Banana Yoshimoto: „Amrita“, Roman (1997)

Amrita ist ein Begriff, der für Göttertrank, für ein Lebenselixier steht, das Unsterblichkeit schenkt. Etymologisch stammt das Wort aus der hinduistischen Mythologie.
Ryuichiro, ein junger Schriftsteller und Freund der Protagonistin Sakumi, überlegt sein Buch „Amrita“ zu nennen. Sakumi meint, das verkaufe sich nicht.
Banana Yoshimoto, die 1964 geborene japanische Schriftstellerin, nennt ihren Roman „Amrita“ und stellt ans Ende ihres Buches die beschriebene reflektive Szene.

Sakumi ist Ende Zwanzig erlebt mehrere Schicksalsschläge in kürzerer Zeit: Ihre Schwester Mayu begeht Selbstmord, nachdem sie ein suchtmittelangereichertes Leben führte, Sakumi hat einen Unfall und verliert durch eine Kopfverletzung teilweise ihr Gedächtnis. Zu allem Überfluss beginnt ihr kleiner Bruder im Grundschulalter mystische Erlebnisse zu haben und die Lebensumstände Sakumis sind auch alles andere als traditionell oder geordnet: Sie lebt mit ihrer Mutter, ihrer Cousine, ihrem Bruder und einer Freundin der Mutter in einer WG-ähnlichen Konstellation in einem Haus zusammen. Und dann ist da noch Ryuichiro, der ehemalige Freund der nun toten Mayu, der ständig verreiste Schriftsteller, mit dem Sakumi eine Beziehung eingeht. Genug Gründe, an einem chaotischen Seelenleben zu verzweifeln, könnte man meinen. Doch Sakumi begegnet dem allen, und das macht dieses Buch besonders, absolut leicht, souverän und humorvoll. Sie wundert sich über die Vorahnungen und hellsichtigen Träume ihres Bruders, reist mit Ryuichiro durch die Gegend, wechselt ihren Job, lernt mysteriöse Menschen kennen – und bleibt bei allem unheimlich gelassen und leicht-locker-lebensfroh.

Die Erinnerungen kamen bald zurück, wie eine Geheimschrift, die nach und nach wieder lesbar wird. Nur: Auf dem Glas zwischen mir und mir selbst, das eigentlich durchsichtig sein sollte, haben sich Wassertröpfchen gebildet, wie bei einer Armbanduhr, die beschlagen ist. Und die gehen und gehen nicht weg. Aber das macht nichts, das macht überhaupt nichts. Ich kümmere mich einfach nicht drum.

Der Roman „Amrita“ ist eine Hommage ans Leben, heißt es im Klappentext. Für mich ist es ein Buch voller Leichtigkeit, ein sehr intensiver Roman, der die Liebe zum Leben widerspiegelt. Allerdings ist es auch ein Buch voll von Elementen, die ich nicht mal mehr magisch nennen würde, sondern esoterisch oder okkult. Da tauchen zuviele Geister, Vorahnungen, Erleuchtungen und sogar ein UFO auf, als dass ich es magisch nennen könnte. Außerdem kommt mir das Buch ziemlich weiblich vor: viele Szenen spielen unter Frauen in der Küche, es geht um Beziehungen, Befindlichkeiten und Gespräche. Jeder, dem das zuviel des Übersinnlichen und Femininen ist, sei also vorgewarnt.

Alleine in einer nächtlichen Küche können einem die Gedanken nämlich für immer stehenbleiben, so ein Ort ist das. Auf keinen Fall sollte man sich lange darin aufhalten. Man darf die Mutter, die Ehefrau, die Tochter nicht dort einschließen. Neben tollen russischen Eintöpfen entstehen hier nämlich auch Mordgelüste und heimliche Alkoholikerinnen. In diesem Herzen des Hauses.

Trotz der zahlreichen Schicksalsschläge und Personen tropft die Handlung etwas träge vor sich hin. Yoshimoto lässt sich auf 510 Seiten Zeit – und das ist manchmal mühsam.
Dennoch habe ich mir viele Textstellen mit Klebezettelchen markiert und teilweise rausgeschrieben, weil sie einfach wunderschön sind. Banana Yoshimoto erschafft mit ihrer lockeren, jugendlichen Sprache voller kleiner Lebensweisheiten eine ganz eigene faszinierende Welt. Darüber hinaus enthält der Roman viele Verweise auf japanische Gerichte, Musikstücke, japanische Literatur und sogar auf Prousts Madeleine-Episode (vgl. S.51).

Empfehlen kann ich dieses Buch allen, die auf der Suche sind, die ein wenig Aufmunterung gebrauchen können, japanische Literatur mit westlichen Einflüssen mögen oder einfach nur wieder mal einen liebevollen Blick auf das Leben werfen möchten. Abraten möchte ich den Lesern, die mit esoterisch-weichgespülten Lebensweisheiten ähnlich denen eines Paulo Coelhos nichts anfangen können oder die Büchern mit Geistern, Ufos und Vorahnungen oder Telepathie nichts abgewinnen. Für mich war es ein keineswegs perfektes Buch, dennoch will ich mehr von Frau Yoshimoto lesen, nicht zuletzt wegen solcher Textstellen:

Wir lesen zufällig ein Buch und (…) vergessen es wieder, sobald es seine Bilder und Charaktere auf die Leinwand unseres Herzens projiziert hat. Und doch behalten sie, als Erinnerung an „irgendwen“, einen Platz in unserem Gedächtnis – für alle Zeit. (…)
Romane leben. Sie leben und beeinflussen uns Menschen auf der anderen Seite der Wirklichkeit wie gute Freunde.

Banana Yoshimoto: Amrita (Amurita), aus dem Japanischen von Annelie Ortmanns, erschienen bei Diogenes, 1997

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7 Gedanken zu “Banana Yoshimoto: „Amrita“, Roman (1997)

  1. Ach, Amrita liegt noch bei mir auf dem Bücherstapel. Nach den ersten ca. 60 Seiten habe ich abgebrochen, weil es mir doch zu seltsam wurde. Und dass obwohl ich Murakami beispielsweise auch mit der Abgedrehtheit mancher Romane sehr mag. Vielleicht lese ich mich jetzt doch mal weiter. LG Mila

    1. Ja, ich weiß was du meinst. Wie du lesen kannst, stehe ich dem Buch auch zwiegespalten gegenüber, besonders was die Seltsamkeit und die esoterischen Elemente angeht…, die doch eine Spur okkulter sind als bei Murakami. Aber irgendwie lohnt es sich dann doch. Bin gespannt, ob du weiterliest und was du dann denkst 😉

  2. @Laura: Übrigens hat die Autorin einen interessanten Vornamen =) Gut, dass sie nicht nach einer anderen Frucht wie „Pampelmusa“ benannt wurde.

    Welche Bedeutung hat denn „Amrita“ im Buch noch außer der vorgeschlagene Buchtitel zu werden?

    Wie bist du eigentlich auf dieses Buch gestoßen? *neugierig*

    1. Neugierig bin ich auf das Buch geworden, weil die Klappentexterin es als ihr Lieblingsbuch erklärte: http://klappentexterin.wordpress.com/2010/05/21/tag-3-dein-lieblingsbuch/
      Da ich japanische Literatur ja bisher sehr mag, wollte ich von Banana (vielleicht bezieht sich der Name ja gar nicht auf die Frucht, wer weiß?) ohnehin was lesen, und dann kam mir zupass, dass es in meiner kleinen Bücherei auszuleihen war 🙂
      „Amrita“ wird am Ende als potentieller Titel vorgeschlagen und taucht sonst nicht direkt auf, verweist aber indirekt auf das, was der Roman Yoshimotos für den Leser sein kann: ein köstlicher Göttertrank, der einen die Liebe zum Leben (wieder) gewinnen lässt. Zumindest habe ich das so interpretiert 😉

  3. Yoshomoto wartet auch noch auf mich, aber ich würde gerne mit ihrem aktuellen Buch anfangen. Vorgemerkt ist es schon 😉
    Du schreibst von einer lockeren Sprache. Gleitet sie manchmal ins Banale oder hält sich das in Grenzen?

    1. Du meinst „Ihre Nacht“, das du lesen willst? Machst du das eigentlich aus Prinzip: Bei einem Autoren, den du noch nicht gelesen hast, zuerst den aktuellen Roman zu lesen und dann erst ältere?
      Die Sprache in „Amrita“ ist sehr locker-leicht-jugendlich… Manchmal schon stark an der Grenze zum Banalen. Ich würde es vielleicht weniger als banal, eher als stark umgangssprachlich bezeichnen. Es entsteht der Eindruck, man lese, was im Kopf der Protagonistin vorgeht, da die Sprache so ungefiltert alltäglich daherkommt.
      Da an vielen Stellen die Sprache dann aber wunderschön und bildreich ist, zB bei der Beschreibung eines Sonnenuntergangs, hebt sich das Umgangssprachliche ein wenig auf, sodass es mich nicht störte.

      1. Ja genau das meine ich. Nein, das ist kein Prinzip von mir, das aktuelle Buch spricht mich einfach an 🙂 Gebe ich dir einen Grund für deine Vermutung? *grübel*

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