Brigitte Reimann und Ronald M. Schernikau: Zwei Biographien zwischen Ost und West

Ich möchte euch heute einmal zwei Bücher vorstellen, die für mich zu den beeindruckendsten biographischen Büchern gehören, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Es handelt sich dabei um Biographien zweier völlig unterschiedlicher Menschen und doch haben mich beide in ähnlichem Maße berührt und bewegt. Ich lese ab und an sehr gern Biographien über Künstler, Philosophen und Literaten, weil mich die Hintergründe und Umstände eines Lebens interessieren und man dann teilweise nochmal einen anderen Blick auf die jeweils gewählten Sujets bekommt, die ein Schriftsteller in seinem Werk verarbeitet. Dabei halte ich allerdings nichts von reinem Biographismus oder einer zu stark biographischen Deutung eines literarischen Textes, wie es bei klassischen Autoren des Öfteren geschieht und nur noch ermüdet und langweilt. Manchmal jedoch wird ein Mensch in eine Zeit und Gesellschaft geboren, die ihm einiges abverlangt. Und als Künstler schreibt und wirkt er dabei unter besonderen Lebensumständen, die sich dann in den jeweiligen Zeilen auswirken. Der Mensch ist ein historisches Wesen und wie man es auch nimmt, spiegeln sich historische Gegebenheiten und gesellschaftliche Bedingungen im Gesamtwerk vieler Autoren wider. Vor allem dann, wenn solch ein Künstler und Literat auch aktiv an den gesellschaftlichen Umwälzungen partizipiert, sei es aus politischen Gründen oder einem persönlichen Anliegen.

Auf die beiden Autoren, deren beindruckende und sehr anspruchsvoll verfasste Biographien ich empfehlen möchte, trifft dies im besonderen Maße zu: Die Literaturwissenschaftlerin Dorothea von Törne schreibt in „Einfach wirklich leben“ die sensible Biographie der DDR-Autorin Brigitte Reimann. In „Der letzte Kommunist“ beschreibt Journalist und Schriftsteller Matthias Frings das Leben seines guten Freundes, des Schriftstellers Ronald M. Schernikau.

Beide Lebenswege könnten unterschiedlicher nicht sein und doch haben sie eines gemeinsam: der gemeinsame Reibungspunkt in ihren Biographien sind der Staat und die Gesellschaft der DDR, die beide jedoch von völlig gegensätzlichen Punkten aus erlebt und wahrgenommen haben. Gerade daher sind wunderbar spannende Biographien entstanden:

Beide, die einer unterschiedlichen Generation angehören, wurden in demselben Ort geboren. Brigitte Reimann wurde 1933 in Burg bei Magdeburg geboren, Ronald M. Schernikau erst 1960, ebenso in Magdeburg. Der große Unterschied zwischen beiden Autoren ist jedoch, und da werden die beiden Leben im Vergleich äußerst spannend, dass Brigitte Reimann in der DDR gelebt, gearbeitet, geliebt, gelitten und geschrieben hat. Sie musste entgegen den Widrigkeiten im grauen sozialistischen Alltag eines autoritären Staates ihren Weg als Künstlerin finden. Schernikau hingegen floh als 6-Jähriger mit seiner Mutter Ellen aus dem Ulbrichtstaat über die innerdeutsche Grenze in den Westen, in der Hoffnung auf ein gemeinsames Leben mit Ronalds Vater, das so jedoch nie stattgefunden hat. Der homosexuelle Ronald M. Schernikau wuchs, anders als Brigitte Reimann, im wohlhabenden Westen auf und schrieb schon früh erste Texte. Das Besondere an seiner Biographie ist der Umstand, dass er sich, im Westen sozialisiert, zu einem leidenschaftlich überzeugten, die Theorien Karl Marx verehrenden Kommunisten und scharfsinnigen Literaten entwickelte. Diese Leidenschaft ging so weit, dass er 1989 entgegen der allgemeinen Aufbruchsbewegung westwärts in den Osten zog: Er wurde am Literaturinstitut in Leipzig angenommen und erfüllt sich damit seinen Lebenstraum.

Brigitte Reimann, ebenso überzeugte Sozialistin und leidenschaftliche, freiheitsliebende Frau wollte nie in den Westen ziehen. Ihre Hoffnung galt dem sozialistischen Staat, obwohl er es ihr als sensibler, selbstbewusster und kreativer Literatin nie leicht gemacht hat. Dennoch hat sie an ihn geglaubt. Ernüchtert wurde sie jedoch immer wieder vom literarischen Betrieb, der sich nach außen hin in geordneten Verhältnissen und mit strenger Struktur präsentierte, aber in Wirklichkeit eine Vereinigung versoffener Männer mit losen Moralvorstellungen war, die ihre Kreativität dem offiziellen Kurs unterwerfen mussten oder mit Restriktionen zu rechnen hatten.

Ein Realsozialismus, den Ronald M Schernikau als Nachgeborener nie kennengelernt hat – der junge talentierte Schwule lebte und liebte im hochkreativen und impulsiven Westberlin der 80er Jahre („Schaufenster des Westens“), hatte zahlreiche Affären und leider zu Lebzeiten nie den literarischen Erfolg in einem anerkannten von ihm geschätzten Verlag, den er sich gewünscht hätte. Brigitte Reimann kämpfte nach einer Fehlgeburt und dem darauf folgenden Selbstmordversuch ihr ganzes Leben mit ihrer selbstzerstörerischen depressiven Natur. Ihre leidenschaftliche Sucht nach sexueller Anerkennung und das kompromisslose Ausleben ihrer erotischen und persönlichen Wünsche mündeten in mehrere exzessive Dreiecksbeziehungen und gescheiterte Ehen. Beide Autoren starben leider viel zu früh, ohne ihre Träume und Wünsche sowie ihr großes literarisches Talent wirklich zu einem ausgereiftem literarischem Oevre entwickeln und ausarbeiten zu können. Ihre idealistischen Vorstellungen einer perfekten Gesellschaft an der Realität zu messen, blieb Ihnen leider zu wenig Zeit: Brigitte Reimann kämpfte mit ihrem persönlichen Empfinden und dem sozialistischen Anspruch an Sie als Autorin, was Literatur zu leisten hat. Schernikau dachte und lebte als lebenshungriger sensibler Literat völlig an dem allgemeinen Strom vorbei, den die gesellschaftliche Wirklichkeit Ende der 80er Jahre erfasste und der ihn 1989 mit dem Mauerfall völlig überrannte.

Ronald M. Schernikau erhielt im Herbst 1989 die Diagnose HIV und starb an dieser Krankheit. Brigitte Reiman verstarb nach mehreren Behandlungen und wenig erfolgreichen Operationen 1973 an Brustkrebs.

Ich halte beide Leben und Biographien für so außerordentlich spannend und wichtig, nicht nur weil sie einen wichtigen Teil der deutschen Geschichte mit ihren individuellen Lebenswegen nachzeichnen. Sondern sie zeigen, wie man als Künstler an den persönlichen Krisen wächst, sich historische Umstände immer auf die Biographie auswirken, und welche faszinierend klugen kreativen und sensiblen Persönlichkeiten es in unserem Land gab, die leider heute viel zu wenig wahrgenommen werden. Ich zumindest lese kaum etwas über beide Autoren. Wer mir widersprechen möchte, kann mich gern eines Besseren belehren.

Die Biographie als lebendige verdichtete Geschichte im Leben einer Person

Was zeichnet diese Biographien als literarische Werke aus? Sie sind sehr sensibel und pointiert verfasst, ohne selbstgerecht, unreflektiert und unkritisch ihre Hauptpersonen und deren Leben zu reflektieren. Sie sind weder voyeuristisch noch weiden sie sich übertrieben am Elend, den Krisen und Tiefpunkten beider Personen. Sie wurden mit einem großem Respekt vor dem Leben dieser zwei sensiblen Intellektuellen verfasst und stellen die historischen Fakten sachlich dar. Dabei spüren sie den Verbindungen subjektiv empfundener Ereignisse zum gesellschaftlichen Ganzen nach und versuchen, die Person und ihr literarisches Werk trotz seines fragmentarischen Charakters im Ganzen zu erfassen ohne rein subjektivierend einen eigentlich fremden Menschen zu interpretieren. Dabei sei zu sagen: Bei Brigitte Reimann liegen uns umfangreiche Tagebuchaufzeichnungen vor, in denen sie exzessiv und detailliert ihre Gefühle verarbeitet hat. So dass die Biographin Dorothea von Törne neben den literarischen Texten und persönlichen Gesprächen mit dem zweiten Ehemann Brigitte Reimanns auch durch die Tagebuchaufzeichnungen ein differenziertes und sehr persönliches Bild ihres Lebens zeichnen konnte.

Matthias Frings hingegen teilte mit Ronald M. Schernikau als enger Freund und Vertrauter viele Jahre und kann von haarsträubend verrückten Geschichten in einem gemeinsamen Freundes- und Bekanntenkreis in der bunten und pulsierenden Schwulenszene der 80er Jahre berichten. So dass zahlreiche persönliche Erinnerungen und Gespräche mit Freunden und der Familie dieser Biographie einen sehr subjektiv gefärbten, aber sehr ehrlichen und keineswegs unkritischen Ton geben, der sehr nahe geht und „Rolo“ auch durch die schwarz-weiß Fotografien fast schon zum Leben erwecken.

Ich empfehle diese Biographien allen Lesern, die etwas über die pulsierenden Spannungen, Gegensätze und Gemeinsamkeiten in den alltäglichen Lebenswirklichkeiten des Deutschlands der 60er bis 80er Jahre erleben und zwei sehr unterschiedliche Künstlerleben voller Höhen und Tiefen kennen lernen möchten. Vor allem zeigt sich hier eine deutsche Gesellschaft voller Leben, Kreativität, Sensibilität und frischer hoffnungsvoller Ideen, die es Künstlern schwer machte, ihre Träume zu erfüllen und ihre Sehnsüchte auszuleben, sich aber immer Nischen fanden, um die persönlichen Neigungen, alternativen Lebensmodelle und idealistischen Ansprüche auszuleben.

Dorothea von Törne: „Brigitte Reimann – Einfach wirklich leben“ Aufbau Verlag Berlin 2. Auflage 2001

Matthias Frings: Der letzte Kommunist – Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau“ Aufbau Verlag Berlin 1. Auflage 2009

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7 Gedanken zu “Brigitte Reimann und Ronald M. Schernikau: Zwei Biographien zwischen Ost und West

  1. Ich habe leider bislang keinen der beiden Autoren gelesen. Wobei mir immerhin der Name Reimann mal untergekommen ist, das war’s aber auch schon. Da ich sehr, sehr gerne Biografien und Autobiografien lesen, sind die Bücher was für mich (demnächst, wenn ich meinen Stapel abgearbeitet hat, der leider nicht gerade schrumpft, seit ich in Blogs unterwegs bin…) Was ich gerade bei Biografien immer ausgesprochen interessant finde, ist der Blickwinkel des Biografen, der Biografin, der manchmal freiwillig, manchmal unfreiwillig eine ganze Menge über diese Person verrät. Hin und wieder wird dieser Blick explizit aufgearbeitet. Viele Grüße, Mila

  2. Bei Brigitte Reimann solltest du unbedingt mal „Franziska Linkerhand“ lesen (ihren letzten Roman) und ihre Tagebücher, die sehr aufschlussreich sind und teilweise fast schon zu privat. Ronald M. Schernikaus Texte habe ich selbst noch nicht intensiv gelesen. Bei ihm, finde ich, sollte man die Biographie kennen, um sein Leben, sein Denken und Fühlen ein wenig besser zu verstehen und von welchem Standpunkt aus er schreibt … Ich mag den Aufbau-Verlag sehr dafür, dass er solche ungewöhnlichen und spannenden Bücher herausgibt, denen man noch viel mehr Aufmerksamkeit schenken sollte. Brigitte Reimann war eine faszinierende Persönlichkeit und Autorin, leider konnte sie ihr Talent nicht zur Gänze ausarbeiten und entwickeln, vor allem nicht unter völlig künstlerischer Freiheit … Wie gut es doch heutige Autoren haben, das schreiben zu dürfen, was sie denken, fühlen und erzählen möchten … Zumindest im heutigen Deutschland, wenn anderswo auch nicht …

  3. Ein wirklich schöner Beitrag, liebe katja! Von Brigitte Reimann habe ich seinerzeit den ersten Teil ihrer Tagebücher gelesen und war schwer beeindruckt, woraufhin mir mein Liebster „Franziska Linkerhand“ geschenkt hat. Erst kürzlich habe ich „Franziska Linkerhand“ aufgeschlagen, aber leider habe ich nicht in das Buch hineingefunden. Ging es dir anfangs auch so? Ist es ein Buch, mit dem man erst im Laufe der Zeit warm wird? Vielleicht war es auch nur die falsche Zeit für mich?

    Viele Grüße,

    Klappentexterin

    1. Danke liebe Klappentexterin – du, ich habe „Franziska Linkerhand“ übrigens auch noch nicht komplett gelesen von vorn bis hinten – sondern im Studium in einem Seminar in Teilen und habe vor, ihn jetzt nochmal zu lesen. Wir hatten damals ein Seminar zum Thema DDR-Literatur der 60er Jahre. Aber ich denke, du solltest ihm nochmal eine Chance geben und ihn lesen, wenn du für dieses Thema bereit bist. Ja, manchmal ist einfach nicht die Zeit für ein bestimmtes Buch. Liegt aber teils auch am Buch, an dem Brigitte Reimann so ewig geschrieben und gearbeitet hat, dass man ihm das eben auch anmerkt. Aber ich behaupte, es ist ihr spannendstes und radikalstes Buch, da sie dort in die sehr vielschichtige Figur der Architektin Franziska Linkerhand all ihre Sehnsüchte, Hoffnungen, Träume, Enttäuschungen und Deillusionen über die DDR-Gesellschaft der 60er und frühen 70er hineinlegt. Wenn man etwas von einer Künstlerin, die diese Zeit durchlebt hat über diese Zeit erfahren möchte, dann sicherlich in diesem Buch. Obwohl es natürlich teilweise sehr grau, ernüchternd und desillusionierend ist, den Sozialismus damit nochmal so zu durchleben, den man nur von den Erzählungen der Eltern kennt – zumindest unsere Generation, die das ja gar nicht mehr so erlebt hat. Versuch es einfach nochmal und wir unterhalten uns dann darüber. Ich würde mich sehr gern mit dir dazu austauschen. Gute Nacht!

      1. Lieben Dank für deine Antwort! Mir scheint, das Werk ist eher etwas für sonnige Tage, wenn das Leben leichter ist. Ja, ich möchte es lesen und hoffentlich, hoffentlich finde ich irgendwann die Zeit dazu. Wirklich schön, dass du mich daran erinnert und mich dazu ermutigt hast, „Franziska Linkerhand“ nicht aus den Augen zu verlieren!

        Ich wünsche ein schönes Wochenende und einen feinen 1. Advent!

        Herzlich,

        Klappentexterin

  4. Alle Ideale des Kommunismus sind letzten Endes an der Wirklichkeit des „real existierenden Sozialismus“ gescheitert. Der „Kommunismus“ des Ronald M. Schernikau ist Utopie geblieben. Trotzdem ein lesenswertes Buch, ein berührendes Schicksal im geteilten und wiedervereinigten Deutschland, auch wenn man nicht die illusionären politischen Vorstellungen des R. Schernikau teilt.

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