Über Geschichten, die bleiben, in: Téa Obreht „Die Tigerfrau“, Roman (2012)

Téa Obreht: Die TigerfrauStirbt jemand, bleiben uns nur seine Geschichten und die Erinnerungen an denjenigen. Der Protagonistin in Téa Obrehts Debütroman, Natalia Stefanovic, erlebt genau einen solchen Verlust: Auf der Fahrt nach Brejevina, um dort Waisenkinder mit Medikamenten zu versorgen, erfährt die junge Ärztin vom Tod ihres geliebten Großvaters. Seine Geschichten haben sie seit je her geprägt.

Da ist zum einen die Geschichte der Tigerfrau, die der Großvater als Neunjähriger in seinem Heimatdorf erlebte. Zum anderen die des Mannes, der nicht sterben konnte. Beide Geschichten sind subtil miteinander verbunden und weben sich in die Erzählung Obrehts ein, wie ein immer wieder kehrendes Muster in einem Teppich. Die Geschichten des Großvaters spuken durch den Kopf der Protagonistin Natalia, und zeugen von seiner Präsenz, die dem (Aber-)Glauben der Menschen zufolge 40 Tage nach dem Tod noch sehr intensiv ist:

Die vierzig Tage der Seele beginnen am Morgen nach dem Tod. (…) Die Lebenden wissen, dass die Seele sie bei Tagesanbruch verlassen und sich auf den Weg zu den Orten ihrer Vergangenheit machen wird.

Als Leser nimmt man nun an einem ständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechselndem Geschichtenstrang teil. Es erfordert aufmerksames Lesen, doch man verliert nicht den Faden. Einmal folgt man Natalia auf die Weinberge Brejevinas, riecht mit ihr das Meer und kämpft gegen den Aberglauben der Menschen für eine medizinische Versorgung der Kinder. Über allem, so erschien es mir beim Lesen, liegt ein sonnengelbes Licht, voller Wärme. Dieses intensive Orangegelb durchflutet die Worte der jungen Schriftstellerin und ziert auch das Cover des Buches. Doch in den Geschichten des Großvaters, in die man beim Lesen eintaucht, nimmt dieses warme Gelb einen galligen Unterton an: der misstrauische Aberglaube, der Argwohn, der Neid der Dorfbewohner. Und in das Gelb mischt sich das tiefe Rot des Blutes, das in den Kriegen vergossen wird, den Kriegen, die im 20. Jahrhundert den Balkan nicht zur Ruhe kommen ließen. Irgendwo im Balkangebiet, aus dem auch Téa Obreht stammt (aus Belgrad, das sie 1992 verließ), spielt der Roman, allerdings in fiktiven Orten.

Die Schönheit der Worte und der Landschaft, die Schönheit der Sprache und der Phantasie der Autorin steht also immer einer Spur von Grausamkeit gegenüber. Grausame Menschen, die aus Aberglaube und Misstrauen andere verachten und ausschließen (die taubstumme Tigerfrau in Galina) und auch grausame Tiere, die sich selbst oder ihre Jungen auffressen aus Not und Hunger in schwierigen Zeiten, in denen die Bomben fallen wie Regen.

Die Autorin verwendet in ihrem Debüt eine beeindruckende Sprache und Vielfalt an Bildern. Was ich stellenweise gewöhnungsbedürftig bzw. unstimmig fand, war die super-auktoriale Erzählform, aus Sicht der eigentlichen Ich-Erzählerin Natalia, die nicht nur zwischen den Zeiten hin und her springt, sondern auch alles weiß und dies durchblicken lässt: Mehrfach taucht die Redewendung auf, dass „er das zu dieser Zeit natürlich nicht wissen konnte“. Zuweilen bewegt sich der Leser sozusagen auf dem Rücken des Tigers und begibt sich mit ihm auf dessen Streifzüge… Wie aber kann die Ich-Erzählerin Natalia davon wissen, wenn es nicht ihrer Phantasie entspringt? Vielleicht ist diese Mischform aus Auktorialität und Ich-Erzählerin notwendig gewesen, um all die Erzählstränge beieinander halten bzw. dem Leser plausibel machen zu können. Andererseits gibt es Stellen, an denen die Erzählerin darauf hinweist, das man nicht genau wisse, was nun real passierte oder der Gerüchteküche entnommen ist.

Téa Obrehts Roman verwebt die bittere Realität mit magischen Elementen, mit Geschichten, die in den Herzen der Menschen bleiben, sich verändern und doch fortleben. Und da ist immer, vor allem durch den Arztberuf der Protagonistin, den sie mit ihrem Großvater teilt, durch einen Apotheker und helfende Mönche, der Glaube an das Gute im Menschen, an den Drang zu helfen und irreleitenden (und zum Teil beim Lesen nervigen) Aberglauben nicht obsiegen zu lassen. Obwohl es auch gerade diese magischen Rituale und Geschichten sind, die den Menschen helfen, sich nicht aufzugeben und mit Verlusten umzugehen.

Man mag aus dem Roman „Die Tigerfrau“ herauslesen, was man will: In meiner Erinnerung wird insbesondere dieses Sonnengelb vorherrschen. Dies macht eine interessante Leseerfahrung aus, ob mir das reichen wird, dessen bin ich mir noch unschlüssig. Da ist manches im Roman, was irgendwie unvollendet in der Luft hängen bleibt, wie das, was den Großvater nun letztlich wirklich antrieb. Und ob es notwendig ist, die Geschichte des Bären(jägers) Dariša auch noch einzufügen, bezweifle ich. Dort kam bei mir dann sowas wie Lese-Langeweile auf. Somit verbleibe ich diesem Roman gegenüber unentschlossen: Eine sprachlich beeindruckend erzählte Geschichte mit vielen kleinen Geschichten, die aber auch ein Gefühl von Unvollständigkeit hinterlassen, ähnlich, wie es hier bereits Mara beschrieb.

Téa Obreht: „Die Tigerfrau“, aus dem Englischen von Bettina Abarbanell, erschienen bei Rowohlt, 2012

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8 Gedanken zu “Über Geschichten, die bleiben, in: Téa Obreht „Die Tigerfrau“, Roman (2012)

  1. Interessant finde ich, dass du an anderer Stelle meintest, du seist ein wenig enttäuscht von dem Roman. Da hattest du ihn aber noch nicht beendet. Hattest du etwas anderes erwartet, hat eine bestimmte Buchbesprechung hohe Erwartungen in dir geweckt, denen der Roman nicht entsprechen konnte …? Da wären wir wieder beim Thema Erwartungen. Oder siehst du das jetzt, wo du den Roman zu Ende gelesen hast, nun relativierend anders?

    1. Erwartungen werden im Falle der „Tigerfrau“ dadurch geweckt, dass sie mit Gabriel Garcia Marquez verglichen wird oder kein geringerer als T.C. Boyle auf dem Buchrücken meint, T.Obreht sei ein „überragendes neues Talent“. In der Besprechung in der ZEIT schreibt Daniel Schreiber davon, der Roman sei die „späte Rache des Kommunismus am amerikanischen Traum vom großen Roman“.
      Ich versuche eigentlich immer, nicht zuviel zu erwarten um nicht enttäuscht zu sein.
      Bei diesem Roman bin ich zwiegespalten, wie hoffentlich deutlich wurde: Zum Ende hin hat sich die Langeweile beim Lesen und der nervige provinzielle Aberglaube ein bißchen relativiert – und doch fehlt mir bei dem Buch irgend etwas…

  2. Danke fürs Verlinken … 🙂 Mich konnte der Roman auch ganz und gar nicht überzeugen, auch wenn ich mir im Vorfeld sehr gewünscht hatte, ihn zu mögen. Sprachlich ist der Roman sicherlich großartig, aber die Geschichte die erzählt wird, kann da leider nicht ganz mithalten. Sehr spannend damals fand ich die ausführliche Diskussion die sich zu dem Roman auf meinem Blog entwickelt hatte … ich erinnere mich noch dunkel, dass die Klappentexterin zum Beispiel ganz begeistert gewesen ist. So unterschiedlich können Geschmäcker oder eben auch Erwartungen sein …

    1. Ja, wie wahr, aber man kann es nicht oft genug sagen, dass die unterschiedlichen Geschmäcker eben das Austauschen übers Lesen und Gelesenes so spannend machen 🙂 In der Diskussion auf deinem Blog ging es dann ja weniger um den Roman, als mehr um die Differenz zwischen Sprache und Erzähltem, wenn ich mich recht entsinne. Die Sprache fand ich bei der „Tigerfrau“ schon beeindruckend (für ein Debüt vor allem), aber wirklich rausgeschrieben hab ich mir nichts. Das ist bei mir immer so ein Indiz dafür, wie toll und nachhaltig ich die Sprache wirklich fand..

  3. Ich bin eine derjenigen, die das Buch sehr beeindruckt hat, obwohl zugegebenermaßen auch meine Erwartungen nicht erfüllt wurden (Stichwort: Gabriel García Márquez). Abgesehen von seiner sprachlichen Qualität, die du und Mara ja hervorgehoben habt, finde ich auch die erzählerische Struktur wahnsinnig spannend: die Ich-Erzählerin, die sich zu einer allwissenden Erzählerin erhebt, wo ihr Wissen an seine Grenzen stößt. Während du diesen Bruch als unglaubwürdig bzw. unstimmig empfindest, halte ich ihn für einen sehr raffinierten Erzählkniff. Gleiches gilt auch für die offenen Enden, die losen Fäden, die keine Auflösung finden. Meine Gedanken damals dazu: „The Tiger’s Wife erhebt keinen Anspruch auf Realitätsnähe und Schlüssigkeit, im Gegenteil: Dort, wo lineares und kohärentes Erzählen nicht mehr möglich ist, bedient es sich magischer Elemente; sie füllen die Lücken, die der Krieg in den Geschichten der Familien und Völker hinterlässt“ (http://www.schoeneseiten.net/2012/06/24/tea-obreht-die-tigerfrau/). Für mich war gerade dieses Abweichen von linearen, ordnenden Erzählmustern sehr überzeugend.

    1. Hmm, spannend, lieben Dank für deinen Kommentar, Caterina! Mir reicht das irgendwie nicht, den Leser so mit den losen Enden da stehen zu lassen bzw. auf magische Elemente auszuweichen… Doch ob man es nun überzeugend oder unstimmig findet, wie Obreht diese Erzählformen vermischt bzw. mit magischen Elementen anreichert… es ist auf jeden Fall interessant, wie sie das gemacht hat. Mir fiel das überhaupt erst so richtig beim Schreiben über das Buch auf, weniger beim Lesen. Wie war das bei dir? Hast du auch dieses Sonnengelb zwischen den Zeilen wahrgenommen oder ist das so ein Spleen von mir ;)?
      Eben las ich mir deine Besprechung erstmalig durch und bin erstaunt, dass wir zu ähnlichen Bildern griffen: das eines Teppichs oder bzgl der Geschichten, die bleiben… Übrigens habe ich den Eindruck, es wirke in Englisch nochmals anders… was ja oft der Fall ist. Ich sollte wieder mehr Originalsprache lesen.

      1. Deine Assoziation mit der Farbe Gelb finde ich interessant – ich frage mich, ob du dieselbe Assoziation auch hättest, wenn das Cover nicht so auffallend gelb wäre (derartige Cover sind ja doch eher selten, scheint mir). Ich selbst verbinde Geschichten nicht mit Farben, aber ich kann deine Assoziation sehr gut nachvollziehen, auch dort, wo du von tiefem Rot in Bezug auf die Grausamkeiten sprichst. Ein interessanter Ansatz, dem Gelesenen eine Farbe zu geben. Ich selbst kenne solche synästhetischen Verknüpfungen beispielsweise im Zusammenhang mit Wochentagen, und neulich habe ich einen Roman gelesen, in dem Farben auf Stimmen übertragen werden. Ein spannender Vorgang!

        Auch mir ist aufgefallen, dass wir beide das Bild des Teppichs benutzt haben, um Die Tigerfrau zu beschreiben. Vermutlich ist es naheliegend, eben weil hier so viele Geschichten aufeinandertreffen und miteinander verknüpft werden und am Rande ein wenig ausfransen. Ob es Englisch anders wirkt, kann ich nicht einschätzen; ich nehme mal an, dass deine Kritikpunkte dieselben gewesen wären, erzählerisch und inhaltlich ändert sich ja nichts. Was die Sprache betrifft, muss auch ich sagen, dass ich nicht viel herausgeschrieben habe und wenn, dann längere Passagen, keine einzelnen Sätze, die – wie kleine Perlen – für sich stehen könnten. Die Sprache ist zweifelsohne schön, aber noch mehr sagte mir die Erzählweise zu, das Fabulierende, das Magische.

      2. Ob ich diesen starken Eindruck des Sonnengelben zwischen den Worten auch ohne das Cover gehabt hätte, fragte ich mich auch schon… Vielleicht hat die Farbe unbewusst in mir beim Lesen weiter gewirkt. Ich habe bedingt durch mein Studium ein spezielles Verhältnis zu Farben, ordne zB auch die Musik auf meiner Festplatte nicht nach Genre, sondern nach Farben… Dennoch würde ich mich nicht als Synästhesistin bezeichnen, da diese Gabe glaube ich noch mal krasser ist. Es war aber bei der „Tigerfrau“ ganz enorm gegenwärtig, vor allem am Anfang wenn Obreht die Landschaft beschreibt.
        Das meine Einschätzung, das Erzählerische betreffend in Englisch wohl nicht anders wäre, stimmt wohl. Und das Magische an sich mag ich in Romanen ja auch, wenn es nicht zu okkult wird, wie in Yoshimotos „Amrita“… In der „Tigerfrau“ störte mich nur der provinzielle Aberglaube manchmal, aber das wollte Obreht glaub ich auch verdeutlichen: Einerseits kann Aberglaube hinderlich sein, andererseits hilfreich für die Seele. Wie auch immer; ein Buch, über das man sich lange unterhalten kann 😉

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