Die Faszination der Lüge im Roman

Über Ljudmila Ulitzkaja: „Die Lügen der Frauen“, 2002 und Paul Auster: „Unsichtbar“, 2010

Die Lüge als Form der verdrehten oder neu erfundenen Wirklichkeit übt auf Schriftsteller zuweilen eine große Faszination aus. Gewissermaßen ist das Lügen mit dem Schreiben fiktiver Romane verwandt: Man erdenkt sich Figuren, Handlungen, Orte und stellt sie in ein Bild aus Worten, das man mit anderen teilt oder anderen mitteilt. Die Lüge und der Roman können wahre Elemente enthalten, die vielleicht verändert, verschoben oder vertauscht werden. Oder es wird einfach etwas dazu erfunden. Der Belogene / der Leser weiß am Ende oft nicht, was stimmt bzw. der Realität entspricht, und was nur der Fantasie des Lügenden / des Autors entsprungen ist.

Zufällig las ich in den letzten Wochen zwei Bücher hintereinander, die sich um dieses zentrales Thema herum bewegten: die Lüge.
In zwei ganz verschiedenen Romanen geht es um die Lüge als veränderte Form der Wirklichkeit: in Paul Austers „Unsichtbar“, das ich bereits besprach und daher hier nicht weiter erläutere und in Ljudmila Ulitzkajas: „Die Lügen der Frauen“. 

In Ljudmila Ulitzkajas Buch „Die Lügen der Frauen“, das interessanterweise eine ähnliche Mischform von Kurzgeschichten und Roman aufweist wie Scheuermanns „Die Häuser der anderen“, stehen Lügen im Vordergrund. In jedem der 6 Kapitel gibt es mindestens eine Frau oder ein Mädchen, das lügt, aus den unterschiedlichsten Gründen. Verbindende Person zwischen den Kapiteln ist Shenja. In der Regel ist sie es, die angelogen wird.
Diese Konstanz über 165 Seiten hinweg ist ein wenig ermüdend. Man wartet in jedem Kapitel förmlich darauf, welche Frau nun lügt und worin ihre Lüge besteht. Ich mochte die Kurzgeschichten in Ulitzkajas „Olgas Haus“ vor Jahren sehr gerne. Mit diesem Buch über die Lügen der Frauen konnte sie mich leider weniger überzeugen. Sie führt den Leser in eine russische, alltägliche Welt der Frauen ein, schildert ihr Zusammensitzen, ihren Alkoholgenuss, die Gespräche über verlorene Kinder oder das Leben als Prostituierte. Aber mehr auch nicht. Männer sind hier nur Randfiguren, es geht nur um die Frauen (und ihre Kinder).
Am eindrücklichsten wird vielleicht noch in „Eine Naturerscheinung“ deutlich, welche sprachlichen und erzählerischen Schönheiten die russische Schriftstellerin erschaffen kann:

„Tragen Sie etwas von sich vor“, bat Mascha, und die Professorin schloß ihre papiernen Schildkrötenlider und sprach langsam und majestätisch klangvolle Worte, die Mascha sich einzuprägen bemühte.

Die Lügen der Frauen in Ulitzkajas Geschichten, die der Protagonistin Shenja begegnen, sind vielfältig. Ich möchte diese hier gar nicht alle aufschlüsseln, falls sich doch jemand auf die Suche nach Wahrheit bei Ulitzkaja machen möchte. Letztlich sind die Lügen zwar vordergründiges Thema bei der russischen Schriftstellerin, sie erzählt aber nur von ihnen und reflektiert diese nicht. Auch dem Leser wird relativ wenig Raum für eigene Gedanken über die Lügen der Frauen gelassen. Dafür sind die Kapitel in sich zu abgeschlossen. So schließt „Eine Naturerscheinung“ mit dem Satz: „Das würde nun niemand mehr erfahren.“
Im letzten Kapitel „Die Kunst zu leben“ wird Shenja vorgeworfen, sie sei eine Lügnerin (nachdem sie sich zuvor die verschiedensten Lügen anhören musste). Vielleicht ist das der Clou. Allerdings finde ich den Umgang mit den Lügen zu plump, zu oberflächig. Oder ich habe etwas überlesen.
Bei Paul Auster bleibt vieles offen, viel mehr als bei Ulitzkaja. Dort wird aber subtil dazu angeregt, sich weiterführende Gedanken zu den Geschehnissen um Adam Walker zu machen. Auf S. 266 von 316 schreibt der Ich-Erzähler namens Jim (James Freeman), dass nichts so heißt, wie zuvor erzählt; die Personen tragen alle andere Namen, selbst er heißt eigentlich anders. Selbst die Orte der Handlung sind zum Teil frei erfunden. Allein Paris sei real.  Zumindest in der erzählten Realität.

Was kann also überhaupt real sein in einem Roman? Bei Auster geht es nicht nur um die Lügen, die (sich) der Protagonist im Nachhinein aufschreibt, sondern auch um das Verändern der Realität beim Erzählen.

Am Ende bleibt die Faszination an der Lüge.

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4 Gedanken zu “Die Faszination der Lüge im Roman

    1. Prima Tipp, danke schön 😉 Manchmal ist das bei mir so: Ich lese fast willkürlich Bücher hintereinander, nur um dann festzustellen, dass sie ein ähnliches Grundthema haben… Von Serie würde ich vielleicht nicht gleich sprechen, aber man wundert sich doch! Wie fandst du denn Ulitzkajas Lügengeschichten?

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