Christa Wolf „Ein Tag im Jahr 1960 – 2000“

Eine Autorin war (abgesehen von Marcel Proust) für mich in diesem Jahr ganz wichtig und ich las eine Menge von ihr: die vor einem Jahr verstorbene deutsche Autorin Christa Wolf. Nachdem Katja mich auf Christa Wolfs Erzählung „Der geteilte Himmel“ aufmerksam gemacht hatte, las ich dieses Jahr ihren letzten Roman „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“, die autobiografischen Aufzeichnungen „Ein Tag im Jahr“, „Nachdenken über Christa T.“, „Sommerstück“, die Erzählung „Kassandra“, „Mit anderem Blick“ und zuletzt „Leibhaftig“.

Dabei fällt mir immer ein bißchen schwer zu beschreiben, warum ich Christa Wolfs Werke so gerne lese. Ihre Sprache ist schlicht, aber sehr eigen und enorm eindringlich. Teilweise inspirierten mich ihre Texte stark. Zugleich ist in ihren Erzählungen und Romanen, die oft autobiografisch eingefärbt sind, deutsche Geschichte verdichtet und reflektiert, ohne dass man das Gefühl hat, in einem Geschichtsbuch zu lesen. Es handelt sich viel mehr um eine authentische Innenschau einer in die Geschichte der DDR unmittelbar Integrierten, inklusive eines Einsatzes für die Stasi als IM. Diese Episode in ihrer Vergangenheit beschäftigt Christa Wolf insbesondere in „Stadt der Engel“.

Das Erleben von Geschichte in Form einer ganz persönlichen Autobiografie spielt auch in „Ein Tag im Jahr“ eine entscheidende Rolle. Ursprünglich im Jahr 1960 als Beitrag für die Moskauer Zeitung Iswestija gedacht, entstand eine detailreiche Beschreibung eines Tages: des 27. Septembers. Christa Wolf behielt dieses Format einer genauen Schilderung ihres 27. Septembers für vierzig Jahre bei. Das Ergebnis dieser alltäglichen Reise durch Christa Wolfs Leben und Erleben auch und vor allem der deutschen Geschichte wurde 2008 veröffentlicht. Der jährliche Blick in ihr Leben liest sich unterhaltsam, lehrreich und auch spannend. Für mich ist die Christa Wolf-Lektüre immer ein bißchen wie Lieblingsschullektüre: Ich habe das Gefühl, sie lesen zu müssen, um mich weiter zu bilden. Wenn ich sie lese, kann ich sie nicht mehr beiseite legen und es macht „klick“ und ich will immer mehr wissen, über die Hintergründe, über die Autorin, über die Verwendung der Sprache bei ihr usw. Dabei sind es die kleinen Dinge, die sie beschreibt um dann plötzlich in einen größeren Zusammenhang umzuschwenken, die mich irgendwie in ihren Bann ziehen:

Anziehn, die alten dicken Jeans, den braunen Rollkragenpullover, lässig. Frühstück machen, dabei Nachrichten (acht Uhr). Immer noch die aufgelöste Spionageaffäre, dann die Nahost-Vereinbarungen von Camp David und andere Meldungen, die ich mir merken wollte, aber vergessen habe. Ich mache Rührei mit Zwiebeln, Tomate, Knoblauch, Kaffee. Gerd kommt, holt das Geschirr ins Zimmer. – Riecht gut, sagt er. Ich denke, daß die Politik, ihre Ziele und Formen, mitsamt den Männern, die sie ausüben, hoffnungslos überholt und unzeitgemäß ist, gar nicht in der Lage, die Probleme der Gegenwart überhaupt zu erfassen, geschweige sie der Lösung näher zu bringen.

(aus: Mittwoch, 27. September 1978, Meteln)

Möglicherweise ist es auch das unmittelbare Teilnehmen am Alltagsleben und Schreiben einer Autorin, das mich so hinreisst, das ständige Reflektieren…

Mein Verlangen, möglichst alles festzuhalten, durch diese Aufzeichnungen die Zeit aufzufressen, die ich für das „eigentliche“ Schreiben benötigen würde, und später, wenn ich die tagebuchartigen Manuskripte wieder lese, festzustellen, daß ich beinahe alles vergessen hätte, wenn ich es nicht aufgeschrieben hätte. Wohin entschwindet das Erlebte? Und inwiefern prägt es uns doch? Was ja Literatur behauptet, wenn sie aus dem Alltagsstrom verfälschend bestimmten Vorgängen, bestimmten Gedanken und Gefühlserscheinungen Bedeutsamkeit verleiht.

(aus: Montag, 27. September 1999, Dresden-Berlin Pankow)

Wer nach der Lektüre wie ich noch nicht genug vom seitenreichen Eintauchen in die Gedanken der Christa Wolf hat bzw. den historisch nicht unbedeutenden Beitrag aus dem September 2001 vermisst, dem sei eben dieser in dem Sammelband „Mit anderem Blick“ ans Herz gelegt. Wie lest ihr Christa Wolf? Könnt ihr mit ihrer speziellen Art zu schreiben etwas anfangen? Oder verbindet ihr ihre Werke doch mehr mit (ungeliebter?) Schullektüre?

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9 Gedanken zu “Christa Wolf „Ein Tag im Jahr 1960 – 2000“

  1. Danke für den Hinweis auf „Ein Tag im Jahr“.

    Ich habe von Christa Wolf bisher die Kassandra und der geteilte Himmel gelesen.

    Aber diese Art des Tagebuchschreibens finde ich bedeutend und ich möchte mehr davon wissen.
    Es ist genauso wie Christa Wolf es beschreibt, wenn man nicht jeden Tag seine Gedanken aufschreibt, sind sie verloren.
    Das schöne ist, dass ich das Buch von Christa Wolf selber gesprochen bei audible aus Hörbuch erhalte.
    Es ist gekauft!

    Einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2013

    wünscht dir Susanne

    1. Oh ja, das muss auch toll sein: Christa Wolf dabei zuhören, wie sie einem aus ihrem Alltag erzählt. Und es ist, wie auch in den Zitaten deutlich wird, keineswegs belanglos. Sie hat da eine sehr interessante Tagebuchform gewählt, indem sie einen Tag im Jahr auswählt und an diesem Revue passieren lässt. Ich freue mich, dass ich dich neugierig machen konnte!

  2. Liebe Laura,
    ich habe noch nichts von Christa Wolf gelesen bisher, doch du machst mich mit deiner Rezension sehr neugierig. Lustigerweise habe ich vor kurzem etwas über dieses Buch gelesen, auch wenn ich leider nicht mehr genau weiß wo – etwas ähnliches (tägliche Notizen) gibt es wohl auch von Peter Sloterdijk. Leider bekomme ich den Kontext nicht mehr ganz zusammen.
    Ich finde die von dir ausgewählten Zitate unheimlich spannend, wahrscheinlich weil sie es einem ermöglichen in das Leben und den Alltag einer Schriftstellerin einzutauchen.

    Herzlichen Dank für diesen Tipp
    Mara

    1. Liebe Mara, ich kann dir die Christa Wolf-Lektüre absolut ans Herz legen! Vielleicht ist „Ein Tag im Jahr“ sogar ein guter Einstieg in ihre spezielle Schreibart, vor allem wenn man sich wie du für Schriftstellerleben und -alltag interessiert. Sie reflektiert viel über ihr Leben in Berlin und auf dem Land, man bekommt ihren Schreiballtag mit ihren Kindern mit, sie macht sich aber immer auch Gedanken um Politik und Entwicklungen in der Welt. Es ist also echt eine bereichernde Lektüre!

      Euch beiden; Mara und Susanne, wünsche ich einen prima Start ins neue Jahr!!
      Liebste Grüße, Laura

      1. Liebe Laura,
        die Zeit zwischen den Jahren ist so schnell vergangen, so dass ich mich erst jetzt auf deine Liebe Antwort melden kann. Silvester mit einem ängstlichen Hund ist leider etwas nervenaufreibend. 😉
        „Ein Tag im Jahr“ werde ich mit beim nächsten Buchladenbesuch auf jeden Fall mal genauer anschauen, vielleicht schaue ich auch mal, ob es hier bei uns in der Bibliothek ausleihbar ist. Im Moment trage ich mich mit dem Gedanken in diesem Jahr ein paar mehr Bücher mit „Substanz“ zu lesen, als noch einmal so viele Neuerscheinungen. „Wer die Nachtigall stört“ steht schon auf meiner Liste und Christa Wolf wird wohl auch darauf landen. 🙂

        Liebe Grüße
        Mara

  3. Liebe Laura,

    ich habe Christa Wolf bisher nur gehört und zwar eben besagtes Buch, was du hier vorgestellt hast und „Stadt der Engel oder The Overcoat von Dr. Freud“
    http://glasperlenspiel13.blogspot.de/2012/09/christa-wolf-politisiert-den-lesekreis.html
    Beide Hörbücher wurden von ihr selbst gesprochen und schon allein das war ein Genuss und ist wirklich zu empfehlen. Ehrlich gesagt, würde ich gern alle Bücher von ihr vorgelesen bekommen. Das geht ja nun leider nicht mehr. Als nächstes Buch werde ich sicher „Kindheitsmuster“ in Angriff nehmen.

    Und so wie du habe ich Christa Wolf auch erst 2012 für mich entdeckt. Zu oft habe ich sie beiseite gelegt, da ich zu großen Respekt hatte. Den habe ich zwar noch immer aber jetzt freue ich mich auf die Lektüre.

    Liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

    1. Guten Morgen,
      den geteilten Himmel habe ich in den 90ziger Jahren gelesen.
      Die Mauer war noch sehr präsent in den Köpfen. Ich bin in West-Berlin aufgewachsen. Ich kann mir heute kaum noch vorstellen, in einer Stadt ohne Umland zu leben. Für mich war das Buch damals sehr real. Ich habe es herausgesucht und werde es nochmal durchblättern, inwiefern sich meine Wahrnehmung zum Inhalt geändert hat.
      Grüße von Susanne

      1. @ Susanne: Das wäre ja spannend, den „Geteilten Himmel“ noch mal zu lesen aus einer ganz anderen Wahrnehmung heraus… Ich beginne nun erst, mich der Thematik anzunähern. Da ich Mitte der 80er mitten im Westen Deutschlands aufwuchs, war die Mauer und die DDR wenig präsent, nur bekannt. Ich finde es aber sehr wichtig, sich damit auseinander zu setzen und Literatur ist dazu immer eine prima Möglichkeit!
        Liebe Neujahrsgrüße von Laura

    2. @Bücherliebhaberin: Langsam denke ich, ich sollte mir das von ihr Gelesene auch einmal anhören – auch wenn ich nicht so der Hörbuchtyp bin, eigentlich. Ihr macht mir da Lust drauf!
      Als Christa Wolf-Buch steht bei mir auch als nächstes „Kindheitsmuster“ im Regal, was ja auch autobiografisch ist… Wenn du sie bisher nur gehört und noch nicht gelesen hast: Das ist auch toll 🙂
      Beste Grüße, Laura

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