Sonntag mit Proust V

Man legt Schweigen gern als Stärke aus, in einem ganz anderen Sinne stellt es sogar eine furchtbare Macht in den Händen derjenigen, die geliebt werden, dar. Es steigert die Angst des Wartenden. Nichts lädt so sehr dazu ein, sich einem Wesen zu nähern, als gerade das, was einen von ihm trennt, und welche unüberschreitbarere Barriere gibt es als das Schweigen? Man hat auch gesagt, daß Schweigen eine Qual bedeute und imstande sei, denjenigen, der im Gefängnis dazu verurteilt ist, um den Verstand zu bringen. Doch welche Qual – noch größer als Schweigen – besteht darin, es von der Seite des geliebten Wesens ertragen zu müssen! (…)
Schlimmer übrigens als das Schweigen im Kerker, kann ein solches Schweigen selbst zum Kerker werden. Wie eine Mauer, wenn auch immateriell, so doch undurchdringlich, liegt eine Zone leerer Luft vor dem Verlassenen, die der Strahl eines Blicks nicht zu überwinden vermag. Kann eine Abwesende überhaupt in einem fürchterlicheren Licht erscheinen als in dem des Schweigens, das sie uns in tausend Gestalten zeigt, die alle eine andere Art von Verrat an uns üben?

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

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