Lyrik trifft Kunst: Sylvia Plath und Franz von Stuck

Die Würgerin

Kommt die Nacht schwarz heran,
Winken solch königliche Träume diesem Mann,
Daß sie ihn aufheben und trennen
Von der Seite seiner Erdenfrau,
Um schlafgefiedert
Die einzigartige Luft zu durchflügeln,
Während sie, die neidische Braut,
Nicht folgen kann, sondern daliegt
Mit ihren leeren braunen Augen, vor Sehnsucht weit,
Flüche flicht ins verknäulte Bettzeug,
Und mit Krallenfingern
Im Käfig ihres Kopfs
Die ausgestopfte Gestalt ihres entflogenen Gefährten schüttelt,
Entkommen zu den mondfiedrigen Fremden;
So ausgehungert, muß sie wütend warten
Bis zum Vogellärm am Morgengrauen,
Wenn ihr Würgerinnen-Gesicht
Sich hinüberlehnt, jene verschlossenen Lider aufzupicken,
Kronen und Paläste aufzufressen, alles,
Was nachtlang ihr das Männchen stahl,
Und mit rotem Schnabel
Anzustechen und auszusaugen
Den letzten Blutstropfen dieses streunenden Herzens.

Sylvia Plath: Liebesgedichte, Insel Taschenbuchverlag Frankfurt a.M. und Leipzig 2009 S. 36

Die Sünde_Franz von Stuck

Franz von Stuck (1863-1928): Die Sünde, 1893, Leinwand mit Rahmen, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, Neue Pinakothek

Postkartendruck © Blauel/Gnamm – Artothek http://www.vontobel-art.com

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