Über Blaustrümpfe und Frivolität: der X. Sonntag mit Proust

„Blaustrumpf; gelehrt wirkende Frau, die zugunsten der geistigen Arbeit die vermeintlich typisch weiblichen Eigenschaften verdrängt hat. Gebrauch: meist abwertend.“
Quelle

Doch auch ein Werk, das sich nur an ungeistige Themen hält, ist in sich selber immer noch ein Erzeugnis der Intelligenz, und um in einem Buche oder einem oberflächlichen Gespräch – das nichts so grundsätzlich anderes ist – den vollendeten Eindruck der Frivolität hervorzubringen, bedarf es einer Dosis Ernst, deren eine ausschließlich oberflächliche Person gar nicht fähig wäre. In manchen von Frauen geschriebenen und als Meisterwerk geltenden Memoiren hat mich immer dieser oder jener Satz, der als ein Beispiel leichter, unbekümmerter Grazie zitiert wird, auf den Gedanken gebracht, daß die Verfasserin, um zu einer solchen Leichtigkeit zu gelangen, früher eine Art von etwas schwerfälliger Bildungsfülle, eine beinahe sonderlingshafte geistige Haltung habe einnehmen müssen und daß sie als junges Mädchen wahrscheinlich unter ihren Freundinnen als unerträglicher Blaustrumpf gegolten hatte.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

Diesen Sonntag fiel mir der doch recht häufige Gebrauch des Wortes „Blaustrumpf“ im Bezug auf intellektuelle Damen bei Proust auf. Ich glaube, trotz des gemeinhein üblichen, abwertenden Wortgebrauchs, hegt der Protagonist eine gewisse Bewunderung für intelligente Frauen, die bspw. ihre Memoiren verfassen. Viel mehr verdeutlicht Proust das Bestreben der adligen Damen, in der Gesellschaft als weiblich und intellektuell angesehen ohne als Blaustrumpf abgestempelt zu werden.
Bei der Aussage, auch oberflächliche oder frivole Literatur (von Frauen) bedürfe einer gewissen Ernsthaftigkeit der Verfasserin, bin ich skeptisch. Zwar will ich gewissen AutorInnen bspw. von Selfpublishing-Büchern oder zeitgenössischen erotischen Veröffentlichungen nicht die „Bildungsfülle“ und Ernsthaftigkeit absprechen, sehe darin aber auch keine Voraussetzung für eine solche Veröffentlichung. Möglicherweise hat es da innerhalb des letzten Jahrhunderts einen Wandel gegeben. Oder was meint ihr?

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