Über den historischen Roman „Die vierte Zeugin“

Geneigter Leser, folgen Sie mir in die Analyse einer literarischen Reise in die Vergangenheit. Es geht zurück ins Köln des 16. Jahrhunderts. Um Gerichtsprozesse und Gerechtigkeit wird es gehen, um das Verhältnis von Kirche und Staat gegenüber der Justiz und auch um den Stand der Frau in der damaligen Zeit. Am Rande wird das Entstehen des Protestantismus` und dessen Verfolgung durch die katholische Kirche geschildert…

Im Folgenden die Fakten:

Genau vor 478 Jahren, am 23. November 1534 wurde die Kölnerin Agnes Imhoff vor Gericht wegen Betruges verurteilt.
Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Tuchhändler Andreas Imhoff, hatte sie einen Tuchlieferanten betrogen und mit ihrer Unterschrift beim Handel mitgewirkt. Ihr Mann wurde kurz vor dem Prozess tot aus dem Rhein geborgen, die Umstände seines Todes waren unbekannt. Agnes Imhoff sollte nun als Mithandelnde für den Betrug aufkommen und mit den zwei ihr verbliebenen (Gast-)Häusern bürgen.

Dieses auf wahren Ereignissen beruhende Geschehen verarbeiten die Autoren literarisch im historischen Roman „Die vierte Zeugin“. Der Leser sieht sich gleich mehreren Besonderheiten gegenüber:

a) Das Geschehen verweist auf ein aus den Trümmern des Kölner Stadtarchivs geborgenes Dokument.

b) Das im März 2012 beim Einsturz des Archivgebäudes in Köln stark beschädigte Dokument konnte erfolgreich restauriert werden, da sich mehrere Autoren in Benefizveranstaltungen engagierten. Der Roman erinnert somit auch an den dramatischen Einsturz des Archivs und wirft indirekt Fragen zur Archivkultur auf.

c) Der historische Roman wurde nicht von einem, sondern von zwölf Autoren verfasst. Diese Tatsache fand ich besonders spannend: Wie gelingt es so vielen Autoren, eine fesselnde Geschichte zu entwickeln, die dennoch schlüssig und stimmig bleibt?

Der Zusammenschluss von über hundert Schriftstellern historischer Romane, der sich Quo Vadis nennt, hat bereits mehrere Kollektivromane veröffentlicht. „Die vierte Zeugin“ ist im Perspektivenkonzept enstanden. Ein Autor versetzt sich dabei in je eine der auftretenden Personen und schreibt zwei ihr zugehörige Kapitel. Um dabei eine stringente Erzählung einhalten zu können, gibt es ein Projektexposé, das Teile des Handlungsstranges vorgibt.

Soweit zum trockenen Grundgerüst. Tatsächlich gelingt es den Autoren, mich mit auf die Reise zurück zu nehmen, und bereits nach wenigen Seiten befinde ich mich im damaligen Köln. Atmosphärisch wird das Leben beschrieben, die Gerüche und Geräusche auf dem trubeligen Marktplatz ebenso wie der unfertige Kölner Dom oder das Leben in kirchlichen Konventen. Im Vordergrund steht eindeutig das Leben und Leiden der Agnes Imhoff, die vom Engländer Richard Charman verklagt wird. Über fünf Prozesse hinweg verfolgt der Leser die Ermittlung des Betruges und lernt dabei mehrere Randfiguren und ihre Machenschaften und Motive kennen. Dies wird durch das perspektivische Erzählkonzept der zwölf Autoren verstärkt.

Allerdings liegt hierin auch die Schwäche des Romans: Man merkt zwar nur unterschwellig, dass es mehrere Federn sind, aus der sich die Kapitel speisen. Doch es werden Handlungen angerissen und nicht wieder aufgenommen, sodass man am Ende keinen Eindruck von Gesamtstringenz erhält. Figuren wie der Anwalt von Agnes Imhoff, Mathis von Homburg, verblassen im Verlauf. Auch das Thema des Protestantismus versickert im zweiten Teil im Jahr 1555, wo die Ereignisse um Agnes` Tochter Sophie sich überschlagen. Das Ende wird dann, wie mir scheint typisch für historische Romane, verkitscht und enttäuschend simpel. Der von Peter Prange formulierte Epilog, der einen Bogen zum Einsturz des Kölner Archivs schlägt, macht diesen faden Beigeschmack nicht besser.

Was mich an diesem historischen Roman faszinierte, ist die erzeugte Atmosphäre und der Spannungsbogen. Den Kontext der Entstehung finde ich bemerkenswert und die angefügten Zusatzinformationen (inkl. Spendenkonto der Stiftung Stadtgedächtnis) sind ausführlich und hilfreich. Dennoch denke ich, dass es einfach zuviel des Guten gewesen ist, was man sich hier vornahm. Hier hätte das bewährte Motto: „Weniger ist mehr“, sicher geholfen.

Nun, geneigter Leser, mag sich natürlich jeder einen eigenen Eindruck verschaffen. Wenn man nicht allzu kritisch über einige Punkte hinwegliest wird man auf jeden Fall spannend unterhalten und kann herausfinden, ob man in Agnes Imhoff Opfer oder Täterin sieht.

Linktipps:

www.autorenkreis-quovadis.de

www.stiftung-stadtgedaechtnis.de

„Die vierte Zeugin“, erschienen beim Aufbau Verlag, 2012. Mitwirkende Autoren: Tanja Kinkel, Oliver Pötzsch, Martina André, Peter Prange, Titus Müller, Heike Koschyk, Lena Falkenhagen, Alf Leue, Katrin Burseg, Caren Benedikt, Ulf Schiewe, Marlene Kraus

Diese Rezension erschien erstmalig als Gastrezension bei der Bibliophilin.

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