Ned Beauman: Flieg, Hitler, flieg! (2010)

Absurd. Morbid. Skurril. Schräg. Es geht um Käfer, Boxer, Nazis und die Monströsitäten des 20. Jahrhunderts.

Zum Lachen, Wundern, Amüsieren, Echauffieren, Sinnieren, Erinnern, Erkennen, Reagieren, Überrascht- und Angewidertsein und immer wieder zum Infragestellen.

Der englische Journalist Ned Beauman hat mit seinem Roman-Debüt ein absolut wundersames und morbides Werk vorgelegt, das mich sehr amüsiert und gut unterhalten hat. Gleichzeitig brachte es mich zum Nachdenken und ließ mich verwundert den Kopf schütteln ob seiner erschreckenden ideologischen Hintergründe und perversen Ekelhaftigkeiten – die Ästhetik des Ekels wird hier durchexerziert. Dabei ist dieses Buch eindeutig eine Satire und ich behaupte, eine gelungene. Schon die Cover-Gestaltung, die mich besonders in Kombination mit dem Titel fasziniert hat, weist zahlreiche satirische Elemente auf: Sie zeigt eine Collage aus einem Portrait Adolf Hitlers mit einer roten Clownsnase und einem käferartigen Insekt mit Fledermausflügeln.

Man könnte diesen Roman auch als Postille mit Krimi-Elementen bezeichnen. Wir haben es hier mit einem erschreckend historisch realen Kuriositätenkabinett der menschenverachtenden Ideologien und antisemitischen Strömungen zu tun, die sich im ausgehenden 20. Jahrhundert von Deutschland aus in ganz Europa verbreiteten und ihre Spuren hinterließen. Hier wird mit der seltsam abstoßenden und gleichsam faszinierenden Lust am Ekelhaften wunderbar pervertiert dargestellt, welche monströsen Ausuferungen und Blüten die Verachtung des Nicht-Konformen, Andersartigen und der Wunsch nach gestalteter Perfektion im frühen 20. Jahrhundert getrieben hat.

Ned Beauman entwickelt eine filmreife Handlung, die in ihrer Absurdität und Schrecklichkeit nur noch von der Realität des nationalsozialistischen Gesellschaftsentwurfes und ihren bestialischen Auswüchsen des Sozialdarwinismus, Antisemitismus und der Eugenik überholt wird. Man wünscht sich, diese Ideen entstammen der originären Einbildungskraft eines Horrorfilme liebenden jungen Autorengenies, doch leider basiert der ins Extreme verdichtete Inhalt auf historisch zu belegenden Hintergründe.

Man ertappt sich als Leser dabei, wie man freudig lacht und sich gleichzeitig angewidert fragt, welch absurde und völlig abwegig kranken Ideen die eugenische Theorie zum Ziel hatte, die in der menschenverachtenden Politik der Nationalsozialisten gipfelte, wo ein Mensch nur noch als Erb- und Genmaterial gesehen wird.

Der Autor zeigt die Auswüchse des britischen Faschismus und Rassismus und scheint zweifelsohne gut recherchiert zu haben. Er kombiniert historische Fakten, Begebenheiten und Strömungen geschickt in einer kriminologischen Handlung, die den Leser vom London der 30er Jahre bis ins heutige England führt.

Der Inhalt in Kürze

1934: Der reiche aus einer Dynastie der Antisemiten stammende junge Wissenschaftler und Insektenfreund Philipp Erskine trifft auf seiner Suche nach einem Forschungsobjekt im gesellschaftlichen Sumpf Londons durch Zufall den Preisboxer Seth „Sinner“ Roach. Der Jude Sinner fasziniert Erskine nicht nur aufgrund seiner einzigartigen Körperbeherrschung und Kraft, sondern auch seiner Abnormität – er besitzt an einem Fuß nur vier Zehen, ist nur einen Meter fünfzig groß und besitzt dabei eine enorme Kraft und Treffsicherheit. Sinner, der es gewohnt ist, sich boxend und schmarotzend durchs Leben zu kämpfen, sieht in Erskine einen für ihn abstoßenden reichen Müßiggänger, den er zutiefst verachtet, aber auch für sein Überleben nutzen kann. Denn Erskine, der erfolgreich seine homosexuellen Neigungen unterdrückt, hat mehr als wissenschaftliches Interesse an Sinner – und damit hat ihn Sinner, der sich des Öfteren in homosexuellen Kreisen von reichen Dandys aushalten lässt, in der Hand und umgekehrt. Der Boxer verkauft Erskine seinen Körper und folgt ihm auf das Anwesen seiner Eltern, wo sich die Mitglieder der Thule-Gesellschaft regelmäßig treffen und ihre neuesten rassentheoretischen und politischen Erkenntnisse austauschen. Dort passiert Ungeheuerliches …

In der Gegenwart trifft Kevin „Fishy“ Broom, der an einer seltsamen Krankheit namens Trimethylaminurie leidet, die ihn nach altem Fisch stinken lässt, bei seinen Recherchen nach Nazi-Andenken auf einen einzigartigen Brief Adolf Hitlers an einen Wissenschaftler Erskine, bei dem er sich für ein außergewöhnliches Geschenk bedankt. Erskine ist es gelungen, einen auf seiner Expedition entdeckten Käfer, der auf dem Rücken ein Hakenkreuz-Symbol trägt, zu einer besonders zähen und widerstandsfähigen Art zu züchten: Anophthalmus hitleri. Dieser Käfer wird zum Verhängnis aller.

Dieser Brief an Erskine und sein brisanter Inhalt führen ihn über Umwege an das Grab von Seth Roach, wo er erschreckende Entdeckungen macht …

Erzählerische Bewertung

Ned Beauman besitzt eine große Freude am geschmacklosen Witz und bis ins Ekelhafte gesteigerter Übertreibung. Neben seiner großen Phantasie und Fabulierlust hat er hier eine gleichsam unterhaltsame wie faszinierende Kolportage auf die ideologischen Erscheinungen des frühen 20. Jahrhunderts verfasst. Er vermischt in seinem Roman geschickt historische Fakten mit erzählerischer Phantasie und horrorfilmartigen Elementen, die eine beeindruckend bildhafte Erzähldynamik entwickeln und ein atemloses, Kopf-schüttelndes und faszinierend wie abstoßendes Leseerlebnis fabrizieren. Seine Figuren wirken wie das Ensemble einer Freakshow und eines Kuriositätenkabinetts menschlicher Abseitigkeiten, dabei sind sie jedoch in ihrer Besonderheit zutiefst normal mit all den menschlich möglichen sexuellen Vorlieben und Charaktereigenschaften. Wunderbar beherrscht der junge Autor die satirische Überspitzung und entlarvt in seiner Figurencharakteristik die Doppelmoral der Rassentheoretiker, die Menschen als Forschungsobjekte begreifen und sich die Macht zuschreiben, jede Anders- und Einzigartikeit unterdrücken zu wollen. Dabei sind sie selbst Teil dieses abartigen „Genmaterials“ und weisen die Klaviatur menschlicher Seins- und Verhaltensweisen auf, die sie erfolgreich unterdrücken.

Der Autor erzählt ohne moralischen Zeigefinger und ohne zu ergründen, woran bis heute noch die seltsame und quasi-religiöse Verehrung Einzelner für Nazi-Andenken herrühren könnte. Und das ist auch ein bisschen die Schwäche des Romans. Am Ende wäre die Gelegenheit gewesen, etwas in Ansätzen in Frage zu stellen, was scheinbar unbegreiflich ist: Weshalb der Nationalsozialismus und das Wirken seiner einschlägigen Protagonisten auf einige Menschen heute noch eine fast kultische quasireligiöse Wirkung hat, obwohl nahezu hinreichend bekannt ist, welche perverse, menschenverachtende und extreme Ideologie einer der größten organisierten Massenmorde der Moderne zu verantworten hat. Ned Beauman wollte sicherlich mit diesem Roman weniger moralisch werten und Antworten geben, sondern den historischen Stoff kolportieren und eine extrem unterhaltsame, intelligent gemachte und absurd-witzigen Satire verfassen. Das ist ihm meiner Meinung nach gelungen und ich folgte mit Spannung und großem historischem Interesse seinen aberwitzigen Ausführungen. Besonders beeindruckt hat mich dabei die enorm bildgewaltige und eindrückliche Beschreibung des Hitler-Käfers und seiner überzüchteten Artgenossen, die die eigentlichen heimlichen Hauptakteure des Romanes darstellen und am Ende den widerwärtigen Sieg davon tragen. Hier greift er auch den parasitären Nazi-Sprech auf, der mit Vorliebe Menschengruppen als Parasiten beschrieb, die es auszurotten gilt.

Ned Beauman scheint mir sehr vom modernen Horrorfilmgenre beeinflusst und ich vermute, dieser Stoff ließe sich fabelhaft für das Genre-Kino verfilmen. Dies wäre eine große Herausforderung für jeden Regisseur. Also – Mut zum Kopf-Kino und Film ab!

Dann stürzten sich die Käfer auf mich. Sie schossen über den Boden, sprangen auf meine Füße und krochen an meinen Beinen hoch. Mit der Art, wie sie sich bewegten, schien etwas nicht zu stimmen, es war wie in einem schlecht animierten Film. Ich presste meinen Mund zusammen, um sie nicht in meinen Hals zu lassen. Ich wünschte, der Waliser hätte mich bereits erschossen, weil ich nicht auf diese Weise sterben wollte.

Doch dann ließen die Käfer von mir ab. (…) S. 273

Ned Beauman: Flieg, Hitler, flieg! 1. Aufl. 2010, DuMont Buchverlag Köln.

Website von Ned Beauman

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2 Gedanken zu “Ned Beauman: Flieg, Hitler, flieg! (2010)

  1. Hallo Katja! Mir hat der Roman auch ganz gut gefallen, weil ich das Morbide liebe, allerdings finde ich persönlich, dass Ned Beauman ein bisschen zu viel in sein Debüt packen wollte: Nazis, Geheimbünde, Darwinismus, Missbildungen, Genkrankheiten… Meiner Meinung nach ergibt das ein sehr undifferenziertes Bild. Deshalb finde ich es auch schwierig von Historzität oder Realismus zu sprechen. Die Hauptfiguren und der ganze Plot sind fiktiv. Weil Ned Beauman aber so souverän und elegant historische Ereignisse und Namen einschmeißt, weckt er den Eindruck von einem realistischen Roman…naja, und einen Romanhelden, der Nazi-Memoiren sammelt, fand ich auch nicht wirklich sympathisch. Aber der Roman setzt natürlich auf solche Schock-Effekte 😉

  2. Guten Abend, Karo! Die Frage ist ja grundsätzlich – was wollte er mit seinem Roman beim Leser erreichen? Den moralischen Zeigefinger heben wollte er nicht. Er hat eine überbordend skurril-morbide Satire und Kolportage geschaffen, die jede noch so kleinste historische Randerscheinung aufnimmt und bis ins Extrem zuspitzt. Von Historizität und Realismus spreche ich hier gar nicht. Ich würde lediglich sagen, dass sein Roman auf historischen Erscheinungen und gesellschaftlichen Entwicklungen beruht und diese aber kurios neu kombiniert mit einer riesigen Fabulier- und Erzähllust. Herausgekommen ist ein Kuriositätenkabinett des Schrecklichen … Alles ein bißchen viel ja, aber es hat mich faszniert, und ich hatte nicht das Gefühl, dass er den Überblick oder die Handlungsfäden verliert. Man hätte, im Gegenteil, am Ende noch mehr aus dem Gespräch zwischen den obskuren Nazi-Andenken-Sammlern machen können und das Ganze mehr in Frage stellen können. Ned Beauman ist wahrscheinlich ein Horror-Fan mit Detailverliebtheit und Interesse für die historischen Abseitigkeiten des 20. Jahrhunderts, die ja alle mehr oder weniger so wie im Erzählstoff verarbeitet so auftauchten. Meiner Meinung nach ist nur das, was wirklich passiert ist, noch viel erschreckender als ein Mensch mit 2 Zehen oder ein deformierter Käfer. Natürlich spielt Ned Beauman auch mit unseren Erwartung, er geht an unsere Ekelgrenzen und führt uns vor – und am Ende hätte er die Konsequenz daraus noch deutlicher ziehen können, was Fishy und Stuart angeht und deren Beweggründe – Geldgier, unerklärliche Faszination, Interesse am Morbiden, Faszination des Schrecklichen?

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