Die dunklen Seiten des viktorianischen Zeitalters: „Die Guten, die Bösen und die Toten“

Vorab – ich lese gern ungewöhnliche Bücher, solche, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen oder einordnen lassen. Ich mag es, wenn Literatur geheimnisvoll daherkommt, mich überrascht und in eine andere Welt voll von Skurrilitäten und Absurditäten entführt. Wenn Bücher mir vom Dunklen und Verborgenen, Abseitigen und Andersartigen erzählen, ziehe ich mich fasziniert in eben jene Welt zurück.

„Die Guten, die Bösen und die Toten“ ist solch ein Buch, und ich danke dem Verlag Das wilde Dutzend und der Bibliophilin sehr für dieses schöne Rezensionsexemplar. Es handelt sich hierbei um eine Art bebilderte, illustrierte Vers-Sammlung eines Johan von Riepenbreuch, der mir bisher gänzlich unbekannt war. Und trotz der ausführlichen Informationen von Verlag (Herr von Riepenbreuch besitzt sogar ein eigenes Blog, was für den Sohn einer verarmten deutschen Adelsfamilie aus dem 19. Jhd. recht fortschrittlich ist!) erscheint mir die Biografie des sogenannten Chronisten immer noch sehr undurchsichtig und traumumwölkt. Gerade diese Tatsache macht dieses Büchlein auch so interessant. Laut Verlag gelangte Riepenbreuchs Lyrik nie zu dem ihr gebührenden Ansehen und wurde als „unheimlich und unlesbar“ verschmäht. Wohl weil sich die adlige viktorianische Gesellschaft von der sensiblen Feinheit und komischen Tragik seiner Verse (zurecht) angegriffen und verspottet fühlte – er legte den Finger in die Wunde und machte auf die dunklen verklärten Realitäten aufmerksam, wo Abseitiges, Seltsames und Böses, auch Totes, unter den Teppich gekehrt wurde und selten ans Tageslicht kehrt, geschweige denn thematisiert wurde …

Riepenbreuchs liebevoll gestalteten Verse behandeln die verklemmten strengen Moralvorschriften des viktorianischen Zeitalters und entlarven diese scheinbar edlen aufgeklärten Sitten und Gebaren des 19. Jhd. als sinnentleerten Aberglauben und lose Moral. Sein schwarz-romantischer Humor spiegelt sich wunderbar in den unheimlichen, tragisch-komischen Graustufenillustrationen der Künstlerin Ebeneeza K. (die angeblich eine Urenkelin des Dichters sein solle) wieder, die jeden einzelnen Vers mit einer schwarz-weiß-roten Zeichnung begleitet, das Absurde und Makabre symbolisch im Bild wiedergibt und deren innere traurige Wahrheit unterstreicht. Die Figuren in Ebeneezas Bildern tragen in ihren großen Augen einen sehr traurigen Blick, der diejenigen anklagt und verflucht, die sie verschmähen, verletzen und enttäuschen – wie die Waisenkinder, deren Eltern vielleicht Geschwister sind, und die keiner will, oder das kleine Mädchen, das auf seine toten Eltern wartet. Sie zeugen von einer irren geistigen Verwirrt- und Verlorenheit sowie Hilflosigkeit, die sich in stummer grausamer Gewalt äußert wie bei der Mutter, die mit irrem Blick ihr unschuldiges Kind töten will.

In Wort und Bild, die trotz ihres zeitlichen Abstandes faszinierend gut miteinander harmonieren, wird gezeigt, wie Sein und Sollen durch den Anspruch des moralischen Lebens unterwandert werden. Hier wird deutlich, dass der Schein trügt und die auf den ersten Blick saubere viktorianische Weste gar nicht mehr so sauber und rein ist: Wunderbar wird dies in der Illustration der Schwestern Yves und Isabell sichtbar – die eine Schwester ist dem Tod geweiht, da sie ein Kind vom Schwager erwartet, das die Dorfgemeinschaft nie akzeptieren wird – und so bleibt ihr nur der Strick.

Diese traurigen Tatsachen stoßen uns in ihrer Radikalität vor den Kopf, wenn auch die Themen von Schuld, Verrat, Neid, Liebe, Eifersucht, Ehebruch, Verlassen-Sein und Verlassen-Werden Themen von zeitloser Aktualität sind. Die Absurdität und Grausamkeit der damaligen viktorianischen Sitten sind es, die uns ein Kopfschütteln entlocken und einen kalten Schauer über den Rücken jagen, weil sie im Vergleich zur unseren heutigen Normen so fern und fremd erscheine. Sehr schön thematisiert wird dies z. B. im Bild der toten sich schon im Verwesungszustand befindenden Mutter und ihrer Tochter, die drapiert auf dem Sofa fotografiert werden, solange sie noch frisch sind.
Im 19. Jhd. wurde tatsächlich exzessiv die Totenfotografie praktiziert und trieb seltsame Blüten zur damaligen Zeit – Fotoateliers eröffneten in der Nähe von Friedhöfen und dergleichen … Das erfahren wir in einer Erläuterung am Ende des Bandes.

Neben diesem feinsinnigen schwarzen Humor, der mir sehr gefällt und nahe kommt, da er so bitterböse und hintergründig ist, möchte ich die faszinierenden Illustrationen der Künstlerin Ebeneeza K. hervorheben, die diesen Band so wertvoll und eindrücklich gestalten. Ihre Zeichnungen sind von detailreicher Feinheit und wirken vom Stil her wie ein viktorianischer Comic mit satirischen Zügen – besonders eindrücklich sind die Gesichter der Figuren mit ihren übergroßen Köpfen und den fast zombiehaft wirkenden Augen, oszillierend zwischen Tod und Leben.

In seinem Stil und seiner morbiden Traurigkeit erinnert mich „Die Guten, die Bösen und die Toten“ an Tim Burtons Gedichtband „Das traurige Ende des Austernjungen und andere Geschichten“. Die Illustrationen ähneln den seltsamen und makabren Helden aus dem Tim Burton-Universum, die ich sehr mag.

Ich möchte dem Verlag und der Künstlerin hier ein großes Lob aussprechen für diesen sehr kreativen, aus dem literarischen Einerlei hervorstechenden Illustrationsband, den man sehr gern und nachdenklich durchblättert und dabei eine gewisse Zuneigung zu den Figuren und deren traurigem Schicksal entwickelt. Beide – Vers und Illustration – berühren in besonderer Weise. Ich bin dem Verlagsprogramm sehr zugetan, dass sich dem Bergen von vergessenen Schätzen und verborgenen Talenten widmet, und damit abseits vom literarischen Einerlei ein für mich sehr ansprechendes Oevre bietet.

Dieses Buch kann ich allen Tim Burton-Fans und Liebhabern absurder Begebenheiten, makabren-schwarzen Humors und liebevoll illustrierter Versbildbände nur empfehlen. Es war mir eine große Freude, darüber zu schreiben.

Weiterführende Informationen zu Verlag und Künstlerin:

Das Buch
* Die Illustratorin
* Der Verlag Das Wilde Dutzend
* Empfehlung eines weiteren Bandes: Wer kann für böse Träume – The Secret Grimm Files

Diese Rezension wurde zuerst am 26.10.2012 im Blog der Bibliophilin als Gastrezension veröffentlicht. Vielen Dank an Dorota und den Verlag Das Wilde Dutzend für dieses besondere Buch. 

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