„Der exzentrische Blick. Goya, Daumier, Toulouse-Lautrec“, Besuch einer Sammlung

Die Sammlung Scharf-Gerstenberg ist Teil der Staatlichen Museen zu Berlin und des Preußischen Kulturbesitzes. Sie zeigt in der Dauerausstellung vor allem surrealistische Kunst u.a. von Max Ernst, Hans Bellmer, Salvador Dali.
Aktuell ist ein Teil des Bestandes neu aufgearbeitet worden und wird als Hommage an den ursprünglichen „Sammlungs-Vater“ Otto Gerstenberg (1848-1935) präsentiert. Entstanden ist eine ganz beeindruckende Ausstellung, deren Schwerpunkt auf den epocheübergreifenden Werken Goyas, Daumiers und Toulouse-Lautrecs liegt.

Im östlichen Stülerbau und dem ehemaligen Marstall, dem Schloss Charlottenburg gegenüber gelegen, findet die Sonderausstellung statt. Man befindet sich demnach in einem überwölbten Raum mit Stahlpfeilern, der weniger an einen ehemaligen Pferdestall, als an eine Krypta oder einen gemütlichen Weinkeller erinnert. Dunkelrote Stellwände wurden eingezogen, an denen teils die Lithografien Toulouse-Lautrecs oder Radierungen Goyas präsentiert werden. Farblich harmoniert diese Ausstellungskonzeption perfekt mit den alten Wänden. Für mich ist die räumliche Gesamtwirkung einer Ausstellung stets sehr wichtig und hier fühlte ich mich sogleich aufgehoben.
Die gezeigten Arbeiten der Zeit des 18. und 19. Jhds. auf Papier zogen mich in ihren Bann. Mit den Lithografien Toulouse-Lautrecs beschäftigte ich mich während meines Studiums schon einmal eingehender, allerdings lagen mir damals nur in Katalogen abgedruckte Bilder vor. Die Lithografien mit ihren sehr bewegten Linien nun in echt zu sehen, war toll. Henri de Toulouse-Lautrec hat sich ebenso wie Daumier oder Goya oft mit Randgestalten der Gesellschaft befasst. In seiner Mappe „Elles“ fertigte er Drucke von Prostituierten, die intime Einblicke in deren Leben und Arbeit geben. Da wird sich das Haar gewaschen, das Korsett wird entschnürt für den wartenden Freier oder wieder geschnürt nach dem Akt, da sieht man morgens die Damen verschlafen im Bett sitzen.
Man blickt in Theaterlogen und ich musste unweigerlich an Proust denken, der ja etwa zeitgleich mit Toulouse-Lautrec in Paris weilte. Die Lithografien gäben die perfekten Illustrationen zur Proustlektüre ab. Tänzerinnen schwingen vor mir ihr Bein und wirbeln ihre Röcke durch die Luft, Zirkusszenen erstehen vor meinen Augen, auch ins Gericht zu Prozessen werde ich von den drei Künstlern mitgenommen. Um diesen „exzentrischen Blick“ geht es also, um „das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft“, wie es im Flyertext heißt. Man kann zahlreiche Kleinigkeiten auf den stark kontrastierten Grafiken entdecken und nicht selten auch komische und humorvolle Szenen. Besonders beeindruckend ist an den Papierarbeiten der extreme Hell-Dunkel-Kontrast, vor allem bei Francisco de Goyas Radierungen und der schwungvolle Linieneinsatz des Franzosen Toulouse-Lautrec. Die Grafiken von letzterem wirken unheimlich lebendig und bewegt durch die Kraft seiner Linien. Ob Gesten der gezeigten Damen oder ein Gesichtsausdruck, der Schwung eines Kleides oder ein hingebungsvoller Moment… die Linien wirken zugleich sehr schlicht-pointiert und unheimlich energiegeladen. Sicher war Daumier dabei mit seinen Karikaturen beeinflussend wirksam.

Abgerundet wird die Ausstellung des exzentrischen Blicks noch mit den sogenannten Parlamentarierbüsten von Honoré Daumier und einer gemütlichen Sitzecke, in der man in den hochwertigen Doppelbänden zur Ausstellung blättern oder sich ergänzende Bilder via Beamer anschauen kann.
Am besten man besucht die Ausstellung mehrfach, um sich in Ruhe die vielfältigen Bezüge zwischen den Grafiken erarbeiten zu können (für Berliner ist dies möglich z.B. durch die Jahreskarte der Staatl. Museen). Dann hat man auch noch genug Zeit für die nicht zu verachtende Dauerausstellung. Doch selbst für einen kurzweiligen Ausflug in die vergangenen Jahrhunderte lohnt ein Besuch.

Unbedingte Empfehlung an alle Liebhaber des Fin de Siècles, der Kontraste von Goya und des Humors eines Daumiers. Oder einfach an alle Liebhaber des guten Geschmacks!

Linktipp:
Ausstellungsdetails auf der Seite der Staatl. Museen zu Berlin

Der exzentrische Blick. Goya, Daumier, Toulouse-Lautrec
in der Sammlung Scharf-Gerstenberg, 03. Nov.2012-17. Feb.2013

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2 Gedanken zu “„Der exzentrische Blick. Goya, Daumier, Toulouse-Lautrec“, Besuch einer Sammlung

  1. Jetzt weiß ich auch, was ich mir zu Weihnachten wünschen werde – danke, dass du mich nochmal daran erinnerst – eine Jahreskarte für die SMB. Dann kann ich auch nochmal mit dir in die Ausstellung gehen. Die Kurtisanen-Darstellungen von Toulouse-Lautrec mag ich auch sehr – das wird spannend. Fin de Siècle – ich komme!

    1. Ja, mach das unbedingt! Ich empfehle dir am besten gleich die mit den Sonderausstellungen, das lohnt sich schnell. Berlin hat so tolle Ausstellungen! Lass uns gemeinsam die Museen stürmen 😉

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