Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet (Roman, 2002)

Ich möchte euch von einem Leseerlebnis berichten, das mich zum Ende des vergangenen Jahres sehr berührt und begeistert hat. Entgegen meiner sonstigen Vorsicht bei Superlativen muss ich bei diesem Roman einfach eine 100 % Empfehlung aussprechen und fühle mich damit sehr wohl.

Das ist Liebe, hatte Brod gedacht, oder nicht? Wenn man die Abwesenheit von jemand bemerkt und diese Abwesenheit mehrt hasst als alles andere. Sogar noch mehr als man seine Anwesenheit liebt. Ein jeder wusste, dass sie jeden Tag am Fenster auf den Kolker gewartet hatte, dass sie mit der Oberfläche des Glases vertraut geworden war, gesehen hatte, wo es dünner geworden war, wo es sich leicht verfärbt hatte, wo es milchig war. Sie ertastete die winzigen Buckel und Blasen im Glas. Wie eine Blinde, die Blindenschrift lernt, fühlte sie sich befreit. Der Rahmen des Fensters war die Mauer des Gefängnisses, das ihr die Freiheit gab. Sie liebte das Gefühl, auf den Kolker zu warten, sie liebte es, für ihr Glück ganz und gar auf ihn angewiesen zu  sein, sie liebte es, so lächerlich sie das auch stets gefunden hatte, jemandes Frau zu sein. Sie liebte diese neuen Wörter, die es ihr erlaubten, etwas einfach zu lieben, und zwar mehr zu lieben, als sie ihre Liebe für dieses Etwas geliebt hatte, und sie liebte die Verletzlichkeit, die mit dem Leben in der unmittelbaren Welt, der Welt ersten Grades, einherging. Endlich, dachte sie, endlich. Wenn Jankel wüsste, wie glücklich ich bin.

(*S. 232)

„Alles ist erleuchtet“ ist der erste Roman des 1977 geborenen Amerikaners Jonathan Safran Foer. Dieses Buch erzählt nicht nur eine sehr berührende Geschichte eines ukrainischen Dorfes, das von den Nazis 1941 gänzlich vernichtet wurde, sondern zeigt auf höchst intelligente und hintersinnige Weise welche poetische Kraft in der Sehnsucht nach der Erinnerung und der Suche nach den Wurzeln der eigenen Identität liegt. Der junge Autor Safran Foer beeindruckt mich mit seinem Roman sprachlich und inhaltlich enorm, da er es schafft auf unvergleichlich unterhaltsame, kluge und gleichzeitig ernst-spielerische Weise ein so schweres, belastetes und vielerzähltes Thema wie den Holocaust in einer eigens fabulierten Geschichte zu erzählen. Er überzeugt dabei nicht nur mit dem Detailreichtum seiner erdachten Erzählung sondern auch durch seinen höchst sensiblen und geistreichen Umgang mit historischen Gegebenheiten und persönlichem Leben.Jonathan Safran Foer_ Alles ist erleuchtet

„Alles ist erleuchtet“ ist eine anregende Unterhaltung und faszinierende Reise in jüdische Vergangenheit der Familie des Autors – das Besondere aber, ist nicht nur die für einen jungen Augen ungewöhnlich poetische und sensible Sprache und Klarheit der Reflexionen und Gedanken, sondern auch der raffinierte Aufbau, der sich beim Lesen erst einmal erschließen muss.

Auf drei Ebenen erfahrenen wir wie in einer Art Dokumentation:

–  die Geschichte eines ukrainischen Dorfes und seiner Bewohner, des Autors Vorfahren, allen voran dessen Urururururgroßmutter Brod sowie der Urgroßvater Safran, erzählt durch den Autor Safran Foer.

–  den Reisebericht des ukrainischen Dolmetschers Alexander Perchow (der ein sehr schlechtes Englisch spricht, so dass ich anfangs dachte, hier hätte jemand fehlerhaft übersetzt =) und mich dann köstlich amüsiert), der sich in Begleitung seines scheinbar blinden Großvaters und der leicht verrückten Blindenhündin Samy Davis Jr. Jr. mit dem Autor Jonathan Safran Foer auf die Suche nach dem Dorf Trachimbrod und der Frau begibt, die seinen Großvater vor den Nazis gerettet hat.

–   in den Briefen von Alexander an den Autor, seinen „Helden“, was es heißt Familie zu haben, sich den eigenen Wurzeln bewusst zu sein und gleichzeitig damit in Konflikt zu stehen und über Generationen hinaus eine gewisse Verbundenheit mit Vergangenem zu fühlen.

Durch diese raffinierte Struktur und die geschickte Wahl den großspurigen und vorwitzigen Dolmetscher und kuriosen Reisebegleiter Alexander die eigentliche Geschichte dieser wahnwitzigen absurden Reise erzählen zu lassen und damit bewusste die Perspektive zu wechseln, gelingt Foer ein beeindruckendes erzählerisches Meisterwerk. Denn dadurch gewinnt die absurd fabulierte und zauberhaft erdachte Geschichte des Dorfes an größerer Glaubhaftigkeit, auch wenn man weiß, dass dies nicht die wirkliche Geschichte der Vorfahren des Autors ist. So durchlebt man auf dieser Reise die Möglichkeit ähnlicher Erlebnisse, wie es sie vielleicht irgendwo in der Ukraine zu dieser Zeit gegeben haben wird. Als Leser entwickelt man eine sensible Beziehung zu den Figuren, die so lebendig, gefühlvoll und schillernd und voller niedlicher Anekoten über die Liebe und das Leben geschildert werden, dass man sich wünscht und vorstellen kann, bei der Hochzeit dabei gewesen zu sein, die immer wieder als großer Feier des bei aller Tragik und Traurigkeit einzig wichtigen im Leben geschildert und gepriesen wird – der Liebe.

Safran Foer, der selbst Nachkomme dritter Generation einer jüdischen Familie ist, die den Holocaust überlebt hat, zeigt mit diesem sprachlich und erzählerischen Genie-Streich, wie ein Nachgeborener auf der Suche nach den Geschehnissen, die nicht persönlich erinnert werden können, nur die eigene Phantasie und die Liebe zur eigenen Kultur und Familie einsetzen und das erzählen lassen kann, was nicht berichtet werden kann … Er gibt mit diesem Roman dem Wunsch nach Erinnerung und dem Bewusstsein der eigenen Kultur und den eigenen Wurzeln ein ganz individuelles menschliches Gesicht.

Neben der besonders liebevoll erdachten Familien- und Dorfesgeschichte und all der phantastischen Begebenheiten im Dorf Trachimbrod, habe ich mit großer Freude vor allem die unterhaltsamen Reisebeschreibungen von Alexander gelesen. Was Safran Foer mit Bravour meistert und ich selten in der Literatur in der Weise empfunden habe: abseits vom rein dichotomischen Täter-Opfer-Darstellungen der Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg und der Schuldfrage der Nachgeborenen zeigt er mit großer menschlicher Geste und viel Verständnis, dass wir als Folge-Generation zwar sagen können, wer auf der richtigen und wer auf der falschen Seite ist, dass jedoch niemand aus der Ferne beurteilen kann, wie er in einer Situation der größten Bedrohung für Leib und Familie reagieren würde … Das halte ich für eine große moralische Leistung und mutige Geste, die der Autor in seiner unnachahmlich poetisch-hintersinnigen Sprache verpackt und erzählt, die tief berührt, aber ohne dass es zu schwer oder anstrengend wird.

Dieses Buch war für mich ein großartiges Leseerlebnis und beeindruckendes Debüt, mit dem ich das letzte Jahr nachdenklich und unterhaltsam abschließen konnte. Ich möchte euch einladen, eure persönlichen Leseeindrücke mit mir zu teilen, wer dieses Buch ebenfalls bereits gelesen hat.

Hinweisen möchte ich an dieser Stelle noch auf eine interessante Unterhaltung zwischen Juneautumn und Caterina über ihre unterschiedlichen Leseeindrücke und Sichtweisen des Romans, die ich in Sachen persönliche Lesewahrnehmung und Interpretation von Gelesenem sehr spannend fand (nebenbei zeigt dieser Austausch auch, wie man sich sachlich und kritisch-konstruktiv über unterschiedliche Meinungen und Wahrnehmungen austauschen und dabei noch etwas lernen kann, ohne auf die rein persönliche Ebene zu rutschen – ich bin euch gern dabei gefolgt):

http://1001buecher.wordpress.com/2012/07/03/buch-17-jonathan-safran-foer-alles-ist-erleuchtet/

*Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet. Limitierte Sonderausgabe Fischer Taschenbuch Verlag FaM 2009

Advertisements

14 Gedanken zu “Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet (Roman, 2002)

  1. Ich habe mir das Buch vor ein paar Jahren gekauft, aber nur angelesen. Nach Deiner Vorstellung habe ich Lust, „Alles ist erleuchtet“ zu lesen. Vielen Dank dafür!

    1. Guten Morgen! Das freut mich aber, dass ich dich nochmal an das Buch erinnern durfte … Wenn man erst einmal in die eigenwillig komponierte Erzählstruktur und Perspektive gewechselt hat, ist es ein großes Vergnügen, das unterhält und berührt. Natürlich wird viel von der Handlung sehr überzeichnet und trägt fast schon Märchencharakter. Aber gerade das ist das Spannende – in der Erinnerung wird ja vieles verklärt und erdichtet, waraum also nicht auch ein komplettes Dorfleben erdichten? Wer sich darauf einlässt, wird es nicht bereuen. Lies es also unbedingt mal weiter und erzähl mir gern deinen Eindruck. Viele Grüße aus dem morgendlich verregneten Berlin =)

  2. Ich habe das Buch vor einigen Jahren gelesen, stellenweise hat es mich sehr berührt, stellenweise empfand ich es aber auch als sperrig und etwas schwer zugänglich. Foers zweiter Roman hat mir dann doch besser gefallen, glaube ich. Trotzdem habe ich es sehr genossen, deine fantastische Rezension dazu zu lesen. Kennst du auch die Verfilmung? 🙂

    1. Guten Abend Mara! Danke für dieses schöne Kompliment. Die Verfilmung kenne ich nicht, ich bin unschlüssig, ob ich Lust habe, sie zu sehen? Ich fand den Roman gar nicht sperrig, ja, sicher man muss erst einmal die verschiedenen Erzählperspektiven erzählen, aber wenn man in die Geschichte Trachimbrods eingetraucht ist und sich in Alexanders skurill-witziger Sprache einfindet und verliebt, dann ist es ein erzählerisches Erlebnis und ich staune wirklich über diese Leistung eines so jungen Autors. Darf ich fragen, was genau du mit „sperrig“ meinst?

      1. Liebe Katja,
        natürlich darfst du fragen, da meine Lektüre aber bestimmt schon fünf Jahre her ist, kann ich leider nicht mehr ganz so kompetent antworten. Mit „sperrig“ meine ich, dass es ein sehr eigenwilliges Buch ist! Schwer getan habe ich mich vor allem mit den Sexszenen und den vielen unterschiedlichen Verschwandtsbeziehungen. Der Zugang zu dem Buch ist vielleicht nicht ganz so leicht und man muss sich erst zurecht finden, vor allem auch aufgrund des seltsamen Englisch von Alexander. Der Roman ist zum Teil eigenwillig, komisch, absurd, aber dann eben auch unheimlich traurig.
        Der Film ist sehr ruhig und stimmig, ich kann ihn dir nur ans Herz legen. 🙂
        Liebe Grüße
        Mara

      2. Auch ich habe die Verfilmung gesehen: für sich genommen ein gelungener Film mit schönen Bildern, die einem sehr nahe gehen. Von der Romanvorlage sollte man – wie so häufig – jedoch die Erwartungen abkoppeln, in die Geschichte wurde sehr stark eingegriffen, gerade zum Ende hin. Das verwundert mich nicht, schließlich bedient sich Foer sehr komplexer Erzähltechniken, die nicht ohne Weiteres in eine Bildsprache umzusetzen sind – es ist nur verständlich, dass da vereinfacht, gekürzt, ja sogar umgeschrieben werden muss. Wenn man sich damit abfindet, keine 1:1-Umsetzung erwartet (die schlichtweg unmöglich ist) und sich darauf einlässt, dass der Film im Grunde eine andere Geschichte erzählt und vor allem mit anderen Mitteln – dann kann auch er durchaus eine schöne, bereichernde Erfahrung sein.

  3. Fast ist es mir unangenehm, mich hier zu Wort zu melden, denn überall, wo über Foer gesprochen wird, gebe auch ich meinen Senf dazu und wiederhole mantraartig: eines der besten, beeindruckendsten, berührendsten Bücher, die ich jemals gelesen habe! Die Botschaft wird mittlerweile auch beim letzten meiner Leser und Blogkollegen angekommen sein, und trotzdem kann ich nicht anders und muss auch deine Rezension kommentieren: Dieses Buch ist eines der besten, beeindruckendsten und berührendsten, die ich jemals gelesen habe! 😉

    Interessant, dass du mein Gespräch mit juneautumn hier erwähnt hast, damals habe ich mich wohl ein wenig in Rage geredet (fast so, als wollte ich ihn und sein Buch verteidigen), und umso mehr Smileys gesetzt, um nicht aggressiv zu erscheinen. Gute argumentative Strategie :). Spaß beiseite, die Diskussion mit juneautumn war sehr erhellend und ich fand ihren Standpunkt überaus interessant: Ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen, den Roman auf diese Weise zu lesen, umso spannender war es zu sehen, was andere Leser in einen Text hineininterpretieren, wie sie ihn wahrnehmen und was sie dabei empfinden. Darum hat mir das Gespräch wahnsinnig viel Vergnügen bereitet. Freut mich, dass auch du es gerne verfolgt hast.

    Und erst recht freut es mich, dass Foers Buch dich überzeugen konnte – sonst hätte ich dich an dieser Stelle mit Gegenargumenten zugeschüttet :).

    Alles Liebe!

    1. Pfui! Kritische Worte von Mara! 😀 (Man möchte meinen, ich wäre mit Herrn Foer liiert – oder zumindest seine Agentin. So. Genug der albernen Kommentare.)

      1. Oh Caterina, ich musste herzlich schmunzeln über deine lustig-kritischen Bemerkungen. 😉 Ich kenne diese Verteidigungshaltung übrigens auch bei Schriftstellern, die ich sehr schätze.

      2. Liebe Caterina! Du musst dich nicht komisch fühlen, weil du deine Leidenschaft für dieses Buch überall kund gibst. Ich finde das wunderbar. Wozu sonst treffen wir uns hier online sonst, wenn nicht um genau diese unsere Gefühle und Gedanken auszutauschen, die so poetisch geschmiedete Wort in uns auslösen? Das muss einfach raus, das muss gesagt und geschrieben werden – das zeigt deine leidenschaftliche Hingabe zur Literatur und es zeigt, dass ein Autor das geschafft hat, was Autoren wünschen – dich, seine Leserin, so zu erreichen und tief zu berühren mit seiner erdachten Geschichte. Ich gebe dir 100 % Recht bei diesem Buch und das mache ich nicht oft als kritischer Mensch =) Ich vermute jetzt mal ganz euphorisch, dass dieser Roman in 50 Jahren als einer der best geschriebenen der 2000er Jahre bleiben wird. Meiner Meinung nach =) Hier können wir doch endlich mal sagen „So viel Poesie. Überall.“ Wünsch dir einen schönen Abend!

      3. Mara, bei wem zum Beispiel fällst du in dieses Muster? Gibt es da ein oder zwei Namen, die dir immer wieder in den Kopf kommen, die du immer wieder zum Vergleich heranziehst (und sei es auch nur gedanklich), die für dich das Maß aller Dinge sind, um es mal überspitzt zu formulieren? Genau das passiert mir mit Foer nämlich recht häufig, ich bin permanent auf der Suche nach etwas, das mich ähnlich beeindruckt und berührt. Und selten habe ich bisher Derartiges gefunden.

        Recht hast du, liebe Katja. Natürlich geht es uns Literaturliebhabern genau darum: Bücher zu finden, die einen über die Jahre hinweg noch im Gedächtnis bleiben, Bücher, die allein durch den Gedanken, die Erinnerung an sie eine Gänsehaut bei uns auslösen. Und wenn man ein solches Buch gefunden hat, will man es natürlich mit anderen Liebhabern teilen, auf dass jeder in diese Ekstase geraten kann. Foers Everything Is Illuminated ist für mich ein solches Buch, zumindest in dieser Lebensphase (wer weiß, wie ich es in zehn Jahren lesen würde). Im Augenblick würde ich dir also zustimmen: Es ist wohl eines der best geschriebenen Bücher des beginnenden Jahrtausends. Und: „So viel Poesie. Überall.“ Absolut!

        Euch beiden ebenfalls einen schönen Abend.

      4. Auf jeden Fall Jonathan Franzen, den ich schon sehr vergöttere, was dazu führt, dass meine Freundin regelmäßig schon die Augen rollt, wenn ich nur seinen Namen erwähne. Ich glaube für mich gibt es eine Reihe an amerikanischen Autoren (Salter, Roth, Yates, Franzen), die für mich eine Art Fundament, eine Substanz bilden und an denen ich andere Bücher häufig ausrichte: „Ganz nett, aber Roth kann das einfach besser.“ Das war früher noch schlimmer, ist mittlerweile aber etwas besser geworden. 🙂

  4. Natürlich meine kleine Laura – meine Begeisterung für das Buch habe ich dir ja bereits in unserem Jahresrückblicksnachmittag zu Füßen gelegt. Das Buch, das sich durch die kompakte Sonderausgabe super in der Handtasche tragen lässt, liegt hier für dich und wartet auf deinen Besuch =)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s