Jan Brandt „Gegen die Welt“, Roman (2011)

Jan Brandt_Gegen die Welt 1Jan Brandt_Gegen die WeltWürde mir jemand von einem mehr als 900 Seiten umfassenden Roman über das Erwachsenwerden in einem ostfriesischen Dorf erzählen, in dem Hakenkreuze, Kornkreise und detaillierte Schilderungen der Dorfbewohner vorkommen – ich würde meinen, das Buch interessiere mich nicht sonderlich. Jan Brandt hat mich durch seinen Debütroman eines besseren belehrt. Der Autor (*1974) wuchs selbst in Ostfriesland auf und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München.

Inhalt

Daniel Kuper ist Protagonist sowie Dreh-und Angelpunkt des umfassenden Geschehens im ostfriesischen Jericho. Gemeinsam mit ihm erlebt der Leser die verschiedenen Stufen der Adoleszenz in der deutschen Provinz der 1980er Jahre: Das Aufwachsen unter einem Drogistenvater, Hard Kuper, dessen größter Feind die Schlecker-Kette ist und der sich als geheimer Lady-vernascher entpuppt. Die Auseinandersetzungen in der Schule mit dem Schlägertypen namens Eisen. Die Freundschaft zum dicken Lehrersohn Volker, der uns ganz zum Schluss des Buches wiederbegegnet und einiges auflöst. Heavy Metal-Sit ins mit viel Bier, Gras und den besten Kumpels vom Gymnasium. Der Selbstmord des ewigen Außenseiters Peter Peters auf den Schienen und die unterschwellige Frage nach der Mitschuld. Schulwechsel und damit verbundene Wechsel der Kerle-Freundschaften. Die ersten Vollrauscherlebnisse bei Scheunenparties. Und vor allem: das Gefühl des Ausgestossenseins, wenn sich ein ganzes Dorf gegen einen verschworen hat und man vielleicht nicht mal selbst so richtig weiß, was passiert ist. Warum da auf einmal Hakenkreuze überall auftauchen. Oder ein Kornkreis in einem im September viel zu früh verschneiten Feld.

„Gegen die Welt“ ist so ein Buch, das nicht alles auflöst und erklärt. Das aber im Gegenzuge unheimlich viele Denkanstösse in verschiedene Richtungen gibt und vor allem auf ganz anschauliche Weise verdeutlicht, wie es ist, in einem Dorf oder einer Kleinstadt erwachsen zu werden. Die vermeintlich übersinnlichen Geschehnisse im Roman, Kornkreis, Schnee im September, Hakenkreuze, der angekündigte Einzug der Plutonier, haben irgendeine rationale Erklärung. Welche aber im Gegensatz zu Gerüchten, Anschuldigungen und Vermutungen keinen in Jericho so richtig interessieren.

Typographische Besonderheiten

Es ist erstaunlicherweise schon der Inhalt, der Spannung über die vielen Seiten hinweg erzeugt. Darüber hinaus gibt es aber auch zahlreiche typographische Besonderheiten, die das Lesen fast schon zum Erlebnis machen: freigelassene Seiten, Briefe an diverse öffentliche Personen, eingebautes Jeopardy-Spiel mit je nur einer Frage oder Antwort auf einer Seite, über bis zur Unleserlichkeit verblassende Druckstärke (die auf den schwindenden / vernebelten Geisteszustand des Protagonisten hinweist) bis hin zu zwei parallelen Erzählsträngen über 155 Seiten hinweg. Besonders letztere leserische Herausorderung fand ich bemerkenswert: Man ist zweifellos gefragt: Liest man das nun klassisch, Seite für Seite und versucht, beide völlig verschiedenen Erzählstränge zu verfolgen oder folgt man erst einem Strang um dann zurückzublättern und den zweiten zu lesen? Ich las klassisch und mit einigem Kurz-Zurückblättern und hoher Konzentration klappt das auch und ist reichlich aufregend, weil die Züge der Erzählstränge im wahrsten Sinne des Wortes aufeinander zu rasen.

Fazit

Ein Debütroman der mich baff gemacht hat. Die Sprache ist eher straight als verschnörkelt, der Inhalt detailreich und vermeintlich langatmig, ABER gelangweilt habe ich mich nicht. Im Gegenteil hat Jan Brandt mich zum Nachdenken gebracht, in Erinnerung an mein eigenes provinzielles Aufwachsen lächeln lassen, ich staunte und fieberte irgendwie mit Daniel Kuper mit. So faszinierend kann ein 927 Seiten langes Aufwachsen in der ostfriesischen Provinz sein.

Weitere Meinungen findet ihr hier oder hier.

Jan Brandt: Gegen die Welt, erschienen bei Dumont, 2011

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14 Gedanken zu “Jan Brandt „Gegen die Welt“, Roman (2011)

  1. Liebe Laura,
    ach ja, „Gegen die Welt“ habe ich vorletztes Jahr auch unheimlich gerne gelesen. Ich habe in Ostfriesland viele Jahre lang bei Verwandten immer wieder meine Sommerurlaube verbracht, so dass ich mich wie nach Hause zurückversetzt gefühlt habe durch sein Buch. Es ist sehr experimentell, vor allem auch mit den typographischen Spielerein, hat mir aber ausgesprochen gut gefallen. An der Stelle, an der der Text aber immer blasser wird, war ich aber schon einmal kurz davor, das Buch wieder zurückzubringen. 😉 „Gegen die Welt“ gehörte zu einer der ersten Besprechungen auf meinem Blog und wirkt leider auch so: einfach ein bisschen unbeholfen.
    Liebe Grüße
    Mara

    1. Liebe Mara, ich finde auch, man kann sich ohne den Ostfrieslandbezug super in die eigene Vergangenheit zurückversetzt fühlen, da es an vielen Stellen sooo typisch für das jugendliche Leben auf dem Land ist 🙂 Umso besser, wenn du dir die Landschaft des Nordens gleich mit dazu denken konntest!
      Ich mag das Experimentelle in der Typo auch, zum Glück irritierte es mich weniger. Mich würde ja interessieren, ob wirklich jemand das Buch zurückgegeben hat und wie die Reaktion des Buchhändlers war!? Lustig 😉
      Und was erste Besprechungen angeht: Naja, die hat ja jeder von uns durch. Ich denke, das nimmt dir niemand übel!
      Regnerische Grüße aus Berlin von Laura

      1. Liebe Laura,
        in der Tat. Wobei ich das Landleben eben nur im Urlaub erlebt habe, da ich in der Stadt großgeworden bin. Jan Brandt trifft bei seinen Beschreibungen aber einfach einen tollen Ton, der die Erlebnisse von Daniel sehr plastisch macht. 🙂 Ich hoffe auch sehr, dass es bald etwas neues von Jan Brandt zu lesen geben wird. Solange behelfe ich mir mit seinen lesenswerten Kolumnen aus dem BÜCHER-Magazin.
        Das würde mich auch mal interessieren, ob das Buch wirklich Mal zurückgebracht worden ist … ich stand für einen Moment kurz davor, aber dann hat es sich für mich doch als Teil der Geschichte erschlossen.
        Ja, erste Besprechungen hat wahrscheinlich jeder hinter sich, das liegt ja in der Natur der Sache … gerne darauf zurück blicke ich trotzdem nicht.

        Ich sende dir liebe Grüße aus dem nie wirklich hell gewordenen und verhangenen Bremen
        Mara

  2. Mmmh, das Buch steht auch noch auf meiner Fensterbank…aber es ist sooo ein Schinken! *puh* Gibts denn jetzt ne rationale Erklärung für die seltsamen Ereignisse im Roman oder nicht?

    1. Fensterbank? Das ist auch ein innovativer Ort zur Buchaufbewahrung 😉
      Also so richtig wird nicht erklärt, was hinter der Entstehung des Kornkreises steckt, aber man muss vermuten, dass es irgendwie mit Eisen, dem Schlägertypen und Feind des Protagonisten zusammenhängt. Ähnlich verhält es sich bei den nächtlich auftauchenden Hakenkreuzen… Aber lies am besten selbst, ich habe es nicht bereut – trotz Schinken-umfangs!

  3. Bei mir liegt das buch nun auch schon eine weile herum – und ist leider vom „bald-lesen-stapel“ ins „irgendwann-mal-lesen-regal“ gerutscht. Vielleicht mache ich das nun rückgängig und lege es wieder in direkte sichtweite, um es dann wirklich zu lesen … spannend klingt das allemal.

    1. Lieber wieder rückgängig machen und auf den „Ganz-bald-lesen“-Stapel legen, lieber Timo! Liest sich auch nicht so lange, wie man denkt.

      1. Hab es nun tatsächlich geschafft und „gegen die welt“ gerade ausgelesen – wow! Es ist/war genau so gut, wie ich gehofft hatte und Deine rezension es ja auch behauptet hat. Richtig beeindruckend fand ich mischung dieser lakonischen, sparsamen, unterkühlten sprache auf der einen und der immer wieder so tragischen geschichte auf der anderen seite. Diese kombination ist dem buch bzw. jan brandt wirklich richtig gut gelungen.

      2. Ah, cool, das finde ich ja toll, dass du das tatsächlich so schnell gelesen hast 😉 !! Bei mir steht seit 2 Wochen Mrs Egans auf Englisch im Regal und „A Visit…“ ist fest als nächster Roman eingeplant, nach Eugen Ruge. Was du bzgl Jan Brandts Sprache-Inhalt-Kombination ansprichst, kann ich gut nachvollziehen. An keiner Stelle wird es gefühlsduselig oder zu emotional. Damit fängt er ziemlich gut diesen objektiven Blick auf die/der Bewohner in Jericho ein und ihr Verhältnis zu den Geschehnissen… Freut mich sehr, dass ich dir nicht zuviel versprochen habe ;D

      3. Es hat sich definitiv gelohnt, dass ich hier den richtigen lektüreanschubser bekommen habe!
        Persönlich würde ich ja jennifer egan dem runge vorziehen 😉 Ich bin mal neugierig auf die berichte über das englische original. Die übersetzung hat mir jedenfalls sehr gut gefallen.

  4. Klingt sehr interessant – möchte ich auch mal lesen, allerdings erst später, wenn ich mit meinem Dostojewski durch bin. Gleich danach vertrag ich erst einmal keinen weiteren 900-Seiten-Roman. Es braucht auch Abwechslung und ich finde, wenn man ein so großes Werk liest, braucht man auch danach einigen Abstand um darüber zu reflektieren und es sacken zu lassen in seiner Gänze … Wie ist es hier eigentlich mit der Sprache? Ist es neben seinen typographischen Besonderheiten auch ein poetisches Buch? Hat dich die Wortbildung beeindruckt, berührt, wie geht Jan Brandt mit Sprache um?

    1. Du hast völlig recht, ein so umfassendes Buch muss dann erstmal nachwirken, bevor man sich auf neue Mini-Universen einlassen kann. Allerdings ist das manchmal auch bei schmalen Büchern so – diese wirken aber vielleicht auf eine andere Weise nach: Sie sind dann vielleicht trotz Kürze besonders intensiv und ein Brandt oder Dostojewski dagegen wirken nach, weil man sich seitenlang, wochenlang mit ihren Charakteren auseinander setzt und diese zu festen Bestandteilen einer Lese-Zeit werden.
      Zur Sprache: Die ist bei Jan Brandt sehr alltäglich, schlicht, schnörkellos. Unpoetisch. Nahezu metaphernlos. Man trifft auf viele Dialoge zwischen den Dorfbewohnern. Dadurch, dass der Inhalt recht vielfältig ist (von Ausländerwitzen über literarische Zitate bis hin zu physikalischen Erläuterungen oder Briefen an den Bundeskanzler) stört die Schlichtheit der Sprache wenig. Sie passt.

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