Urban Knitting

Yarn Bombing Madrid
Bild: Alvaro Leon

Großstädte im kalten, verregneten Winter finde ich fürchterlich: Alles ist grau und trist, wenn überhaupt durchbrochen von aggressiven Werbeflächen, die mich von irgendetwas überzeugen wollen… Da will ich mich am liebsten verkriechen und vor allem: nicht nach draußen. Muss ich dann aber doch raus, was der Alltag ja so mit sich bringt, dann freue ich mich umso mehr, wenn auf meinen alltäglichen Wegen durch die Stadt plötzlich kleine Überraschungen auftauchen: Abgrenzungspoller, die auf einmal eine bunte Strickmütze tragen, Bäume, die sich in kuschelige Strickschals hüllen, Parkbänke, die mit einem neuen Strickkissen versehen zum gemütlichen Verweilen einladen, gestrickte oder gehäkelte Anti-AKW-Botschaften an Straßenlaternen… Dann muss ich automatisch lächeln und freue mich über die überaus angenehmen Hinterlassenschaften kreativer Menschen in meiner Stadt.

Erstmalig kam die Idee des Urban Knitting (oder Guerilla Knitting, Yarn Bombing, Radical Stitching) 2005 in Houston, Texas auf, verbreitete sich fadenweise bis nach Europa und hinterlässt nun überall ihre Spuren in den Straßen und an öffentlichen Orten. Das Tolle dabei: Es tut niemandem weh, es beschädigt nichts, es hinterlässt keine langfristigen Spuren. Urban Knitting verschönert und verbuntert unsere betonierten Städte und zeigt zudem: Jeder kann sich kreativ ausleben und dadurch dazu beitragen, dass die Welt ein bißchen schöner wird. Wir brauchen uns nicht einer werbepsychologisch geschulten, marketingorientierten „Konzernokratie“ unterwerfen um unsere Städte lebendig zu machen. Es gibt viel schlichtere, elegantere, kreativere, individuellere Lösungen.

Die Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin Marion Strunk, die selbst viel mit Wolle arbeitet, auch im öffentlichen Raum, formuliert es so: „Die Guerilla Knitter schrecken vor keiner Verschönerung zurück, setzen bewusst und mit Augenzwinkern Zeichen des wolligen Wohligen als Erfahrung von lustvollem Spaß und Humor. Sie stellen schlichte Fragen: Wie sieht es in Ihrer Stadt aus? Finden Sie Ihren eigenen Wohnort schön? Fühlen Sie sich wohl? Leben Sie gerne in dieser Stadt?
Der Faden wird ein Zeichen für das Verlangen nach Berührung und Berührtsein, für den Wunsch nach Dialogen im offline-Status, nach Analogem, nach einem Gespräch, das sich wie der Lebensfaden an den pragmatischen Lebensfragen zu orientieren scheint: Wie und wofür möchte ich leben?“1WollknäuelFeministische Street Art?

Es steckt also viel mehr hinter dieser Form der Street Art, dem Urbanen Stricken, als nur vermeintlich weibliche Handarbeit auf die Straße zu holen. Natürlich assoziiert man mit Häkeln oder Stricken erstmal das handarbeitende Heimchen, vielleicht die Großmutter, die einem (un-)geliebte Pullover strickte. Aber ich bin sicher, dass es auch strickende Männer gibt. Und ich finde es okay, wenn sich Frauen das Urban Knitting als weibliche Street Art-Form zu nutze machen, wenn sie zeigen wollen: Handarbeiten und Selbstgemachtes sind cool, sind en vogue, sind beachtens- und vielleicht nachahmenswert und sind eben nicht nur abwertend gemeinte Beschäftigung für Frauen, die nichts besseres zu tun haben. Eine ausschließliche Einordnung des Urban Knitting als feministische Street Art oder Frauenkunst finde ich jedoch irreführend und unangebracht. Solche Stempel brauchen wir im 21. Jahrhundert nicht mehr.

Urban Knitting vereint also Gedankenansätze zu Kreativität und individueller Stadteroberung, zu Genderthemen, Dialogvorschlägen und öffentlicher Kommunikation, sowie zu grundlegenden Lebensfragen – und bringt sie auf kuschlig-bunt-wollige Weise in unsere Straßen.

Linktipps:

Ganz empfehlenswerter Artikel von Marion Strunk als PDF

Guerilla Knitting auf Wikipedia

Beitrag über „feministisches“ Stadtstricken auf Arte

Artikel über die Strick-Guerilla in München in der Sueddeutschen

Blog der Rausfrauen mit vielen Bildern

1Marion Strunk: Die Stadt bestricken; Mit Faden und Nadel in der Hand! In: Kunstforum International, Bd. 218, Oktober – November 2012, S. 116-131, hier S. 121.

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9 Gedanken zu “Urban Knitting

    1. Ja, ich war ganz erfreut, gerade diesen Artikel des Kunstforums als pdf im Netz zu finden. Ich hatte das Kunstforum nämlich abonniert und den Artikel von ihr dort gelesen.

      1. Sehr oft ist mein Finger über der Taste, um das Kunstforum zu abonieren. Ich lasse es dann, weil ich einfach keinen Platz für die vielen Hefte habe. In meinem Regal habe ich ein Regalbrett voller Kunstforum, die ich bei Interesse zu einem Thema bei ebay kaufe.
        Wenn ich mal ein ganz großes Haus habe, dann aboniere ich die Kunstforum.

      2. Das ist glaub ich die schlauere, und kostengünstigere Variante: eines der Hefte nur bei Interesse am Thema zu kaufen. Sie sind wie Bücher und sammeln sich hier an… Ich habe es nach zwei Jahren aus Platz- und Kostengründen erstmal wieder abbestellt, auch wenn es schön ist, alle zwei Monate ein nach Druckerfrische duftendes Heft im Briefkasten zu haben 🙂

  1. Schön – wie süß der Baum aussieht . Ich find das ganz toll und schön kuschlig. Wächst der darunter eigentlich weiter? Im Winter hat er es dann warm. Ich stell mir das gerade vor, wie Frauen und Männer mitten in der Stadt am Baum stehen und ihn bestricken. Wie machen die das technisch gesehen? Oder wird zu Hause eine Art Patchworkdecke vorbereitet und die dann in einer Guerilla-Aktion des nächtens nur am Baum zusammengestrickt.

    Übrigens – wo ist Urban Knitting in Berlin? Ich kenne bei mir in der Auguststraße Fahrradständer die eingestrickt wurden, vor Clärchens Ballhaus. Ist dir das in Berln schon aufgefallen?

    1. Ich glaube nicht, dass größere Strickstücke komplett um den Baum herum gestrickt werden, eher denke ich, man nimmt die Maße und bereitet zuhause vor, näht dann vor Ort zusammen, oder so 🙂 Und klar kann der Baum weiterwachsen, warum nicht?
      In Berlin hab ich Fotos von Urban Knitting aus Kreuzberg gesehen, selbst begegnet ist mir mal eine bestrickte Bank in Prenzlauer Berg, ich weiß aber nicht mehr, wo genau. Wenn man drauf achtet, entdeckt man bestimmt viel mehr, sofern die Strickstücke nicht vorher entfernt werden…

  2. Vielen Dank für deinen gut geschriebenen Artikel. Besonders der feministische Aspekt des Urban Knitting und der Humor beschäftigen uns und einige Werke sind tatsächlich zu Kunstwerken geworden. Fluaschige Grüße von der Katernberger Strickguerilla

    1. Danke für das Lob, werte Kratzbürste! Das einige Werke zu Kunstwerken aufsteigen kann ich mir vorstellen, zumal ja oft ein hohes Maß an Kreativität und Humor (zB in Bezug auf den Ort oder den bestrickten Gegenstand) zugrundeliegen.
      Magst du vielleicht was zu Katjas Frage im Kommentar über deinem sagen: Ihr strickt nicht alles vor Ort direkt, oder? Filzwollige Grüße aus Berlin von Laura

  3. Nicht von ungefähr denke ich gerade an Ariadne. Wen wundert’s. 😉 Ich selber habe vor kurzem eine bestrickte Regenrinne in einer kleineren Stadt entdeckt und mich riesig gefreut, dass Urban Knitting abseits der großen Städte zu finden ist. Und natürlich ein Foto gemacht. 🙂

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