Sonntag mit Proust IX

Das längere Proust-Zitat am letzten Sonntag dieses Jahres bezieht sich exemplarisch auf das gesellschaftliche Leben vor hundert Jahren, die Vielzahl an Personen, die in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vorkommen und zeigt uns die detailreiche Beschreibungsweise Prousts. Wir begeben uns mit dem Ich-Erzähler in den Salon der Madame de Villeparisis und schauen uns um:

Bei jenem ersten Besuch, den ich, nachdem ich mich von Saint-Loup getrennt hatte, auf den von Monsieur de Norpois meinem Vater erteilten Rat hin bei ihr machte, fand ich sie in einem Salon, von dessen mit gelber Seide bespannten Wänden sich die Kanapees und die wundervollen Beauvaisfauteuils in dem fast violettrosa Ton überreifer Erdbeeren abhoben. Neben den Porträts von lauter Guermantes und Villeparisis sah man – ein Geschenk der Dargestellten selbst – diejenigen der Königin Marie-Amélie, der Königin von Belgien, des Prinzen von Joinville, der Kaiserin von Österreich. Madame de Villeparisis, die eine Haube aus schwarzen Spitzen aus der „guten alten Zeit“ trug (sie behielt sie aus dem gleichen Sinn für das Lokal- und Zeitkolorit bei, aus dem ein Hotelbesitzer in der Bretagne, der, wie pariserisch auch der Kreis seiner Gäste geworden sein mag, dennoch für klüger hält, seine Serviermädchen in der Trachtenhaube und weiten Ärmeln erscheinen zu lassen) saß an einem kleinen Schreibtisch, auf dem neben ihren Pinseln, der Palette und einem begonnenen Blumenaquarell überall in Gläsern, Schalen und Tassen Moosrosen, Zinnien, Venushaar, bei deren wiedergabe sie im Augenblick die hereinflutenden Besucher überrascht und unterbrochen hatten, umherstanden wie auf dem Verkaufstisch einer auf einem Stich des achtzehnten Jahrhunderts abgebildeten Blumenhändlerin.
In diesem Salon, der fürsorglich leicht geheizt war, da die Marquise sich bei der Rückkehr von ihrem Schloß erkältet hatte, befand sich unter den bei meinem Eintritt bereits Anwesenden ein Archivar, mit dem Madame de Villeparisis am Morgen an sie selbst gerichtete, handgeschriebene Briefe, historische Persönlichkeiten geordnet hatte, die faksimiliert in den Memoiren, mit deren Abfassung sie zur Zeit beschäftigt war, als Belege erscheinen sollten, und außerdem ein feierlich steifer und etwas befangener Historiker, der auf die Kunde, sie besitze durch Erbschaft ein Porträt der Herzogin von Montmorency, herbeigeeilt war, um von ihr die Erlaubnis zu erbitten, dieses Porträt reproduzieren zu lassen und als Illustration seines Werkes über die Fronde zu benutzen; zu diesen Besuchern gesellte sich noch mein Kamerad Bloch, jetzt ein junger Bühnenautor, auf den sie rechnete, damit er sich ein Urteil über die Schauspieler bildete, die bei ihren nächsten Matineen auftreten sollten.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

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