3 Bücher und der Tod

3 Bücher und der TodMatthias Politycki: Jenseitsnovelle, 2009
Ulla Lenze: Der kleine Rest des Todes, 2012
Michael Köhlmeier: Idylle mit ertrinkendem Hund, 2010

Vermutlich gibt es kaum eine einschneidendere Erfahrung im Leben, als einen geliebten Menschen zu verlieren. Daher ist der Umgang mit dem Tod nahestehender Menschen ein Thema, das in der Literatur und auch in der Kunst eine große Rolle spielt. Nicht selten finden Autoren und Künstler in ihren Werken eine Möglichkeit, den eigenen Schmerz über Verluste zu verarbeiten und anderen mitzuteilen. Da mir die offene und künstlerisch-poetische Annäherung an den Tod sehr wichtig ist und ich für einen enttabuisierten Umgang mit Sterblichkeit eintrete, möchte ich euch im Folgenden drei literarische Bücher vorstellen, die sich alle auf ihre Weise mit dem Tod und Verlust auseinandersetzen.

Im Laufe diesen ausklingenden Jahres las ich Michael Köhlmeiers „Idylle mit ertrinkendem Hund“, Ulla Lenzes „Der kleine Rest des Todes“ und Matthias Polityckis „Jenseitsnovelle“. Die drei deutschsprachigen Autoren finden in ihren keine 200 Seiten umfassenden Werken eine eindringliche, bildreiche Sprachkraft um das Unfassbare zu beschreiben.

In „Idylle mit ertrinkendem Hund“ lässt Köhlmeier einen Autoren auf seinen Lektor treffen. Beide kennen sich seit Jahren der Zusammenarbeit, jedoch, wie sich herausstellt, auf nur oberflächliche Weise. Nun lädt der Autor seinen Lektor, Dr. Beer, zu sich ein; es ist Winter, sie gehen spazieren. Als plötzlich ein schwarzer Hund, den sich der Lektor Tage zuvor bereits vertraut machte, über einen zugefrorenen See auf sie zuläuft und einbricht, entsteht eine entscheidende Grenzsituation. Der Lektor läuft sofort los, um Hilfe zu holen, während der Autor bei dem Hund auf dem Eis bleibt und ihm verzweifelt zu helfen versucht. Der metaphorischen Schilderung dieser vermeintlich schlichten Handlung liegen autobiografische Züge Michael Köhlmeiers zugrunde. Er verlor seine Tochter Paula bei einem Absturz in den Bergen und auch der Ich-Erzähler seiner „Idylle“ erwähnt die Schwierigkeit, mit dem frühen Tod der Tochter zu leben. Was die 109 Seiten so besonders macht, ist die eindringliche, präzise Metaphorik des Verlustes. Ich las dieses Buch im Januar und es ließ mich bis heute nicht mehr los.

Meine Erinnerung an das Folgende ist beeinträchtigt; was nicht heißt, dass es mir an Details mangelt, im Gegenteil: eher fällt es mir schwer, Unwesentliches von Wesentlichem zu trennen – ich befand mich in einer Situation, in der alles wesentlich war, weil ich alles um mich herum wahrnahm, als wäre es zum letzten Mal. Mit Beeinträchtigung meine ich weniger den Inhalt meiner Erinnerung als vielmehr die Form, wie sie sich mir präsentiert. Ein barmherziger Engel löst die Grenze meines Ichs in der Erinnerung auf, lässt seine Ränder zerfließen, so dass ich den, der ich damals war, heute nicht mehr in mir wiederfinde – es sei denn in einem übertragenen Sinn, wie man eine literarische Figur, mit der man sich identifiziert, in sich wiederfindet. Ich sehe mich ans Ufer treten, sehe den, der ich war, den Fuß aufs Eis setzen.

Die Protagonistin und Ich-Erzählerin in Ulla Lenzes Neuerscheinung „Der kleine Rest des Todes“ verarbeitet in einem langwierigen Prozess den Tod ihres Vaters bei einem Flugzeugabsturz. Der Leser folgt ihr in ganz sprachgewaltigen Sätzen durch ihren Alltag, der nun völlig auseinander fällt, in dem Versuch, mit der Trauer und den Erinnerungen umzugehen. Reine Intensität durchzieht die 156 Seiten Trauerarbeit der Erzählerin. Der Verlust wird für mich als Leserin erfahrbar, ja, beinahe greifbar. Das Buch machte mich eine Lesezeit lang atemlos, aufgrund der intensiven Trauer die bis zum Selbstkontrollverlust führt und wegen der Sätze, die Ulla Lenze mir da in ihrer kurzen Prägnanz entgegenhält:

Der Wind trägt den Regen in Wellen heran, er scheint ihm nachzulaufen, ihn einzufangen und dann damit auf mich zuzustürzen. Ich ziehe die Jalousie einen Spaltbreit hoch und blicke in die Dunkelheit. Eine so tiefe Schwärze aus Nacht ist mir bislang an keinem anderen Ort der Welt aufgefallen.

Die „Jenseitsnovelle“ von Matthias Politycki ist ein großes Schweigen, in dessen Räumlichkeit sich der Geruch des Todes und die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Verlust mit aller Macht ausbreitet. Der Sinologe Hinrich Schepp bemerkt den Tod seiner Gattin Doro und konfrontiert sich mit ihrer Korrektur einer seiner alten Texte, während sie dort liegt, intensiven Verfallsgeruch ausströmend, anstatt einen Arzt zu rufen. Erinnerungen treten vor ihm auf, er liest zwischendurch immer wieder abwechselnd seinen uralten Text über einen Säufer und ihre Kommentare dazu, die einen Bezug zu ihm herstellen. Auf 124 Seiten geht es um die wesentlichen Dinge, um Liebe, den Versuch einer Ehe, um Begehren, um das I Ging und die Toteninsel an dem „dunklen kalten See“, der uns im Jenseits alle erwartet.

Am Ende ist doch alles anders als man denkt. Auch wenn mich die Novelle Polityckis inhaltlich nur wenig überzeugte, seine Sprachverwendung ist ein Unikat. Sei es in Form der verknappten Perfektverwendung, die an Gedichtformulierungen denken lässt oder in bildreichen Beschreibungen:

Schepp blieb an der Zimmertür stehen, durch die er, es schien ihm eine Ewigkeit her, gekommen, den Tag zu beginnen; er atmete so heftig ein und aus, bis er meinte, Doro hätte das Blumenwasser zu wechseln vergessen. Mit jedem Atemzug kam ihm das Schweigen näher, das sich vom gegenüberliegenden Ende des Zimmers ausbreitete. Schließlich hatte es ihn erneut zur Gänze umfangen.

Linktipps mit ausführlichen Rezensionen

Michael Köhlmeier:

Rezension der Zeilenspringerin

Rezension auf dradio.de

Matthias Politycki:

Rezension auf dradio.de

Homepage des Autoren

Ulla Lenze:

Rezension von Synaesthetisch

Rezension auf dradio.de

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