Sonntag mit Proust VI

Der Erzähler macht die Erfahrung des Telefonierens – die Stimme einer entfernten Person zu vernehmen ohne räumlich bei ihr zu sein. Proust beschreibt das Phänomen der Differenz zwischen Nähe und Distanz. Zugleich lässt die Stimme des geliebten Menschen (in diesem Fall die Großmutter) den Erzähler an die ewig währende Abwesenheit derjenigen, also ihren Tod, denken.
Die Szene eines für uns völlig alltäglichen Vorgangs hat bei Proust etwas Geisterhaftes. Die abbrechende Telefonverbindung bewegt den Erzähler dazu, sich schnellstmöglich von der Kaserne in Doncière, wo er seinen Freund Robert Saint-Loup besucht, nach Paris zu seiner Großmutter zu begeben. In diesem Zusammenhang frage ich mich einmal mehr, wie alt der Erzähler in Band 3.1 wohl sein mag. Im Bezug auf den ersten Teil stellte sich auch Atalante in ihrem Blog diese Frage. Zum einen wirkt er in der Telefonszene sehr jung, zum anderen würde sich kaum ein z.B. Zwölfjähriger in eine Kaserne begeben um dort intellektuelle und politische Gespräche zu führen. Macht euch selbst einen Eindruck:

Das Telefon war in jener Epoche noch nicht so im Schwange wie heute. Und doch braucht die Gewohnheit so wenig Zeit, die eben noch von Weihe umgebenen Kräfte, mit denen wir den Kontakt aufgenommen haben, ihres Geheimnisses zu entkleiden, daß ich, als die Verbindung nicht sofort zustande kam, einzig den Gedanken, die Sache sei sehr langwierig und sehr unbequem, sowie beinahe die Absicht hegte, mich deshalb zu beschweren. Wie wir alle jetzt, fand ich, daß der an jähen Überraschungen reiche, bewunderungswürdige, märchenhafte Vorgang nicht rasch genug funktioniere, obwohl nur Minuten notwendig sind, um das Wesen, mit dem wir sprechen wollen (…) über Hunderte von Meilen hinweg und mit seiner ganzen Umweltatmosphäre in dem Augenblick, da unsere Laune es befiehlt, dicht vor unser Ohr zu bringen. (…) Sie ist es, die Stimme erreicht uns, ist da. Aber wie fern sie gleichzeitig ist! (…) Wirkliche Gegenwart einer so nahen Stimme – bei tatsächlicher Trennung! Aber Vorwegnahme auch einer ewigen Trennung! Oft, wenn ich zuhörte, ohne die zu sehen, die von so weither zu mir sprach, schien es mir, als steige diese Stimme aus Tiefen klagend auf, aus denen man niemals wiederkehrt (…). Ich rief: „Großmutter, Großmutter“ und hätte sie am liebsten geküßt; aber nur die Stimme war da, ungreifbar geisterhaft wie eine Erscheinung, die mich vielleicht noch einmal aufsuchen würde, wenn meine Großmutter schon gestorben wäre. „Sprich doch zu mir!“ – doch da gerade trat ein, was mich noch einsamer machte: ich hörte die Stimme nicht mehr. Auch meine Großmutter nahm die meine nicht mehr wahr, die Verbindung versagte, wir hatten aufgehört, uns eines in der Gegenwart des andern zu befinden (…). Ich zitterte von einer Angst, die ich in weit entlegener Vergangenheit als kleines Kind einmal empfunden hatte, als ich sie in einer Menschenmenge nicht gleich sah.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

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4 Gedanken zu “Sonntag mit Proust VI

  1. Ein paar Seiten Proust liegen schon hinter mir, darum habe ich meinen Beitrag über den Erzähler der Recherche ergänzt. Dort findet sich auch ein Link zu einer sehr interessanten Vorlesung über „Marcel Proust“.
    Danke für das Verlinken! Da ich den Namen eures Blogs viel zu lange im Zettelwust meines Hirns suchen musste, kommt er jetzt in meine Blogroll. Vielleicht ergeben sich noch einige Proustdiskussionen.

    1. Schön von dir zu lesen, liebe Atalante 🙂 Du hast ja, wenn ich mir deinen Blog mal wieder ansehe, gerade in letzter Zeit sehr viel Proust gelesen bzw. darüber geschrieben… darüber freue ich mich sehr! Viele schaffen es ja über den ersten Band nicht hinaus und dann ist es toll, jemand zu haben, der weiterlas und mit dem man sich austauschen kann… Mir fehlt leider meist die Zeit, mich inhaltlich intensiv mir der „Suche“ auseinander zu setzen, weshalb ich meine Sonntagszitate poste. Und du liest Proust im Lesezirkel oder im Alleingang? Beste Grüße, laura

      1. Von dem virtuellen Leseprojekt bin nur noch ich übrig geblieben. Im letzten Jahr hatte ich eine lange Pause gemacht und deshalb wieder fast am Anfang von „Guermantes“ begonnen. Das macht aber nichts, die Recherche kann man immer wieder und wieder lesen, und es wäre für mich tatsächlich der Roman für die einsame Insel.

      2. Achso, naja, dann umso schöner, dass du dran geblieben bist 😉 Ich kann das schon verstehen, man muss sich manchmal selbst überreden, weiter zu lesen. Weniger, weil die Proustlektüre langweilig ist, dass finde ich keineswegs, sondern eher, weil sie langwierig ist… Aber gerade deshalb stimme ich dir zu: Prousts Werk ist ein perfekter literarischer Partner für die Insel!
        Ich bin übrigens auch bei den Guermantes, bald mit dem ersten Teil durch (ich lese eine ältere Suhrkampausgabe in insgesamt 10Bänden). Dann dürften wir in etwa auf dem gleichen Stand sein!? Beste Grüße und schönes Wochenende, Laura

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