Juli Zeh: „Spieltrieb“, Roman (2004)

Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht – erst recht.

Nach dem Auslesen dieses Romans brauchte ich erstmal eine Weile, um ihn zu verarbeiten. Erschüttert halte ich dieses Werk der deutschen Autorin in Händen, weil es eine Sprache voller Zündstoff enthält, Charaktere, die einen in die Gedanken verfolgen und eine Geschichte, die ahnen lässt, zu was Menschen fähig sind, wenn sie keine moralischen Werte mehr für sich definieren und dazu noch überaus intelligent sind.

Da ist Ada, das trotzige 15-jährige Problemkind, dem alles gleich-gültig ist. Sie trifft auf dem Internat und der Privatschule „Ernst-Bloch“ bei Bonn ausgerechnet auf Alev, den attraktiven, charismatischen Halb-Ägypter, dem nach Minuten nicht nur die weibliche Schulbelegschaft zu Füßen liegt. Und dann ist da noch Smutek, der Sport – und Deutschlehrer aus Polen, der von den beiden in ihrem Spiel erpresst wird.
Ada und Alev negieren am Ende jegliche Moral und hebeln sogar gewissermaßen das Rechtssystem aus. Dies passiert jedoch nicht bombastisch und mit entsicherten Waffen im Anschlag – sondern heimlich, still und schleichend inmitten der alltäglichen Schulabläufe. Und man selbst sitzt als Leser letztlich da und überlegt, ob man das was man normalerweise als Pädophilie, Missbrauch Schutzbefohlener, Erpressung und Verführung ansehen würde, wirklich plötzlich nicht mehr so schlimm findet. Zumindest in diesem speziellen Fall. Auch ich bin ein Opfer des Spieltriebs von Juli Zehs Romanfiguren geworden. Genauso wie die Richterin, die „kalte Sophie“, die in der Rahmenhandlung über Ada, Smutek und Alev richten soll. Doch von Anfang an.

Die Privatschule Ernst-Bloch, die überwiegend der Ort des Geschehens ist, gilt als allerletzte Chance für schwierige Jugendliche, deren Eltern genug Geld haben, sie hier doch noch zu einem Abschluss zu bringen. Ada wurde von ihrer letzten Schule geschmissen, weil sie einen Mitschüler mithilfe eines Schlagrings verprügelt hatte. Die blonde Rotzgöre ist aber durchaus jemand, der sich auch verbal zu wehren weiß, sie hat in allen Fächern Bestnoten, geht gerne und viel Laufen und hebt sich insofern von den anderen Mädchen, den Prinzessinnen, ab, indem sie sich nicht im Geringsten für ihr Äußeres interessiert. Außerdem hört sie am liebsten Musik von Evanescence und raucht, währenddessen sie „unter gesenkten Lidern auf die papierfressende Glut“ schielt. Dieses Mädchen, das „auf alles scheißt“, trifft auf den Neuen Alev – und verfällt ihm genau wie alle anderen.

Vielleicht kannte er eine Welt, in der man intelligente Sätze im Mund wie Rauchringe formt, sie behutsam ausstößt und gemeinsam zusieht, wie sie um sich selbst wirbelnd zergehen. Eine solche Welt hatte Ada sich immer gewünscht.

Aber anders als die gelockten Prinzessinnen in ihrer Klasse kann sie seinem Intellekt das Wasser reichen – und die beiden „Urenkel der Nihilisten“ beginnen ihren Spieltrieb auszuleben.
Ihr Opfer ist vor allem Smutek. Der attraktive sportliche Lehrer leidet unter anderem an der Depression seines „Schneewittchens“, seiner ebenfalls aus Polen stammenden, bildhübschen Frau mit den langen schwarzen Haaren.

Schläfrigkeit ist ein Geruch, nach dem eigenen Scheitel, ganz leicht nach Hausstaub und erhitzten Glühbirnen, nach Dunkelheit, Buchseiten und Raufasertapete. (…) Der Schlaf hingegen ist eine Farbe, schwarzrandig, aber nicht schwarz, in die wir hinter geschlossenen Lidern starren, nachdem die Augen umgekippt sind, um den Kopf von innen zu betrachten.

Er beginnt sich für Ada zu interessieren, rein fachlich, als er sie über die Aschebahn laufen sieht und erkennt, wie schnell sie ist. Am Ende schläft er – mehr oder weniger gezwungenermaßen – wöchentlich mit ihr in der Turnhalle, während Alev alles mit einer Kamera festhält – als Mittel der Erpressung.

Soviel zum Inhalt. Natürlich passiert auf den 566 Seiten noch wesentlich mehr – und das in einer sprachlichen Wucht, die mich noch immer ein bißchen hilflos macht. Juli Zehs zweiter Roman ist nicht der erste, den ich von ihr lese. Im Gegensatz zu „Adler und Engel“ oder „Corpus Delicti“ bin ich diesmal aber so richtig beeindruckt. Selbst wenn die Geschichte auch ihre Schwächen hat – wie bspw. das in Kitsch abdriftende Ende – das Buch lohnt sich allein für die Sprache Juli Zehs gelesen zu werden.
„Spieltrieb“ ist eine Intelligenzbestie, die sich zur Aufgabe macht, alles zu negieren oder wenigstens in Frage zu stellen. Vielleicht ist es nur die Liebe, die unberührbar über allem hängt (und darin wäre der Roman inkonsequent):

Was soll ich mit dem Wind, wenn ich kein Segelboot habe? Was mit der Sonne, wenn ich keine Solarzelle bin? Ich sehe nach oben: nichts als Sterne, Urknallschutt, ein Großteil schon lange tot, übrig gebliebenes Licht auf einer sinnlosen Reise durch den sinnlosen Raum. Und neben mir, zum Beispiel: du. Manchmal, wenn ich dich ansehe, wundere ich mich von Herzen darüber, dass du nicht nur eine Erinnerung bist. Du kannst doch nicht wirklich eine Gegenwart besitzen, du kannst doch nicht wirklich – immer noch hier sein?

Eigentlich geht es aber nicht nur um (verbotene) Liebe, Promiskuität, Gleichgültigkeit, Aufwachsen, Scheidungskind sein, Schulalltag, Raucherecken und Aschebahnen. Im Mittelpunkt des Romans steht zweifellos der Spieltrieb, anhand dessen Ada und Alev ihre ganz eigenen Lektionen lernen:

Ich breche keine Lanze für die Anarchie. Ich schildere ihnen nur die spezielle Müdigkeit, die jeden befällt, der sich anhören muss, was gut und böse, richtig und falsch sei, obwohl niemand mehr die Grundlagen dieser Unterscheidung zu erklären oder auch nur zu benennen vermag. Moral dient der Herbeiführung von Berechenbarkeit. Der Mensch ist, ich wiederhole es noch einmal, am berechenbarsten, wenn er pragmatisch handelt. Wenn er spielt.

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