Sonntag mit Proust IV

Anhand folgenden Zitats möchte ich euch diesen Sonntag an der wunderschönen Fähigkeit Prousts, Stimmungen und Umgebungen zu beschreiben, teilhaben lassen.
Aus seinen Worten spricht eine damalige Zeit, die sich verändert („Sparkasse“!) zu mir, das Vermögen der intensiven Wahrnehmung und auch eine pulsierende Lebendigkeit.

Eine solche Flut von Leben durchströmte mich dann, daß keine meiner Bewegungen sie zu erschöpfen vermochte; jeder meiner Schritte schnellte aus der Berührung mit dem Straßenpflaster elastisch zurück, ich meinte die Flügelschuhe Merkurs an den Füßen zu haben. Eine der Fontänen war noch von rötlichem Schimmer durchwebt, während in der anderen das Mondlicht dem Wasser bereits eine opalene Tönung gab. Zwischen ihnen trieben sich spielende Gassenjungen umher, sie schrien und lärmten und beschrieben Kreise, wobei sie offenbar wie Mauersegler oder Fledermäuse einem bestimmten Gebot dieser Stunde folgten. Neben dem Hotel die alten Staatspaläste und die Orangerie aus der Zeit Ludwigs XVI., in denen sich jetzt die Sparkasse und die Kommandantur befanden, waren im Innern schon trotz des noch bestehenden Tageslichts von mattgoldenen Gaslampen erhellt, was zu den hohen und breiten Fenstern aus dem achtzehnten Jahrhundert paßte wie ein Schmuck aus blondem Schildpatt zu einem geröteten und dadurch belebten Gesicht, und mich letztlich bewog, mein wärmendes Feuer und meine Lampe wieder aufzusuchen, die als einzige auf der Fassade des Hotels, das ich bewohnte, mit dem einfallenden Dunkel kämpfte, und um derentwillen ich zum bloßen Vergnügen heimkehrte, bevor es vollends Nacht war, so wie man es um einer Vespermahlzeit willen getan hätte. Auch in meiner Behausung wich die Stimmung der Gehobenheit nicht von mir, die ich draußen verspürt hatte. Sie verlieh allen Dingen, die uns sonst oft platt und leer erscheinen, der gelben Flamme des Feuers, der derben himmelblauen Tapete, auf die die Abendsonne wie ein müßiger Schuljunge rosa Schnörkel malte, der merkwürdig gemusterten Decke des runden Mitteltischs, auf dem ein Stapel Schreibpapier und ein Tintenfaß neben einem Roman von Bergotte auf mich warteten, soviel Rundung und Tiefe, daß seither alle diese Dinge nicht aufgehört haben, für mich mit dem Reichtum eines ganz besonderen Eigenlebens angefüllt zu sein, das ich, glaube ich, noch wieder ans Licht ziehen könnte, wenn ich ihnen noch einmal begegnete.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

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5 Gedanken zu “Sonntag mit Proust IV

  1. Heute ist ein ganz besonderer Sonntag, nämlich der 90. Todestag von Marcel Proust! Aus diesem Anlass begeht Durchleser bereits seit zwei Tagen einen wahren „Proust – Lese – Marathon“, mehr dazu auch hier unter : http://www.facebook.com/Durchleser?ref=hl

    Besonders erwähnen sollte man noch die ganz neue Bildbiographie über Marcel Proust, die mehr als empfehlenswert ist. Genaueres kann man darüber gerne auch hier nachlesen: http://durchleser.wordpress.com/2012/11/18/durchgeblattert-marcel-proust-v-patricia-mante-proust-u-mireille-naturel/

    In diesem Sinne noch einen proustreichen Abend, Durchleserin!

    1. Lieben Dank für die Ergänzung, liebe Durchleserin! Ich habe Sonntag gebührend an Proust gedacht. Toll, dass ich in dir auch einen großen Proust-Fan gefunden habe; erstaunlich, wie intensiv du dich mit ihm befasst! Und du machst das ganz unabhängig von Studium oder ähnlichem, oder? LG Laura

      1. Proust begleitet mich seit über 25 Jahren. Der erste intensive Beschäftigung mit seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“ begann aufgrund meiner Facharbeit im LK Französisch über den Romanteil „Im Schatten junger Mädchenblüte“. Inzwischen bin ich seit vielen Jahren Mitglied bei der deutschen Marcel-Proust-Gesellschaft und verfolge dadurch im „laienhaften“ Sinne die Proustforschung und Veröffentlichungen über und von Proust. Doch letztendlich geschieht dies alles hauptsächlich nur aus literarischer Verehrung für diesen wundervollen Autor!

  2. Ich bin ja noch sozusagen im Vorspann meiner Proust-Lektüre, aber weil ich gestern vorm Einschlafen ein Lese-Sonntags-Zitat gefunden habe, will ich es hier einfach posten. Es passt so gut zu dieser Kategorie…

    „Während ich im Garten las – meine Großtante hätte nicht verstanden, dass ich das an anderen Tagen als am Sonntag tat, dem Tag, wo es verboten ist, sich mit irgend etwas Ernsthaftem zu beschäftigen, und wo sie nicht nähte (an einem Werktag hätte sie mich gefragt: „Was, du amüsierst dich mit Lesen, es ist doch schließlich nicht Sonntag“, wobei sie dem Wort „amüsieren“ den Sinn von „Kinderein nachgehen“ und „seine Zeit vertrödeln“ gab) – …“

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