Sonntag mit Proust VII

Proust und MonetPassend zu Katjas letztem Post über Sylvia Plaths „Würgerin“ und Franz von Stucks Gemälde drängte sich förmlich auch in meiner heutigen Proustlektüre ein Zusammenhang zur Malerei auf. Beim Lesen von der Begegnung des Erzählers mit Madame Proust sah ich automatisch ein bekanntes impressionistisches Bild von Monet vor meinem inneren Auge. Plötzlich bekam ich Lust, in meinen Kunstbänden zu blättern, an diesem sehr winterlichen Nachmittag:

Ich sagte mir, daß diese Frau, die ich von ferne näher kommen, ihren Sonnenschirm aufspannen, die Straße überschreiten sah, nach der Meinung der Kenner die größte zur Zeit lebende Meisterin in der Kunst sei, diese Bewegungen auszuführen und daraus etwas Köstliches zu machen. Sie aber schritt in Unkenntnis dieses weltweiten Ruhms ihres Weges dahin; ihre schmale Gestalt, die gegen das Einströmen solcher Meinungen völlig verschlossen blieb, bewegte sich in einer schrägen, unter einem Schal aus violettem Surah modisch geschwungenen Linie; ihre kühlen hellen Augen blickten zerstreut vor sich hin und hatten mich vielleicht schon bemerkt; sie biß sich leicht auf die Lippe; ich sah ihr, wenn sie ihren Muff mit der einen Hand in die rechte Lage brachte, einem Armen ein Almosen gab oder bei einer Händlerin einen Veilchenstrauß kaufte, mit einer Neugier zu, mit der ich den Pinselstrichen eines großen Malers gefolgt wäre. Und wenn sie im Augenblick unserer Begegnung mir einen Gruß zusandte, der manchmal von einem leichten Lächeln begleitet war, war es, als habe sie mit darunter gesetzter Widmung für mich ein Aquarell gemalt, das ein Meisterwerk war.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

Abbildung: Claude Monet: Auf der Felsenklippe / Mme Monet und ihr Sohn Jean, 1875, 100 x 81 cm, in: Wendy Beckett: Die Geschichte der Malerei, 2004.

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3 Gedanken zu “Sonntag mit Proust VII

    1. Danke für den Buchtipp! Proust greift ja in seinem Werk sehr viele Werke der Kunstgeschichte auf, ob als direkten namentlichen Verweis, oder indirekt, sodass man sich als Leser an bestimmte Bilder erinnert fühlt wie in meinem Zitat oben – oder in Form des fiktiven Malers Elstir. Auch französische Architektur taucht immer wieder auf. Ob es wohl eine ganz umfassende kunstwissenschaftliche Untersuchung zur Kunst in Prousts Werk gibt? Ich habe da noch nicht recherchiert…

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