täuschen kann, indem man sich eine feste Vorstellung von ihnen macht. Zugleich wird die unglaubliche Länge der Sätze bei Proust deutlich, was manchmal anstrengend zu lesen ist und daher viel Ruhe erfordert, zudem aber bewirkt, dass man durch wiederholtes Lesen der Sätze erfasst, wie beeindruckend sie sind:

Sie schwieg, wenigstens habe ich das lange Zeit geglaubt, denn damals stellte ich mir noch vor, daß man die Wahrheit an andere durch Worte weitergibt. Auch die Worte, die man zu mir sagte, prägten sich mit ihrer unveränderlichen Bedeutung so tief in mein empfängliches Gemüt ein, daß ich ebensowenig für möglich hielt, daß jemand, der mir gegenüber behauptete, er liebe mich, mich in Wahrheit nicht liebte (…). Als erste aber gab mir Francoise ein Beispiel dafür (…) daß eine Wahrheit nicht ausgesprochen werden muß, um dennoch ruchbar zu werden, und daß man sie vielleicht mit größerer Sicherheit, ohne auf eine mündliche Mitteilung zu warten oder überhaupt nur darauf zu hören, aus tausend anderen Zeichen entnehmen kann, selbst aus manchen unsichtbaren Phänomenen, die in der Welt der menschlichen Charaktere etwa dem entsprechen, was in der Welt der Physik die atmosphärischen Veränderungen sind. (…)
Und so war sie es, die mir als erste zu der Erkenntnis verhalf, daß ein Mensch nicht, wie ich geglaubt hatte, mit seinen guten und schlechten Eigenschaften, seinen uns betreffenden Plänen und Absichten (…) klar umrissen und unverrückbar und vor Augen steht, sondern ein dunkles Schattengebilde ist, durch das wir nie hindurchschauen können, für das es keine direkte Kenntnisnahme gibt, über das wir uns zwar zahllose Meinungen bilden mit Hilfe von Worten und sogar Handlungen, die beide jedoch uns nur unzulängliche und widerspruchsvolle Auskünfte erteilen, ein Schattengebilde, hinter dem wir mit annähernd gleicher Wahrscheinlichkeit das Auffunkeln des Hasses wie der Liebe vermuten können.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

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7 Gedanken zu “Sonntag mit Proust

  1. Ich finde die Kategorie „Sonntag mit Proust“ sehr interessant und bewundere dich dafür, dass du Proust liest. Ich versuche dies schon länger, finde im Alltag aber meistens einfach nicht die Zeit und Ruhe dazu.
    Reingelesen habe ich in „Schmidt liest Proust“, aber auch da stecke ich irgendwo auf Seite 250 fest … es war lange Zeit mein „Toilettenbuch“, aber in den letzten Monaten bin ich dazu nicht mehr gekommen. Gelesen habe ich auch das Buch von Alain de Botton über Proust. Mehr kenne ich aber noch nicht, obwohl ich mich mit Proust am Rande meiner Masterarbeit über Uwe Tellkamp beschäftigt habe (Tellkamp bezieht sich im Turm sehr häufig auf Proust).
    Viele Grüße
    Mara

    1. Vielen Dank, Mara! Im Alltag komme ich auch nicht so recht dazu, Proust zu lesen. Daher habe ich neuerdings den Sonntag für ihn „reserviert“ und versuche da ausschließlich Proust zu lesen und nichts anderes. Nur so komme ich voran, aber es lohnt sich wirklich!
      Es macht auch wirklich einen Unterschied, ob man sozusagen die Primärlektüre selbst liest oder nur „Sekundärliteratur“. Proust wird in sovielen Romanen „verarbeitet“, mir fällt da bspw. Jennifer Egans „Der größere Teil der Welt“ ein, was ich noch lesen möchte… Der „Turm“ von Tellkamp verfolgt mich nun auch schon seit längerem, würdest du ihn empfehlen (auch unter dem Aspekt des Bezugs auf Proust)? Beste Grüße Laura

      1. Mir ist Proust auch schon in so vielen anderen Werken über den Weg gestolpert, dass ich jetzt beim Original-Lesen (sehr langsam!) an manchen Stellen beinahe enttäuscht bin. Beispielsweise habe ich ein wissenschaftliches Buch über Gehirnfunktionen in Bezug auf Erinnerungen gelesen – und da wurde intensiv auf Proust eingegangen. Ein bißchen habe ich ihn deshalb vielleicht auch verklärt – oder es ist zu viel schon vorab verraten worden.
        Viele Grüße von Mila

      2. Danke, liebe Laura, dass du Jennifer Egans Roman an dieser Stelle erwähnst – der steht bereits seit einigen Monaten in meinem Regal und setzt Staub an. 😉
        Ich habe über Uwe Tellkamps Roman meine Masterarbeit geschrieben und ihn bestimmt unzählige Male gelesen, durchwühlt, analysiert, auseinandergenommen – meine Empfehlung wäre also nicht objektiv, aber ja, ich kann dir den Roman von Herzen empfehlen. Die Anspielungen auf Proust sind aber nicht ganz so offensichtlich, es geht vor allem um Erinnerungen und die Madeleine-Anekdote.

      3. Liebe Mila,
        Erinnerungen und Proust ist eines meiner Lieblingsthemen … kannst du mir vielleicht den Titel des Buches nennen, das du gelesen hast?

        Liebe Grüße
        Mara

  2. Liebe Mila, ja, das würde mich auch interessieren, was du da wissenschaftliches gelesen hast!? Ich mag das Thema wie Mara sehr. Und dann mache ich es wohl doch „richtig herum“: erst das Original Proust lesen und dann alles, was dazugehört 🙂

  3. Liebe Mara,
    na dann bin ich mal gespannt, wenn du Frau Egan entstaubt und gelesen hast 😉
    Den „Turm“ werde ich dann wohl auch mal noch lesen… Und du hast wohl recht, ein Buch wissenschaftlich zu analysieren kann den Eindruck stark verändern bzw. subjektivieren. Da kann ich ja fast froh sein, mich für Kunstgeschichte statt für Germanistik entschieden zu haben 🙂 LG Laura

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