Katja auf der Suche nach der verlorenen Lesezeit …

Vielleicht ist dem einen oder anderen Leser unseres Blog aufgefallen, dass die Verteilung der Blogbeiträge in unserem Gemeinschaftsblog etwas ungleich ist. Denn mir fehlt leider leider eines – Zeit, täglich zu lesen und zu bloggen. Wie schön war die Zeit während des Studiums, als ich so viel lesen musste und durfte, was dann in Seminaren besprochen und seziert wurde – die Zeit, als man sich nur in Bibliotheken, Cafés, Parkanlagen, Lese- und Lernkreisen getroffen hat und das alles so gelebt hat. Vorbei … und ich blicke ein wenig sehnsüchtig zurück.

Ich bin sehr froh, in der Verlagsbranche arbeiten zu können. Fürs Bloggen bleibt natürlich nur abends die Zeit. Wie schön wäre es, sich mehr um das Bloggen und Lesen kümmern zu können? Sich mit anderen Lesewütigen und bibliophilen Feingeistern austauschen und nur ab und an was essen, spazieren gehen … Wünscht ihr euch das nicht auch manchmal – ihr Lesenden, Bibliophilen, Gedankenreisenden, Ineuchgehenden, Inferneweltenträumenden, Worteverfolgenden, Geschichtensammler, Ausdemalltagflieher, Lesezeitsuchenden?

Diesen Blog endlich so umzusetzen ist ein lang gehegter Wunsch von mir und es ist so schön, die Liebe zur Literatur mit meiner Laura und euch Bücherliebhabern da draußen zu teilen. Denn ich blogge auch, um euch zu finden, die ihr Literatur und Kunst ebenso schätzt wie wir. Ich freue mich so, dass unser junger kleiner Blog jetzt schon einige regelmäßige interessierte Leser gefunden hat – das ist ja in den endlosen weiten des WWW nicht ganz so selbstverständlich.

Um euch in Anlehnung an Lauras „Sonntag mit Proust“ auch ein wenig an dem teilhaben zu lassen, was ich gerade lese, möchte ich euch diesmal meine 2 aktuellen Leseprojekte vorstellen, schon bevor ich sie beendet habe. Denn das wird noch ein wenig dauern und ich freue mich schon auf den Austausch.

Ich lese gerade zwei Bücher, die gegensätzlicher in ihrer Form, Stil, Entstehungszeit und Inhalt nicht sein könnten. Aber genau das mag ich am Lesen – ich beschäftige mich gern mit Gegensätzen und ungewöhnlichen Inhalten, da auf diese Weise das Gewöhnliche deutlicher zu Tage tritt und meiner Meinung nach der Erkenntnisgewinn weitaus höher ist. Ich lese also gerade  –

Fjodor Michailowitsch Dostojewski „Der Idiot“

Ned Beauman „Flieg, Hitler, flieg“

Warum diese beiden?

Durch mein Germanistik-Studium konnte ich mich bisher noch nicht so intensiv mit der russischen Literatur befassen, die mich aber schon immer interessiert – daher stehen bei mir die russischen Klassiker auf der Leseliste. Und wie es der Zufall will, habe ich jüngst auf einem Berliner Flohmarkt eine günstige Ausgabe des Roman-Epos „Der Idiot“ gefunden, oder besser – sie hat mich gefunden. Und so bewege ich mich derzeit in der Welt des russischen Adels um die Mitte des 19. Jhds. und ergründe mit Fürst Myschkin die russische Seele – dabei kann ich jetzt schon sagen, dass dies ein ganz beeindruckender Gesellschaftsroman ist. Da er fast 1000 Seiten umfasst, wird es noch ein Weilchen dauern, ehe ich euch hier eine vollständige Besprechung liefern kann … aber ich werde euch zwischendurch auf dem Laufenden halten und sozusagen immer direkt, aus dem Lesevorgang heraus, meine Eindrücke notieren. Vielleicht ist das für ein solches Epos eine angemessene Form, denn so kann ich für mich resümieren und nutze diesen Blog quasi als virtuelles Notizbuch.

„Flieg, Hitler, flieg“ dagegen ist der 2010 erschienene Debüt-Roman eines jungen englischen Journalisten, auf den ich in einem Feuilleton-Artikel aufmerksam wurde. Dessen irrwitzige und abstruse Geschichte hat mich fasziniert, weil kaum ein deutscher Autor sich wagen würde, ein Buch mit einer solchen absurden und spannenden Thematik zu verfassen. Allein das Cover schon ist ein Blick auf dieses Buch wert, wenn man den nötigen Humor besitzt. Aus dem Klappentext: „England 1934: Seth „Sinner“ Roach ist nicht der Größte, aber als Preisboxer schlägt er sich trotzdem mit hartem Punch durchs Leben. Bis ihm der reiche Müßiggänger und Hobby-Wissenschaftler Philip Erskine begegnet, ein Anhänger der Eugenik oder, wie die Nazis sagen, „Rassenhygiene“. Bei einer Expedition ist er auf einem Käfer mit interessanter Hakenkreuz-Musterung gestoßen, den er durch geschickte Züchtung äußert stark und zäh gemacht hat: Anophthalmus hitleri. Nun will er seine Forschung auf Menschen ausdehnen. Sinner verkauft dem Nazi seinen Körper. Aber dessen Interesse ist nich nur wissenschaftlicher Natur …  England, heute: Kevin „Fishy“ Broom leidet an einer seltenen Krankheit, die ihre Opfer nach altem Fisch stinken lässt. Doch als Sammler von Nazi-Memorabilien hat er einen guten Riecher. Als er auf einen Brief Hitlers an einen gewissen Erskine stößt, erhält er nächtlichen Besuch von einem bewaffneten Fremden …“ Soweit.

Ob mich die Geschichte auch erzählerisch überzeugt, werden wir sehen. Die ersten 50 Seiten deuten einen witzigen, abstrusen und sehr spannend und einfallsreich kombinierten Roman mit Krimi-Elementen an, der historische Fakten und abwegig-abartige gesellschaftliche Phänomene und Perversionen humorvoll beleuchtet …

Ich habe spannende, abwechslungsreiche Literatur vor mir und genieße diese – Dostojewski meist abends auf Couch oder Bett und Ned Beaumann unterwegs in U-Bahnen, an Haltestellen oder in Wartezimmern … Wenn jemand von euch eines der Bücher kennt, mag oder auch nicht mag, interessieren mich die Gründe und ich freue  mich immer auf spannenden Austausch. Damit entlasse ich euch in den Abend – viel Spaß beim Lesen … ihr wisst ja jetzt, was ich heute lese …

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6 Gedanken zu “Katja auf der Suche nach der verlorenen Lesezeit …

  1. Ja, es ist schwer, genug Lese- und Schreibzeit zu finden, liebe Katja. Diese „Klage“ wirst du vermutlich von allen hören, die gern lesen (und schreiben). Vor zehn oder mehr Jahren haben wir beschlossen, keinen neuen Fernseher mehr anzuschaffen (der alte war kaputt gegangen). Eine gute Entscheidung, die viel Zeit bringt. Obwohl wir nach wie vor gern Filme schauen, aber eben auf DVD und nur die, die uns wirklich interessieren. Ansonsten sind meine Hauptlesezeiten in der Bahn und vor dem Schlafen. Aber es kommt doch einiges zusammen an Lesezeit, zum Glück!
    Ich freue mich übrigens, dass ich euer Blog entdeckt habe (dank Laura, die bei mir kommentierte) – ein feines Blog ist das : )

  2. Wenn ich das so lese, wird mir mal wieder bewusst, was ich derzeit für ein Glück habe, „nur“ 20Std/Woche arbeiten zu müssen und mich in meiner freien Zeit um all meine „Leseprojekte“, Ausstellungsbesuche, diesen Blog und natürlich meine Promotionsvorbereitung kümmern zu können… Zeit ist so wertvoll, wenn man sie bewusst zu nutzen weiß (und da gehört der Fernseher definitiv zu etwas, auf was ich komplett verzichten kann ;)). Aber auch ich werde nicht ewig soviel freie Zeit haben… Jedenfalls wünsche ich jedem von euch gaaaaannnnzzz viel Lesestunden!!! Danke für dein Verständnis Katja 😉

  3. Liebe Katja,
    ein Gemeinschaftsblog ist manchmal eine Herausforderung, aber auch eine absolute Bereicherung. Wir (ein Blog zu viert) haben gemerkt, wie wir uns kreativ sozusagen befruchten. Mal fällt mir einfach nichts ein, was ich bloggen kann – und dann schreibt eine von den anderen einen Beitrag und ich habe sofort eine Idee dazu. Ich glaube nicht, dass es den Leserinnen was macht, wenn eine von euch mal zeitweise stärker vertreten ist als die andere. Dafür gibt es in Zukunft wahrscheinlich eher keine langen Auszeiten, wenn eine mal eine Pause braucht. Das hat doch sehr viel für sich.
    Ach, die Zeit. Haben wir jemals genug davon? Gute Bücher bringen mich leider immer wieder um den Schlaf. LG Mila

  4. Danke für eure Kommentare. Ich fühl mich verstanden 😉 Es ist schön, zu zweit hier zu schreiben … Ich würde einfach gern viel mehr machen, weil es viel zu viele tolle Bücher gibt, die gelesen werden wollen und ich ja auch viel in euren Blogs stöbere und tolle Besprechungen lese und dann denke – Mist, erst einmal ist mein Buchstapel zu Hause dran, ich kann mir jetzt nicht 1 Mio neue Bücher kaufen. Man muss sich eben entscheiden, was man liest und womit man seine kostbare Zeit verbringt, das ist sehr individuell und kann verschieden begründet werden … Ich habe meist gute Gründe, weshalb ich dieses Buch lese und nicht jenes, und wähle meine Literatur genau aus … Manchmal überzeugt mich aber auch ein Tipp oder ein Zufallsfund auf dem Flohmarkt. In jedem Fall bereichert das Bloggen und der Austausch mit euch mein Leben. Man muss nur aufpassen, nicht virtuell zu vereinsamen – denn da draußen ist ja auch noch eine reale Welt mit vielen spannenden Erlebnissen. Darum seid gegrüßt! Und danke an alle, die sich beim Lesen unserer Zeilen angesprochen fühlen.

  5. Liebe Katja,

    die Zeit, die gute davon eilende Zeit, ja, ich kenne sie. Und wenn sich dann neben dem Vollzeitjob auch noch andere Projekte dazwischen schieben, wird es ganz eng. So ging es mir die letzten Wochen. Leider kamen dann andere Blogs viel zu kurz. Doch jetzt atme ich auf und freue mich auf meine Netzspaziergänge, eurer Gemeinschaftsblog gehört auf jeden Fall dazu. Dein aktuelles Leseprojekt finde ich sehr schön. Vor viereinhalb Jahren hatte ich meine Dostojewskizeit, „Der Idiot“ gehörte nicht dazu. Insofern bin ich sehr neugierig auf deine Leseeindrücke, wie auch zum anderen mir bislang unbekannten Buch.

    Viele Grüße

    Klappentexterin

    1. Hallo Klapptentexterin, oh wie schön, dass es dich auch zu uns verschlagen hat. Ich mag deinen Blog und die Art, wie du mit Worten umgehst, sehr. Wie du siehst, bist du auch schon in unserer Blogroll. Die Auswahl deiner Literatur ist sehr schön und faszinierend. Ich freue mich auf den Austausch. Auf eine schönen Lesezeit!

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