Silke Scheuermann: „Die Häuser der anderen“, Roman (2012)

Den jüngst erschienenen Roman von Silke Scheuermann zu lesen, ist wie durch fremde, abends erleuchtete Fenster der anderen zu schauen. In „Die Häuser der anderen“ spaziert man am Kuhlmühlgraben in der Nähe Frankfurts entlang und nimmt Kapitel für Kapitel dessen Bewohner, deren Hunde und die Eigenarten aller wahr.

Silke Scheuermann kreiert in neun Kapiteln eine Mischform aus Roman und Kurzgeschichten. Der gemeinsame Nenner des Geschehens ist immer der Kuhlmühlgraben, an dem alle auftauchenden Personen, zumindest temporär, wohnen. Zu Beginn und am Ende geht es um die Kunsthistorikerin Luisa und ihren Mann Christopher, der angehende Professor der Biologie. Sie und ihr Mischlingshund Benno bekommen zu Beginn des Buches Besuch von Luisas Nichte Anne. Am Ende des Buches ist Anne nicht mehr acht, sondern zwanzig Jahre alt und befindet sich in New York. Was dazwischen passiert bekommt man am Rande mit, teilweise durch die Kapitelfenster auf das Leben der anderen geblickt: der WG, die von einem schwulen älteren Paar terrorisiert wird, der Nachbarin Dorothee, die sich nach dem Tod von Mann und Hund im Alkohol verliert, oder von Gabi, die zur Putzfrau des Promiehepaars am Kuhlmühlgraben aufsteigt.
Schonungslos nimmt man an den großen und kleinen Momenten des Lebens dieser Personen teil, meist aber sieht man sie tränenverschmiert und unglücklich, stets darum bemüht, den Schein nach außen zu wahren. Denn wie heißt es so schön gleich zu Beginn: „Vorn protzte man mit den Autos, hinten mit den Hunden“. Die Autorin entwirft ein spiegelglattes Ebenbild der Vorortgesellschaft im Speckgürtel einer Stadt, den Menschen, ihren Ambitionen, ihren Schwächen und ihren Hunden. Und es geht um Träume:

Wir vergessen unsere Träume – aber unsere Träume vergessen uns anscheinend nicht.

Dieser literarische Spaziergang ist durchaus unterhaltsam, auch erhellend, bleibt letztendlich aber an der Oberfläche. Es gelingt mir als Leserin nicht so recht, eine Beziehung zu den stereotypen Figuren aufzubauen. Gabi, die Putzfrau, ist mir zu braungebrannt und liest mir zuviel Bunte, um mehr über die Promis, ihre Arbeitgeber zu erfahren. Luisa, die Kunsthistorikerin, gleicht alle Situationen mit ihren inneren Gemälden von Monet und dergleichen ab und ist mir zu sehr akademisches, kinderloses Nervenbündel. Der Adoptivsohn der Promi-Fernsehmoderatorin nimmt „natürlich“ Drogen und neigt zu Gewalttätigkeit…

Dennoch gibt es immer wieder grandiose Szenen in diesem Roman, wie im ersten Kapitel „Madonna im Grünen“, als Luisas 8-jährige Nichte Anne sie überrascht, indem sie Luisa beim Picknick mit der Madonna auf einem Gemälde vergleicht, das sie wenige Tage zuvor im Museum gesehen hat. Oder Luisas Mann Christopher, der nachts ihre Kleider vor sich ausbreitet, um diese als shoppingmausI getarnt bei Ebay zu versteigern.
Auch sprachlich hält der Roman-Kurzgeschichten-Mischling einige Überraschungen bereit: Im Kapitel „Der Unterschlupf“ wechselt plötzlich die zuvor auktoriale Erzählerperspektive zur Ich-Form und man liest aus Sicht von Dorothee, die einem zuvor noch in dritter Form Singular begegnete. Und als würde dieser Exkurs nicht reichen, erzählt in „Feen verderben den Tanz“ mit einem Male ein bisher unbekanntes Nachbarmädchen von seinem Leben am Kuhlmühlgraben: wiederum in Ich-Form. Das mag man verwirrend finden, ich finde es gut. Zugleich verstärkte diese changierende Perspektive meinen Eindruck, es doch auch ein bißchen mit Kurzgeschichten zu tun zu haben.

Enden möchte ich mit meiner persönlichen Lieblingsstelle im Buch. Denn obwohl ich die Figuren teilweise stark stereotyp und als zu distanziert von mir finde, halte ich den Roman von Silke Scheuermann für wirklich gut und empfehlenswert! Gerade dadurch, dass keine Nähe aufkommt, verstärkt sich der Eindruck, man schaue in die Fenster der anderen. Auf dass sie uns noch oft in fremde Häuser blicken lässt…

Es war, als wäre ich aus Versehen in ein impressionistisches Gemälde spaziert, und mein Körper würde sich ebenfalls in kleine, bunte Tupfen auflösen, um gegen meinen Willen Teil dieses Bildes zu werden. Das ist nicht gut, dachte ich.

Silke Scheuermann: „Die Häuser der anderen“, erschienen bei Schöffling & Co., 2012

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7 Gedanken zu “Silke Scheuermann: „Die Häuser der anderen“, Roman (2012)

  1. Die Empfehlung spricht mich sehr an, liebe Laura, wohl weil ich es liebe, bei abendlichen Stadtspaziergängen in erleuchtete Fenster zu schauen und mir die Personen und Leben dazu auszumalen … Ob der Roman auch auf eine solche Vorliebe zurückzuführen ist? Wer weiß

    1. Da geht es mir wie dir, liebe Petra, vielleicht mag ich nicht zuletzt deshalb dieses Buch so sehr. Besonders in der kalten Jahreszeit laufe ich sehr gern durch die Straßen Berlins, neugierige Blicke in die erleuchteten Fenster der anderen werfend. Auch wenn das wohl immer einen leicht voyeuristischen Charakter hat. Dieses Buch denkt das gedankliche Ausmalen dieses Blickens sozusagen weiter, ich kann es dir wirklich empfehlen!

    2. Übrigens entdeckte ich heute ein passendes Zitat bei Proust: „Das Leben, das die Bewohner dieser unbekannten Welt führten, müßte, so schien mir, wundervoll sein, und oft hielten mich die beleuchteten Fenster irgendeiner Behausung unbeweglich in der Dunkelheit fest und unterbreiteten meinen Blicken die wahrhaften und geheimnisumwitterten Szenen von Existenzen, zu denen ich niemals Zugang haben würde (…)“ Wir sind also nicht die einzigen, denen es so geht 😉

  2. Schön, jetzt auch hier eine Besprechung zu dem Roman zu finden, der mich sehr begeistert hat.
    Die stereotype Personenbeschreibungen stimmen in der Tat – manche Figuren wirken so überzeichnet, dass sie beinahe schon einen leicht lächerlichen Charakter bekommen. Beispielsweise Luisa, die sich vor allem auch auf der Venedigreise fürchterlich anstrengend und gestört verhält. In Erinnerung habe ich auch den Liger behalten. 😉

    Viele Grüße
    Mara

    1. Ja, nicht wahr, die Personen sind ziemlich überzogen. Und dennoch passt es irgendwie zu dem Buchinhalt, der uns dann ja offenbar beide überzeugt hat 🙂 Die Geschichte mit dem Liger oder dem ein bißchen fiesen Designerklamotten verkaufen über Ebay fand ich dafür ziemlich lustig. Ich dachte auch wie Christopher erst, dass sei doch Luisa hinter einem Pseudonym. Naja, echt interessant, dass wir es quasi gleichzeitig lasen. Wie bist du denn auf die Neuerscheinung gestoßen? Bei mir war es eine Buchsendung im Deutschlandfunk.
      „Shanghai Performance“ steht bei mir übrigens auch schon im Regal und Gedichte will ich mal von ihr lesen! LG Laura

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