@bout Sibylle Berg: „Vielen Dank für das Leben“ (Roman, 2012)

Über das Buch

Sibylle Bergs Hauptfigur Toto ist anders und dadurch hat sie es schwer in ihrem Leben. Was ist sie eigentlich? Geboren wird sie 1966 im sozialistischen Teil Deutschlands und landet im Laufe ihres Lebens im Westen. Von Anbeginn ihres Lebens wird ihr gezeigt, dass sie nichts ist, nicht gewollt ist und keinen Platz in dieser Gesellschaft bekommen soll. Ihre alkoholkranke Mutter möchte sie am liebsten gar nicht auf die Welt bringen, und als Toto da ist, schaut sie ihr Kind nicht einmal richtig an. Toto ist ein Hermaphrodit und der Arzt entscheidet sich pragmatisch bei ihrer Geburt, sie einfach zum männlichen Geschlecht zu zählen. Sibylle Berg beschreibt liebevoll, bitterböse-zynisch und zutiefst sensibel und traurig wie das ungewollte Heimkind Toto fremdbestimmt ihren Weg geht und als passive Beobachterin die Welt eher erleidet, denn aktiv erlebt oder mitgestaltet: vom Heim auf den Bauerhof, vom Hof in die Kommune im Westen, von der Kommune an die Bar, bis hin zum Obdachlosenheim und die Straße, wo sie ihr Jugendfreund Kasimir rettet, mit dem sie nach Paris in eine schicke Wohnung zieht. Doch dieser hat sich einzig zur Aufgabe gemacht, Toto zu vernichten, da sie alles darstellt, was er aus tiefsten Herzen hasst … Toto stirbt einsam und allein.

Laura: Frau Berg, die wir dieses Jahr beide für uns neu entdecken durften, hat mit ihrem neuesten Roman „Vielen Dank für das Leben“ ein Buch vorgelegt, das, wie ich finde, in zwei wesentlichen Punkten auffällt: zum einen die Gesellschaftskritik, Nachkriegs-Deutschland zwischen Ost und West (oder Kommunismus und Kapitalismus, wie sie es eher nennt) und zum anderen durch die Figur Toto.

Was mich wirklich beeindruckte, ist die ihr eigene zynische Art, wie sie Gesellschaftskritik übt. Sie beschreibt den damaligen Osten, den Kommunismus, als farblose, ernüchternde Gesellschaft, in der es viele Alkoholiker und Hoffnungslosigkeit gibt. Auf der anderen Seite der kapitalistische Westen, indem zwar Farben und Warenvielfalt vorherrschen, aber ebenso Selbstsucht und Egoismus. Gerade für uns beide, die wir ja zufällig im Westen (ich) und im Osten (du) groß wurden, birgt das eine umfassende Diskussionsgrundlage. Wie hast du den Kontrast im Roman wahrgenommen? Kannst du ihre Beschreibungen nachvollziehen?

Katja: „Vielen Dank für das Leben“ ist neben „Der Mann schläft“ mein zweiter Roman von Sibylle Berg, den ich sehr intensiv und gern gelesen habe, der mich an manchen Stellen fast zum Weinen gebracht hat, vor allem dann, wenn die Autorin die Abneigung der Gesellschaft gegenüber einem Wesen wie Toto beschreibt, das nicht gewollt und nicht geliebt ist … In der DDR herrschte ein Einheitsdenken vor, der Einzelne ist nichts, die Gemeinschaft ist alles, Andersartige haben es da schwer … Um zu verstehen, weshalb die Autorin ein derart radikales Bild der sozialistischen Gesellschaft zeichnet, ist es wichtig, auch zu wissen, dass sie selbst in dieser Gesellschaft geboren wurde und sie in den 80er Jahren verlassen hat, weil sie da nicht mehr leben wollte. Allerdings beschreibt sie jetzt nicht den goldenen Westen als Allheilmittel, sondern zeigt auf, wie die damaligen Hoffnungen mancher DDR-Bürger und die Sehnsüchte, die in eine freiheitliche westliche Gesellschaft projiziert wurden, ganz schnell einer Enttäuschung und Ernüchterung wichen … Denn auch übermäßiger Konsum und der Überfluss an Waren und Lebensweisen führt nicht zum persönlichen Glück, sondern hinterlässt eine ganz neue Leere im grauen sozialistischen Menschen, der damit einfach überfordert ist … Nachvollziehbar ist das schon und viele Menschen fühlten sich wohl auch genau so, und es ist eine Tatsache, dass es ein Problem mit Alkoholismus gab, aber sicherlich ist das auch nur eine Sicht auf diese DDR, die meine Familie auch nochmal ganz anders erlebt hat und der Autorin da nicht in allem so zustimmen würde …

Laura: Richtig, ich denke auch, dass es Frau Berg eher auch darum geht, die Projektionen auf die damaligen Gesellschafts-und Staatsformen zu zeigen, als so wie es war. Denn natürlich ist es auch kein genaues Abbild des Westens, so wie ich ihn als Kind erlebte. Sie schreibt das auch absichtlich ein bißchen überzogen, denke ich. Die Gesellschaftskritik bezieht sich auch auf die in der Gesellschaft lebenden Individuen, z.B. auf Prototypen wie Thorsten und Karin, die sie auf S. 198 beschreibt: herrlich. Zitat: „Nachdem Kim geboren ist, und die zwanzig Kilo zuviel, die wollen nicht verschwinden, und dann werden die Haare abgeschnitten, ist doch praktischer, ein Ehrgeiz war da nie, und die Abhängigkeit von Thorsten wächst, und Thorsten sieht zwar mittelmäßig aus, ist aber unterdessen Abteilungsleiter und fährt einen Dings, das machte ihn für Trixi, die Sekretärin, für einen Alphashot, und dann geht er fremd (…)“. Sie bringt so vieles mit ihrer zynischen Kritik haarscharf auf den Punkt!Sibylle Berg_Vielen Dank für das Leben

Katja: Sie (über)zeichnet ein hartes Bild von den zwei Gesellschaftsentwürfen Ost und West, das in seiner Radikalität aufzeigt, dass keines der beiden den Sieg für eine bessere Gesellschaft davonträgt. Damit löst sie diese Dichotomie von Ost und West auf – vor allem die DDR hat ja heimlich immer vom besseren Westen geträumt, und seine Produkte genossen, aber offiziell wurde natürlich der Kapitalismus als Böse abgelehnt … Das war scheinheilig und heuchlerisch. Und diese Doppelbödigkeit verdichtet ihr böser Zynismus sehr schön anhand ihrer Figuren und immer an der Grenze zum Bitterbösen. Das finde ich wunderbar. Anhand ihrer Beschreibung der Alltags- und Lebenswelt der Menschen und ihren Sehnsüchten zeigt sie auch, dass sich die persönliche Befindlichkeit nicht unbedingt mit der Gesellschaft ändert. Ich bin nicht gleich ein neuer Mensch, wenn ich in einem neuen Staat lebe.

Eine besondere Rolle spielt dabei ja auch die Tatsache, dass Toto nicht nur als Heimkind gebrandmarkt ist (das war man in der DDR immer, Heimkinder wurden meist ausgegrenzt), sondern eben durch ihren Hermaphroditismus und ihr eigenartiges Aussehen: „Etwas stimmte nicht mit dem Fleischberg, seine Stimme war zu hoch, seine Bewegungen zu weich, sein Lächeln zu sanft für einen Jungen … Die Kinder ahnten, dass er für die Evolution nicht zu gebrauchen war und eigentlich hätte getötet werden müssen, aber es wagte keiner so recht, Hand anzulegen, zu überragend war sein weißer Leib.“ (S. 62) Dieser Satz ist so böse und traurig und aber auch wahr, denn er zeigt, wie grausam Menschen und vor allem Kinder, die eigentlich noch nicht vorgeprägt sind, sein können. Dieses Buch ist auch ein Buch für die Andersartigen, die es in jeder Gesellschaft schwer haben. Wie hat das auf dich gewirkt?

Laura: Kinder können sehr sehr grausam sein. Sibylle Berg macht das an ihrer Toto-Figur extrem deutlich: sobald man anders ist, wird man zum Außenseiter. Dass sie ihren Protagonisten Hermaphrodit sein lässt, finde ich sehr interessant, eine kluge Wahl. So verdeutlicht sie, dass es beide Geschlechter gleichermaßen treffen kann und bezieht sich subtil auch auf alle, die aufgrund ihrer Geschlechtlichkeit oder Sexualität anders sind. Frau Berg ist (so sagte sie auch mal in einem Interview) in die Rolle derjenigen gerutscht, die für Außenseiter eintritt und schreibt, obwohl das vielleicht gar nicht bewusst beabsichtigt war. Toto ist eine sehr interessante Figur für den Roman, spannend fand ich auch, dass er zur sie wird im Verlauf. Aber insgesamt war Toto mir zuu weich. Zu lieb. Zu passiv! Ich dachte immer: wehr dich doch mal! Ging dir das auch so?

Katja: Toto als Figur ist absichtlich mit Extremen gesegnet und so angelegt, dass man nicht weiß, ob man Ekel oder Mitleid empfinden soll. Ich bin sehr zwiegespalten, was Toto angeht und ich denke, dass die Autorin ihre Hauptfigur bewusst so angelegt hat, um dieses Gefühl in mir als Leserin hervorzurufen und mir zu zeigen, dass auch ich in Stereotypen denke und dass wir Menschen seltsamerweise immer Probleme mit dem haben, was von irgendeiner Norm abweicht. Weiterhin fand ich es sehr spannend, dass Toto ja nichts in ihrem Leben geplant oder forciert hat, sie interessiert sich ja gar nicht für sich oder für ihre Zukunft, sie lässt sich immer in die Ereignisse fallen – die Ereignisse geschehen mit ihr und nicht sie bestimmt ihr Leben. Toto hat ja in ihrem Leben nichts erreicht und wollte auch nichts erreichen, d.h. diese Passivität ist gewollt von vorn herein so angelegt – sie kann eigentlich nichts dafür, sie ist einfach anders, groß, fett, unförmig, weiblich-männlich. Man kann sie nicht zuordnen. Doch das ist nicht das Problem von Toto sondern das ihrer Mitmenschen und das des Lesers. Anhand der Figur Toto wird unser menschliches Verhalten widergespiegelt, die Dinge wahrzunehmen und einzuordnen, unser nicht bewusstes Denken in Stereotypen. Toto ist so passiv – man möchte, dass sie sich wehrt, wenn sie am Boden liegt, aber sie schaut die Menschen, die ihre unbegründete Aggression an ihr auslassen nur mitleidig an. Wir haben hier quasi in Toto eine Antiheldin, die sich nicht durch ihr Leben kämpft, denn das tut sie nicht, sondern es stoisch erträgt … Das kann man nur schwer verstehen oder sympathisch finden, und ich denke, genau das möchte die Autorin damit auslösen …

Laura: Ja, das glaub ich auch. Ich finde, sie macht das, gerade dadurch, dass man es durchschauen kann, wenn man darüber nachdenkt, sehr gut, literarisch. Irgendwo habe ich gelesen, dass sie mit Toto das Idealbild des perfekten Menschen entwirft. Darüber kann man natürlich streiten, ist der perfekte Mensch geschlechtslos bzw. zwittergeschlechtlich, passiv und von einer Geduld und Ehrgeizlosigkeit, die ohne Vergleich ist? Ich habe beim Lesen gedacht: Toto ist wie ein Engel. Und Kasimir, seine/ihre Antipode, den sie schon aus dem Heim kennt und später in Hamburg (?) wiedertrifft. Kasimir, der Dämon, der Toto hassliebt und vernichten will. Ich denke, dass Frau Berg hier bewusst eine Dialektik schafft, die uns auch Totos Wesen verstärkt wahrnehmen lässt. Dieses Vernichtungsbestreben Kasimirs, besonders zum Ende des Romans hin, das ist einfach nur böse. Das Böse in Reinform. Obwohl ich das jetzt gar nicht so theologisch meine, wie es klingt. Toto und Kasimir sind für mich wie die guten und schlechten Seiten in jedem Menschen.

Katja: Kasimir ist eine seltsame Figur. Ich habe mich gefragt, was es ist, dass ihn Toto so sehr hassen, aber auch irgendwie lieben lässt … Wie kann man so weit gehen, und einen anderen Menschen so ablehnen, dass man sein Leben derart überwacht und manipuliert? Da zeigt sich nur, dass Kasimir selbst ein ganz armes Schwein ist und Toto ähnlicher, als er glaubt. Denn angeblich ist Toto alles das, was er hasst. Man hasst ja immer das am meisten, dem man sich selbst nicht entziehen kann … Der Unterschied zwischen beiden ist nur marginal, aber es ist der, dass Kasimir Ziele hatte und versucht hat, etwas aus seinem Leben zu machen… Aber am Ende, als Toto stirbt, habe ich nicht das Gefühl, das er jetzt befreit ist von seinem Lebensprojekt, Toto zu zerstören … Hat ihn das jetzt glücklich gemacht? … Damit kommt die Frage im Buch auf, was ist eigentlich Lebensglück und wofür sollte man dankbar sein – wenn man Ziele hat, die man erfüllt, wenn man ein Mensch ist, der in die Gesellschaft passt …? Wie hast du Sibylle da verstanden?

Laura: Zum einen geht es darum, nicht allein zu sein. Die schrecklichsten Situationen in dem Roman sind, glaub ich, immer die einsamen. Zwar kann Liebe auch zerstörerisch sein, wenn man sich darin verliert, was an Kasimir und Toto deutlich wird, jedoch ist es letzten Endes die Liebe, die alles ein Stück weit zusammen hält, die einen Sinn des Lebens ausmacht. Der Entwurf einer zukünftigen Gesellschaft, den Sibylle Berg darlegt, zeigt auch, wie wichtig Anpassung vielen ist. Dass das aber nicht ausreicht. Bzw. dass die Welt total langweilig wird, wenn alle öko und bio und politisch superkorrekt sind. Wenn niemand mehr aneckt und individuell aus der Reihe tanzt, dann ist eben alles genormt und einheitlich. Ich habe das eher – mal wieder – als Kritik aufgenommen. Oder hast du das anders rausgelesen? Was nimmst du aus dem Buch mit? (Begleitete es dich in deine Träume, wie bei der Klappentexterin? Oder hingen dir bestimmte Szenen oder Gedanken aus dem Buch bis in den eigenen Alltag hinein nach, wie es bei mir der Fall war?)

Katja: Ich lese das Buch auch als eine umfassende Kritik an den beiden Gesellschaftssystemen, die sich vor der Wende gegenüberstanden. Sibylle führt uns alle negativen Extreme beider Gesellschaften vor und zeigt in der Konsequenz, dass weder Sozialismus noch Kapitalismus funktionieren noch glücklich machen. Was aber dann? Ich denke nicht, dass sie die Antwort weiß oder zu geben im Stande ist. Toto ist ein Weg, eine Art von Wesen, wie man sein könnte, um all dem zu begegnen, was einem als Mensch so an Negativem im Leben widerfährt – mit stoischer Ruhe. Kasimir ist das andere Extrem, das aber auch nicht zum Glück führt. Ich kann nicht eindeutig sagen, ob Sibylle diesen Dank an das Leben zynisch-ironisch meint, oder ernstlich, denn wofür sollte Toto dem Leben danken, dass sie von Anfang an abgelehnt hat?

Verfolgt hat mich das Buch weder im Alltag noch in den Träumen, aber sehr bewegt und nachdenklich gestimmt, sehr intensive Gefühle ausgelöst, so großes Mitleid mit Toto, dass ich kurz vor dem Weinen war … Ich halte Sibylle Berg für eine ganz einzigartige und intelligente Literatin, die Geschichten erzählt, die messerscharf kritisieren und unter die Haut gehen, die dich nicht loslassen und etwas in dir bewegen. Ob man ihre Figuren nun mag oder nicht, eher Ekel oder Mitleid empfindet – wenn man dieses Buch gelesen hat, dann hat man etwas durchlebt und verstanden. Denn Sibylle hält mir den Spiegel vor und lässt durch ihre Figuren eine tieferliegende Kritik durchscheinen, die mich erkennen lässt, was wichtig im Leben ist. Wie du schon sagst – die Liebe. Alles ist zu ertragen, wenn man gewollt und geliebt ist, egal, was einem widerfährt …

Laura: Wegen des Titels bin ich mir nicht zu 100% sicher, denke aber eher, dass er zynisch-ironisch gemeint ist. Letztlich liegt es bei jedem selbst, was man aus all dem macht, was man da bei der Geburt vorgesetzt bekommt. Aber auch wenn es manchmal so bei Sibylle Berg klingt: „Wie konnte man das nur immerzu aushalten, all die Scheiße, die Menschen einander antun, weil sie sich im Recht glauben, das ist doch zum Aussterben.“ (S.217) – sie zeigt, dass es irgendwie trotzdem lohnt, sich das alles anzutun. Und selbst wenn man sich nur an den Rand stellt und belustigt alles beobachtend zynische Kommentare abgibt 😉 Insgesamt ein beeindruckendes Buch, das sprachlich und gesellschaftskritisch eine Menge Zündstoff enthält, aber mein Favorit von ihr bleibt erst einmal: „Der Mann schläft“.

Katja: Darüber wäre zu diskutieren. „Der Mann schläft“ hat nochmal eine andere Grundstimmung und ist als Liebesgeschichte, als Geschichte eines Paares anders angelegt. Zwar geht es in „Vielen Dank …“ auch um die Liebe, aber eher nochmal unser individuellen Platz in einer Gesellschaft und um das Funktionieren oder Nicht-Funktionieren derselben. Ihre Kritik zieht sie hier radikaler durch und durch die Länge des Buches natürlich auch ausführlicher. Ich empfinde „Vielen Dank …“ als die anstrengendere Leseleistung, weil man teilweise bis an die Grenzen des Ekels oder Mitleids getrieben wird – aber gerade dadurch ist es auch erzählerisch so gut und so intelligent gemacht. So brutal und gleichzeitig sensibel schreibt wohl nur Sibylle Berg – und das beeindruckt mich sehr.

Laura: Da geht es uns beiden ähnlich. Ich glaube, wir werden beide noch mehr Sibylle Berg-Bücher lesen, es ist auf jeden Fall immer ein Erlebnis.

Link zur Lesung im Berliner Ensemble – auch ein Erlebnis

„Vielen Dank für das Leben“ im Hanser-Verlag

Video zum Buch

Vielen Dank Sibylle Berg für Bücher, die wie eine Axt für das gefrorene Meer in uns sind!

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9 Gedanken zu “@bout Sibylle Berg: „Vielen Dank für das Leben“ (Roman, 2012)

    1. Ich bin schon sehr gespannt, wie es dir gefallen wird, Caterina. Ich habe das Gefühl, dass „Vielen Dank für das Leben“ Potential hat, die Krawatte als Bloggerbuch des Jahres abzulösen. 😉 Ich habe das Leseerlebnis und die Bekanntschaft mit Toto sehr genossen und hatte viel Spaß dabei, eure interessanten Gedanken zum Buch hier lesen zu können. Vielen Dank dafür.

    2. Das freut mich, ihr beiden, dass euch unser Dialogue über „Vielen Dank für das Leben“ gefallen hat! Es ist auch immer wieder spaßig und bereichernd, sich zu zweit einem „gemeinsam“ gelesenen Buch anzunähern und euch unsere Ergebnisse hier mitzuteilen :). Vom Beliebtheitsgrad unter den Bloggern bisher könnte ich mir tatsächlich auch vorstellen, dass Frau Berg Milena Flasar ablöst, Mara. Allerdings, und das glaube ich auch sagen zu können, wenn ich „Ich nannte ihn Krawatte“ noch nicht ganz gelesen habe (ich lese es ganz intensiv zusammen mit der Zeilenspringerin), gefällt mir die Krawatte noch mal besser, weil die Sprache einfach soo unheimlich zauberhaft ist…

  1. Wow, so viel habt ihr aus dem Buch herausgeholt! Ich habe den nur Text überfliegen können und möchte mir bald mehr Zeit dafür nehmen, denn seit einer Woche habe ich einen defekten Router zu Hause und komme daher sporadisch kurz ins Internet. Ich wollte euch aber schon sehr für die Einladung danken!

    Auf hoffentlich ganz bald,

    Eure Klappentexterin

    1. Liebe Klappentexterin, oh je, ein defekter Router: mitunter die größte Katastrophe für einen Blogger! Oder wohl generell für einen Großteil der Menschen im 21.Jhd…
      Wir sind auf jeden Fall gespannt auf deinen Kommentar zu unserem „Frau Berg“-Dialogue über Toto – und freuen uns auch total über eine Mail bzgl eines Treffens!

      Beste Grüße und bis ganz bald,
      Laura

  2. Ihr Lieben,

    seit wenigen Stunden bin ich wieder da – ganz da. Hurra!! Der neue Speedport ist angeschlossen, aktiviert und darf es wieder losgehen. Aber ich muss auch gestehen, dass mich die Offline-Zeit auf gewisse Art geerdet hat oder sagen wir, mir wurde bewusst, wie viel Zeit ich ohne Internet habe. Schade ist es, dass ich weniger im Bloguniverum unterwegs war, aber die Texte laufen ja nicht weg, genauso wenig wie ihr. Die Beiträge bleiben und ich kann sie peu à peu aufessen. So wie eurer Gespräch.

    Eine tolle Interaktion. Ihr habt die Dinge angesprochen, die mich ebenso beschäftigt haben. Ich weiß nicht, ob Toto einfach nur passiv ist. Viel mehr hat er/sie alles angenommen und die radikale Akzeptanz gelebt. Sie/er ist unglaublich weise. Das wusste ich nach Sätzen wie diesen: „Es half Toto immer, wenn er sich die Menschen ansah, die ihn zu verletzten suchten, meist wurde er traurig beim Erkennen des Elends, das sie so hart hatte werden lassen, so unbeherrscht und zornig, diese Leute.“ Ich fand dieses Aushalten zutiefst beeindruckend und unglaublich aufwühlend. Auch wenn sie mich treffen und ich Toto am liebsten schütteln wollte.

    Absurd und hässlich ist Kasimir. Der Teufel. Der Krieg. Eine Figur, die mich frösteln ließ. Ich fand den Vergleich, liebe Laura, dass Toto und Kasimir die guten und schlechten Seiten des Menschen darstellen, treffend. Obwohl sie schon sehr extrem waren. Aber das wollte ja die Autorin. Sie wollte uns treffen. Was ihr durchaus gelungen ist.

    Hach, ich merke schon wieder, wenn man einmal anfängt, über dieses Buch zu schreiben, kullern die Gedanken von allein heraus. Vielleicht können wir das wirklich bald mal bei einem persönlichen Gespräch vertiefen. „Der Mann schläft“ steht übrigens seit Weihnachten in meinem Regal. Das aufmerksame Geschenk einer Bücherfee.

    Habt ein schönes Wochenende!

    Viele liebe Grüße,

    Eure Klappentexterin

  3. Liebe Klappentexterin,

    Kasimir als Teufel und Krieg ist gut getroffen. Diese Figur ist natürlich wie Toto extrem und überzeichnet, mit Absicht. Sie soll einen treffen und wachrüttel, da wo es weh tut, da, wo wir am empfindlichsten sind. Ich denke, Sibylle Berg möchte aufrütteln und in uns Lesern etwas verändern. Das hat sie erreicht – wenn man durch die Lektüre durch ist, hat man was ausgehalten, man wurde mit den menschlichen Abgründen konfrontiert, auch in einem selbst. Wischi-Waschi gibts genug auf der Welt, auf dem Buchmarkt und in der Unterhaltungsindustrie … Aber ich möchte nicht nur unterhalten werden bis der Arzt kommt sozusagen, ich möchte emotional berührt werden, etwas lernen und verstehen, das muss etwas passieren, etwas im geistigen Sinne Positives. Sibylle Berg lesen ist wie eine Art Therapie … Puh, das ist jetzt mal ne steile These und viele werden sagen, Mann, jetzt übertreibt sie aber. Ich bin kein unkritischer Fan dieser Autorin, aber sie trifft bei mir nen Nerv und überzeugt mich durch ihre Buchideen, ihre Figuren, ihre Gesellschaftskritik und den herrlichen Zynismus, so dass ich sie für die interessanteste deutschsprachige Autorin der letzten Jahre halte … Gegenstimmen gern willkommen =) Da sie,wie ich, auch aus Thüringen ist und immer noch diesen süßen thüringischen Zungenschlag aufweist, kann ich mich auch gut in ihre Kritik der ostdeutschen Provenzialität hineinversetzen – dazu gibt es einen schönen Bericht über ihren Weimar-Besuch letzthin auf ihrer Homepage, einfach herrlisch …

    Apropos Offline-Sein – da ich auch beruflich den ganzen Tag online bin, ist bei mir abends oft das Notebook nicht an … Da ich auch kein Smartphone besitze, sondern ein Uralt-Handy, bin ich auch nicht unterwegs online, das wäre mir einfach zuviel … Aber das ist eine andere Geschichte …

  4. Hab vielen Dank für deinen schönen, ausführlichen Kommentar, liebe katja! Das Internet funktioniert in den heimischen vier Wänden wieder, aber irgendwie bin ich jetzt doch seltener online unterwegs. Aber ich bin es und melde mich zu gegebener Zeit wie jetzt mit ein paar Tagen Verspätung.

    Deine These (Sibylle Berg = eine Art Therapie) packe ich mir und lege sie mir ins nächste Buch, das ich bald von der Autorin lesen möchte. Meine Stimme hast du auf jeden Fall! Genau das ist es, was ich auch an der Literatur schätze, diese Reibungen, dieses Bewegtsein… Großartig ist es dann, wenn man es in Büchern wie diesem hier findet.

    Ich besitze übrigens ein Smartphone, kann damit aber nicht ins Internet. Dafür ist es wieder zu alt und mein Vertrag zu kostengünstig. Außerdem muss man nicht immer und überall online sein. Bedeutet es doch auch, auf gewisse Weise ständig unter Strom zu stehen. Wie schön ist es, auch einfach mal alles sein zu lassen, vor sich hinzuträumen oder zu lesen…

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