Lesen ist Erkennen

Vor einiger Zeit habe ich euch hier an meinen Meta-Überlegungen zum guten Buch teil haben lassen – dies ist also nun eine Art „Gute Bücher, böse Bücher Teil 2“. Dabei bin ich darauf eingegangen, wie es mir mit Buchempfehlungen anderer Leser geht und wie ich darauf reagiere. Nun möchte ich an dieser Stelle anknüpfen und erläutern, woran ich mich persönlich bei der Auswahl des zu Lesenden orientiere und welche Faktoren auf die Bewertung Einfluss haben. Es sind drei Punkte, die in meine Buchbesprechungen einfließen – die Lesererfahrung, die Leseerwartung, das Leseerlebnis und der Geschmack. Es macht einen Unterschied, welche Art von Büchern ich gewohnt bin zu lesen, da ich automatisch Vergleiche ziehe, assoziiere und an andere Bücher und Autoren erinnert werde. Die Art des Lesens verändert sich auch durch ein Literaturstudium, und ich möchte jetzt nicht sagen, sie werde besser, sondern anders, gezielter, strukturierter, intensiver … Dabei möchte ich jetzt keine Diskussion über den Anspruch von Literaturkritik und Buchbesprechungen erwecken, wohl aber das Bewusstsein dafür schärfen, dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob man gewisse Techniken der vergleichenden Literaturbetrachtung kennen gelernt und bei der Lektüre angewendet und mehrfach durchexerziert hat, oder ob man einen völlig unbedarften und von jedem Interpretationswerkzeug befreiten „naiven“ Blick auf Gelesenes hat. Beides hat sicherlich Vorteile, und manchmal wünsche ich mir mehr von dieser naiven Lesart, die nicht jeden Satz hinterfragt oder bei bestimmten Figurenkonstellationen gelangweilt an allzu oft schon beschriebene Sujets erinnert wird. In jedem Fall prägt die eingehende Lektüre der Klassiker europäischer Moderne, und schult die Aufmerksamkeit für sprachliche Besonderheiten sowie die Leseempfindung. Vor allem wenn man bei der akribischen Deutung von Sätzen und dem Auf-den-Grund-gehen von Konstellationen und Erzählstrukturen erkennt, wozu Sprache fähig ist, bleibt dennoch so manche Literatur immer noch geheimnisvoll oder hermetisch sich aller noch so angestrengten Deutung verschließend. Literaturstudium ist Fluch und Segen, denn die Leseerwartung ändert sich durch die Leseerfahrung. Dabei habe ich noch lange nicht alle Klassiker gelesen und immer noch ein enorme Liste von Autoren vor mir, denen ich mich noch nicht adäquat widmen konnte. Will heißen – Ich habe eine höhere Leseerfahrung mit der Lektüre von Romanen, Essays und Novellen der Autoren um die Wende des 19. Jhds. als mit moderner Literatur seit 1990. Das hängt eben mit meinem damaligen Studiengang und dem Schwerpunkt meiner Universität zusammen. Wobei ich auch hier schon seit dem Ende meines Studiums einiges nachgeholt habe.

Nun bleibt noch zu sagen, was ich eigentlich von einem Roman erwarte und diese Erwartung hängt immer ganz stark damit zusammen, ob ich ein Buch welcher Art von Lesern als gut empfehlen würde. Ist die Erwartung hoch, kann man schnell enttäuscht werden. Leseerfahrung kann aber auch dazu führen, dass man von bestimmten Themen gelangweilt ist oder einfach nicht mehr überrascht und überdrüssig. Was macht also nun mein persönliches Leseerlebnis aus?

Ich lese ein Buch, weil ich von einer interessanten Geschichte in einer spannenden Erzählform und  poetischen Sprache verführt und unterhalten werden möchte. Unterhaltung heißt hier aber nicht seichtes Dahingeplätscher von bekannten Sujets und Personenkreisen, mit denen ich mich und meine Lebenswelt identifizieren kann. Gern darf ein Buch auch unbequem sein, mich an Dinge erinnern, die ich lieber vergessen möchte oder mich in Personen schlüpfen lassen, die widerlich sind und mir völlig fremde entgegengesetzte Handlungen vollziehen.

Weiterhin möchte ich dabei etwas lernen und erkennen – ich lerne etwas darüber, wie andere Menschen die Welt sehen, und welche Geschichten sie zu erzählen haben oder welche Probleme sie auf verdichtete Weise zur Sprache bringen. Wie sie damit auch ein Stück Welterkenntnis und Sinnsuche vollziehen, die mir auch ein Stück weit den Spiegel vorhält und mir wiederum zeigt, wer ich bin. Lektüre soll mich überraschen, fesseln – durch Gestalt und Form, durch Struktur, Wortgewalt und einzigartige und einprägsame Bildlichkeit. Wenn Worte Gedanken in meine Seele malen, hat der Autor mich tief berührt und wird mit seiner Geschichte zu einem Teil von mir. Dabei muss ich mich nicht immer mit der Welt identifizieren können oder diese irgendwie in Bezug oder Gegensatz zu mir setzen können, aber das Beschriebene und die Art und Weise, wie ein Autor mit Worten umgeht, sollten mir etwas sagen wollen und mich mitnehmen wollen und berühren, auch wenn es die absurdeste Idee ist. So würde ich auch ein Buch empfehlen, das Abscheu und Ekel hervorruft, aber in seiner Sprachlichkeit und Figurenentwicklung einfach intensiv und beeindruckend war.

Was man daher nicht verwechseln sollte beim Lesen und der abschließenden Bewertung eines Buches, ist der persönliche Geschmack und die allgemeine erzählerische Gestaltetheit und Qualität eines Textes. Denn ein Buch ist immer nur so gut, wie derjenige Leser, der es interpretiert und es gibt immer mehrere Lesarten. Ich glaube, die persönliche Leseempfindung ist immer geprägt von all dem hier angesprochenen, und man wird mit vermehrter Lektüre feststellen, dass sich Bewertungen von Literatur auch im Laufe der Zeit mit neuer gewachsener Persönlichkeit verändern. Und dennoch spricht es für einen sogenannten guten Roman, dem man hohe Qualität und Leseanspruch zuschreibt, dass man in der Lage ist genau zu benennen, welche konkreten Faktoren von Sprache, Handlungsentwicklung, Figurencharakteristik und Grundidee bewirken, dass man von der Geschichte berührt ist und etwas daraus über sich und die Welt gelernt hat. Dabei möchte ich betonen, dass auch dies nur meine persönliche Meinung ist, und ich gern mit euch ins Gespräch komme über die Frage, inwiefern man die Qualität eines Buches „objektiv“ (also vom Subjekt abstrahiert) bewerten kann, oder ob dies unmöglich ist. In erster Linie ist Lesen eine ganz persönliche einsame Tätigkeit und als solche selbstgenügsam, ohne dass man sich darüber austauschen müsste. Erst wenn wir uns hier im öffentlichen Raum begegnen und unsere Leseeindrücke vergleichen, werden wir merken, wozu Literatur fähig ist und vor allem, erkennen wir, wozu der menschliche Geist und unsere Wahrnehmung fähig sind. Was mit uns beim Lesen und Denken passier, ist das eigentliche Fasziniosum. Das Grundgerüst von Handlung und Inhalt eines bestimmten Buches bleibt ja immer gleich, aber jeder nimmt dies mit einer anderen Aufmerksamkeit war und erkennt womöglich von seinem Standpunkt aus eine andere Grundidee, die immer dann legitim ist, wenn er sie an konkreten Stellen im Text belegen kann. Dass man in einem Blog keine wissenschaftlich fundierten Literaturanalysen bringen kann und soll, ist mir dabei klar. Mir geht es nur darum, die Gedanken über die Reflexion von Literatur anzuregen, nach den Grundbedingungen zu fragen und das für die meisten so selbstverständliche in Frage zu stellen und ins Bewusstsein zu holen.

Das mag so manchen Leser langweilen, überflüssig erscheinen oder Widerspruch auslösen und viele werden erst gar kein Interesse verspüren dies hier zu lesen. Wenn ihr aber schon mal so weit gekommen seid, freue ich mich über eure Gedanken dazu. Ich bin schon immer eine Fragende, Suchende, Den-Dingen-auf-den-Grund-Gehende gewesen …. Wer hier auch ein Interesse für philosophische Theorie vermutet, liegt vollkommen richtig. Aber keine Angst – die „Kritik der reinen Vernunft“ werde ich hier nicht rezensieren, das würde wohl auch den Rahmen der Zumutbarkeit sprengen …=)

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5 Gedanken zu “Lesen ist Erkennen

  1. Ganz viele wertvolle Gedanken, die du hier anbringst. Toll, dass du dir immer mal die Zeit nimmst und solche theoretischen Meta-Gedanken übers Lesen und Literatur aufschreibst und ausformulierst, ich schätze das sehr und bin sicher, das geht auch anderen Lesern so ;).
    Gewissermaßen hast du mir grad die Antwort darauf gegeben, warum ich ein Buch, das ich vor acht Jahren mit zwanzig beeindruckend fand, heute nicht mehr lesen / ernstnehmen kann: Paulo Coelhos „Elf Minuten“. Ich stand eben vor meinem Bücherregal und überlegte, es nochmal zu lesen – musste es aber nach einigen Seiten weglegen. Was ist also in den letzten acht Jahren mit mir passiert? Unter anderem habe ich Germanistik studiert, Unmengen mehr Bücher gelesen und meine Leseerfahrung damit komplett verändert.
    Fluch und / oder Segen: Mein Leseanspruch ist damit exponentiell gestiegen.

    Ich kann somit absolut nachvollziehen, was du meinst. Und manchmal wünsche auch ich mich wieder ein bißchen zurück in eine naivere, unvoreingenommenere Lesehaltung, die mich nicht immer alles analysieren lassen lässt…

    Vielleicht noch ein Punkt, der für mich bei der Leseauswahl und -bewertung keine unwesentliche Rolle spielt: die momentane Geistesverfassung, mit der ich meiner Lektüre begegne. Ich glaube daran, dass jedes Buch seine Zeit in meinem Leben hat.

    1. Absolut. Da bringst du noch einen weiteren 4. wichtigen Aspekt an, der vor allem das Leseerlebnis beeinflusst – der persönliche Geisteszustand. Je nachdem, wie einem gerade zumute ist, so sucht man in der jeweiligen Lektüre nach Zerstreuung, nach Trost, nach Verständnis und man nimmt das Gelesene dann immer gefiltert durch diese jeweilige sehr persönlich momentane Verfassung war. So kann es passieren, dass einen eine tragische Geschichte völlig umhaut und melancholisch stimmt oder eine allzu fröhlich vitalistische Erzählweise nur auf die Nerven geht. Völlig richtig und schön gesagt – jedes Buch hat seine Zeit. Und wenn man bemerkt, dass man in einen Roman nicht recht hinein findet, sollte man ihn vielleicht eine Weile liegen lassen und dann nochmal zur Hand nehmen … Wer weiß, welcher Blickwinkel sich dann ergibt – vielleicht schmecken dann die Worte auch anders und man kann sich neu auf das Gelesene einlassen.

  2. Ein schöner Artikel. Und ich möchte den Aspekt mit der Zeit unbedingt unterstreichen: Während meines Germanistikstudiums bekam ich zu ganz vielen Klassikern überhaupt keinen Zugang, fand es schlichtweg doof, mich mit ihnen beschäftigen zu müssen. Gefesselt hat mich eigentlich nur ein Professor mit seinen Seminaren, Blamberger, der mir einen Zusammenhang zwischen den unterschiedlichsten Werken vermittelt hat. Der es geschafft hat, den heutigen Blick auf Literatur in den Fokus zu rücken und die Romane/ Stücke dadurch akutell erscheinen zu lassen. Durch ihn habe ich gelernt, dass es Spaß machen kann, einen aus unserer Sicht „drögen“ Roman zu lesen, wenn man sich geschichtliche und kulturelle Hintergründe dazu erarbeitet. In den letzten Jahren habe ich so Zugang zu vielen sperrigeren Werken gefunden – aber ich glaube, dass ich vorher tatsächlich keinen Kopf dafür hatte.
    Das naive Lesen – wie du es nennst – ist heute wohl nicht mehr möglich. Ich erinnere mich z.B. an meine erste Lektüre von Jane Austen. Mit 17, 18 reizten mich vor allem die Liebesgeschichten in den Romanen. Erst später begriff ich, dass die vordergründigen Liebesromane hintergründig ganz andere Geschichten und vor allem Begriffe von Liebe vermitteln & wie viel Ironie darin steckt. Jetzt kann ich die Bücher einfach nur noch als Anti-Liebes-Romane lesen.
    Deshalb schrecke ich auch vor dem Wieder-Lesen von Romanen, die mich vor vielen Jahren schwer begeistert haben (spontan fallen mir Hesse ein, ETA Hoffmann, Rilke), zurück. Ich habe Angst vor der Entzauberung.
    Viele Grüße von Mila

  3. Guten Morgen Mila! Da sprichst du einen interessanten Aspekt an – die Lehre, Seminarauswahl und Dozenten. Ähnlich ist es ja auch schon in der Schule – wer einen schlechten Deutschlehrer hat und schon so eher wenig liest, wird auch für klassische Literatur wenig zu begeistern sein. Wer Literaturwissenschaft studiert, weiß, dass es einen „Kanon“ gibt, den ich zu kennen habe, um die Entwicklungen der Literatur, ihrer Form und Inhalte zu verstehen. Ich muss sagen, ich habe gern die Klassiker gelesen – obwohl ich nach 5 Jahren dann genug hat von der Jenaer Klassik und Romantik, die nunmal in Jena viel gelehrt wird. Aber dafür habe ich viel daraus mitgenommen – vor allem in Kombination mit dem Nebenfach Philosophie, denn wir haben diese meist nur als Literaten bekannten Dichter auch philosophisch gelesen und spannende Gedankenexperimente durchlebt. Klar, das muss man mögen. Ähnlich wie dir mit Jane Austen geht es mir zum Beispiel mit Hermann Hesse – mit 15 habe ich Hesses verschlungen. Im Studium spielte er keine Rolle und wurde eher als neuromantisch sentimental-verklärt mit wenig Neuem in die Ecke gestellt. Vielleicht ist das aber auch von Uni zu Uni unterschiedlich. Mittlerweile lese ich Hesses Gedichte wieder gern, muss aber sagen, dass ich sie nicht für das Kreativste halte, was je geschrieben wurde. Mir sagen die expressionistische Lyrik und die Texte des Fin de Siecle am meisten zu wegen ihrer einzigartigen Bildkraft und Symmbolkraft. Ich habe gerade durch die Uni eine Liebe zum Expressionismus entwickelt und hatte tolle Seminare darüber neben anderen todlangweiligen… Thomas Mann zum Beispiel – mit dieser bürgerlichen langatmigen Erzählweise kann ich nichts anfangen und seine Gesellschaftsromane bewegen mich nicht. Wenn ich auch die Mann-Familie sehr spannend finde und Klaus Mann literarich gesehen viel interessanter finde.
    Die Literaturwissenschaft schärft den Blick, aber wie du so schön sagst – sie entzaubert auch, aber ich halte es für sehr wichtig ältere Texte zu kennen, um die neuen Erzählformen zu verstehen und die jetzige Erzählweise mit der alten zu verbinden. Ich frage mich immer – was bleibt von der aktuellen Literatur in 50 Jahren noch – was geht in die Wissenschaft ein, was wird von Studenten diskutiert werden – was bleibt …. Ich wünsche mir auf den Blogs gern mehr Diskussionen in diese Richtung, unter diesem Aspekt. Das fände ich spannend.

    1. Die Frage nach dem, was in einigen Jahrzehnten bleibt, finde ich sehr reizvoll. Ich stelle es mir oft bei den aktuellen Bestsellern vor, wie wohl eine Literaturwissenschaftlerin in 100 Jahren anhand der Titel unsere Gesellschaft einschätzen wird, so wie ich es mache, wenn ich mich z.B. in die viktorianische Welt oder in die Weimarer Republik einzudenken versuche. Was käme da wohl raus: Völlig blutrünstig, versext (aber am Ende wird geheiratet) und politisch desinteressiert?!

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