Der philosophische Mittwoch: David Hume und die natürliche Religion

Früher war es ein höchst beliebter theologischer Gemeinplatz zu behaupten, das menschliche Leben sei Eitelkeit und Elend, sowie all die Übel und Schmerzen, denen der Mensch ausgesetzt ist, in den Vordergrund zu rücken. Doch seit einigen Jahren sehen wir, wie die Geistlichkeit sich langsam von dieser Position zurückzieht und, freilich noch mit einigem Zögern, behauptet, selbst in diesem Leben gebe es mehr Gutes als Übel, mehr Freude als Schmerz. Solange die Religion vollkommen auf Gemüt und Erziehung aufbaute, hielt man es für richtig, eine melancholische Stimmung zu fördern. Denn in keiner anderen Verfassung nehmen die Menschen so bereitwillig zu höheren Mächten Zuflucht wie in dieser. Doch seitdem die Menschen gelernt haben, Grundsätze aufzustellen und Folgerungen zu ziehen, ist es unumgänglich, eine andere Taktik einzuschlagen und sich solcher Argumente zu bedienen, die zumindest in einem gewissen Maße der Kontrolle und Überprüfung standhalten (…)

David Hume: „Dialoge über natürliche Religion“, Reclam Stuttgart, 2007, S. 121 (Teil 11)

Advertisements

5 Gedanken zu “Der philosophische Mittwoch: David Hume und die natürliche Religion

  1. Ein weiser Manm, der Herr Hume. Wobei es neben Leid und Übel auch die Angst ist, die genre gefördert wird. Sei es von der Kirche oder von Politikern oder – noch schlimmer – Journalisten. Ohne „Teufel“, mit dem immer schön abstrakt zu drohen ist, wäre der ganze Kirchenzinnober vermutlich schon viele Jahrhunderte zuvor verpufft. Wirtschaftlich orietinerte US-Politiker holten bei Bedarf immer den Islamisten des Moments aus dem Schrank – erst Hussein (auch wenn der kein Islamist war), dann Bin Laden. Vorher mussten „die Russen“ für irgendeinen Quark herhalten. Funktioniert bis heute, Herr Sarrazin hat sich ein goldenes Näslein verdient mit der Förderung von Angst.
    Alles eine Frage des Standpunktes, der Sichtrichtung.
    So in etwa: http://wp.me/p2BujB-qk

    LG,

    EAL/David

  2. Interessantes Zitat, das du da rausgesucht hast! Man könnte daraus beinahe schließen, die Menschen würden schlauer und lassen sich weniger vormachen 😉 Was für ein Glück, dass die Geistlichkeit nicht mehr nur melancholische Stimmung und Angst schüren kann, um den Menschen zu vermitteln, alles bestehe nur aus Übel. Es wäre zuviel gesagt, das nähme ihnen keiner mehr ab – es gibt ja nach wie vor genug Menschen, die sich von religiös-fundamentalistischen Strömungen mitreißen und indoktrinieren lassen. Oder – in die andere Richtung, wie David schreibt, von der Politik (oder dem Journalismus) geschürter Angst und Panikmache verfallen.
    Man kann also nur hoffen, dass es immer auch Menschen gibt, die ihren eigenen Verstand nutzen und Phrasen / Aussagen nicht einfach wiederholen, sondern hinterfragen und ggf. kontrollieren.

  3. @achtellorbeerblatt: In der Tat, Hume weckt einen wirklich aus dem Schlaf der Einfältigkeit. Zumal auch manche Gedanken derart banal klingen, aber im Grunde genommen äußerst genial sind. Und Angst ist natürlich ein wichtiger Punkt. Um das mal soziologisch zu interpretieren: Es besteht ein wesentlicher Unterschied darin, ob man in die Welt getragen oder in sie hineingeworfen worden ist – ich also ein Bestand-teil der Welt bin oder eher ein Fremdkörper, verlassen im Irgendwo.

    @Laura: Wenn alle Leute das Buch lesen, hätten wir praktisch den besseren Platonischen Philosophen, aber (leider?) geht das nicht so einfach.
    Allerdings stimme ich dir nicht ganz bei dem Punkt über Politik und Journalismus zu. Man muss hier schon differenzieren, zwischen diesen und jenen Politikern oder willst du mir wirklich verständlich machen, dass die Politiker auf kommunaler Ebene ebenso die Angst beschwören wie diejenigen auf Landes- und Bundesebene?

    „Hoffen“ ist immer gut; nicht erst seit Ernst Bloch 😉 In diesem Sinne: Hoffen, dass der Verstand auch funktioniert. 😀

    1. Werter Krushak, nein, natürlich sind es meist eher die Politiker auf Landes-oder Bundesebene, die unter Umständen Angst schüren oder Panikmache betreiben, worauf im Bezug auf die USA ja auch David hinwies. Vielleicht ist es bei Journalisten sogar ähnlich, dass ein Regionalblattjournalist weniger gravierend Angst schürt, als ein ggf. auch im Ausland gelesenes Magazin oder eine große Zeitung… Was die Bildung von Vorurteilen angeht, gibt es da vermutlich weniger Unterschiede. Aber du hast schon recht, ich will ungern Verallgemeinerungen vom Stapel lassen und es ist letztlich ja auch nicht alles schlecht, was Politiker und Journalisten machen – das klingt hier grad ein wenig so 😉 LG Laura

  4. David Hume ist der Denker, der Immanuel Kant u.a. zu seiner „Kritik der reinen Vernunft“ inspiriert und bekräftigt hat. Er war seiner Zeit weit voraus. Für Infos möchte ich euch diesen Wikipedia-Artikel empfehlen: http://de.wikipedia.org/wiki/David_Hume oder diese englische Website: http://www.davidhume.org/ Auch seine „Untersuchungen über den menschlichen Verstand“ sind großartig und so „modern“. Hume war ein Skeptiker und hat sich nichts vormachen lassen, aber er hat auch gemerkt, dass man als Skeptiker nicht lebensfähig ist und bestimmte Dinge einfach „glauben“ d.h. für-wahr-halten muss, um täglich aufzustehen und den Tag zu bestreiten, er verfiel zwischenzeitlich fast dem depressiven Wahnsinn deswegen …
    Um das Zitat richtig einzuordnen muss man den „Dialog über natürliche Religon“ kennen, der ein großes Vergnügen beim Lesen bedeutet. Hume hat sich damit viel gewagt – er war ja im Staatsdienst und kritiierte einen strengen katholischen Glauben und institutionelle Vorgänge in der englischen Kirche, die er sich so nicht hätte erlauben können. Daher dieser Kunstkniff der Dialog-Form – keiner kann Hume somit vorwerfen, er persönlich würde Kritik üben, nein, es sind ja die drei philosophischen Freunde Demea, Philo und Cleanthes. Ich würde auch sagen, man könnte keinem der drei direkt Humes konkretes Denken unterstellen – er spielt hier mit verschiedensten damals üblichen und vertretenen Positionen, die er geschickt gegeneinander ausspielt und damit die Schwächen der jeweiligen Position herrlich veranschaulicht. Im Zitat meint Hume mit „früher“ die englische Kirche und den englischen Deismus des 17. Jhds. … Ich möchte jedem, der sich für Religion interessiert und vor allem für das Wesen des Glaubens, empfehlen, diesen Dialog zu lesen und er wird inspiriert werden, nochmal ganz anders darüber zu denken. Übrigens wurden die „Dialoge“ zu Humes Lebzeiten nie veröffentlicht, sondern nach seinem Tode – seine Freunde rieten ihm davon ab – wenn man sie liest und sich in die gesellschaftlich-politischen Bedingungen dieser Zeit versetzt, weiß man, warum …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s