Thomas Bernhard: „Alte Meister“, Komödie (1985)

Der denkende Mensch ist von Natur aus ein unglücklicher Mensch, sagte er gestern.

Reger sitzt im Kunsthistorischen Museum in Wien gegenüber des „Weißbärtigen Mannes“ von Tintoretto und wettert gegen alles. Fast alles. Kaum etwas oder jemand kommt gut dabei weg: die Kunst, die Kunsthistoriker („die eigentlichen Kunstvernichter“), die Museen, die Musik, die Literatur, speziell Adalbert Stifter, die Philosophie, insbesondere Heidegger („diesen lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer“), der Staat Österreich, die Aborte in Wien.  Gelten lässt er nur wenige: Goya, zum Beispiel, von dem das Kunsthistorische Museum in Wien ja leider kein Gemälde besitzt. Um Reger herum gibt es zwei weitere Männer: Atzbacher, der von seinem Freund Reger in Museum bestellt diesen beim Beobachten des Bildes von Tintoretto beobachtet und der Erzähler in „Alte Meister“ ist und Irrsigler, Aufsichtspersonal und ein „Staatstoter, der seit fünfunddreißig Jahren im Kunsthistorischen Museum Dienst macht“. Reger ist jeden zweiten Tag im Kunsthistorischen Museum und sitzt im Bordone-Saal. Diesmal hat er seinen Freund Atzbacher an einem Samstag ins Museum beordert, ganz und gar unüblich, denn samstags sind doch immer die schrecklichen Führungsgruppen da…

In „Alte Meister“ geht es weniger um die Handlung (denn abgesehen von ein paar unspektakulären Rückblenden in die Vergangenheit passiert nicht viel), als mehr um die Sprache. Die Sätze reihen sich in ewigen Wiederholungen aneinander und ziehen sich über mehr als 300 Seiten hinweg, ohne einen einzigen Absatz. Es gibt schon einzelne Sätze, durch Satzzeichen getrennt, die Schimptirade erscheint einem aber wie ein einziger, nicht enden wollender Satz des 82jährigen Regers.

Inhaltlich erfährt man vor allem von den meist vorurteilsbelasteten, meiner Meinung nach unreflektierten Abneigungen und sporadischen Vorlieben eines alten Mannes, der nichts mehr hat im Leben als die Kunst, die Musik und seine Wut auf alles. Zwischendurch entdeckt man aber immer auch interessante, beinah philosophische Gedanken – welche für mich der einzige Grund waren, weiter zu lesen:

Es ist doch besser, wir lesen alles in allem nur drei Seiten eines Vierhundertseitenbuches tausendmal gründlicher als der normale Leser, der alles, aber nicht eine einzige Seite gründlich liest, sagte er. Es ist besser, zwölf Zeilen eines Buches mit höchster Intensität zu lesen und also zur Gänze zu durchdringen, wie gesagt werden kann, als wir lesen das ganze Buch wie der normale Leser, der am Ende das von ihm gelesene Buch genausowenig kennt, wie ein Flugreisender die Landschaft, die er überfliegt. (…) Ich betrete ein Buch und lasse mich darauf nieder, mit Haut und Haaren (…). Der lesende Mensch ist wie der fleischfressende auf die widerwärtigste Weise gefräßig und verdirbt sich wie der fleischfressende den Magen und die gesamte Gesundheit, den Kopf und die ganze geistige Existenz.

Der Schlüssel zum Verständnis dieser „Komödie“ liegt vermutlich darin, zu verstehen, warum Reger so geworden ist. Warum er mit seinen 82 Jahren immer noch auf der Bank im Bordone-Saal im Kunsthistorischen Museum sitzt und gegen alles Dampf ablässt. Warum er den Staat Österreich so hasst.

Erst fand ich „Alte Meister“ interessant. Dann war ich genervt und fand es schrecklich. Und am Ende klappte ich das Buch zu – und lächelte.

Advertisements

12 Gedanken zu “Thomas Bernhard: „Alte Meister“, Komödie (1985)

  1. Ein wirklich schönes und treffendes Zitat.
    Vor einiger Zeit habe ich in der Buchhandlung Nicolas Mahlers Graphic-Novel-Umsetzung von „Alte Meister“ entdeckt. Auch schön.

  2. Ich muss zugeben, dass ich ein großer Fan von Thomas Bernhard bin, allerdings in Maßen. Ich habe meine Bachelorarbeit über „Holzfällen“ geschrieben. Man fragt sich immer, warum man das jetzt eigentlich liest, aber man kann auch nicht aufhören und ja, am Ende muss man lächeln. „Alte Meister“ habe ich leider noch nich gelesen, aber ich glaube ich habe es zuhause. Ich sollte auf jeden Fall dringend mal wieder etwas von ihm lesen!
    Danke für den Anreiz

    1. Freut mich, dass ich dir den Anreiz geben konnte und schön, dass du (dadurch?) auf unseren Blog gefunden hast! Da ging es uns wohl ähnlich, mit dem Genervtsein und dann Lächeln-müssen 🙂 Empfiehlst du „Holzfällen“ oder findest du ein anderes Werk von ihm noch besser? LG laura

      1. oh das ist eine schwierige Frage, weil ich irgendwie doch ein großer Bernhard-Fan bin. Also Holzfällen, kann ich definitiv empfehlen aber auch „verstörung“ hat mich total fasziniert. Seine Romane folgen eben oft dem gleichen Schema und entweder man mag das oder nicht.
        Auf euren Blog hatte ich schon eher gefunden und er gefällt mir auch sehr gut, leider komme ich oft nicht dazu alles zu lesen und zu kommentieren, was mich interessiert.

      2. Ich hab sogar gerade festgestellt, dass ich „Alte Meister“ habe. Ich habe diesen Sammelband mit den Romanen. Da werde ich wohl zeitnah mal weiterlesen

  3. Nein, nein: „Alte Meister“ ist hervorragend, eine Lesespaß, um es mal in einfachen Worten zu schreiben, und mehr als das. Tief philosophisch, witzig sowie überspitzt-polemisch, was sich (unter anderem) an der genialen Heidegger-Beschimpfung zeigt. Und in all diesem Zwiespalt zutiefst melancholisch. Denn was nützt alle Kunst, wenn dieser eine Mensch fehlt und nicht mehr da ist? Und es ist sogar, trotz der Schwere des Sujets ein heiterer Bernhard, anders als seine Texte aus der frühen oder mittleren Periode. Bernhards ewiges Thema: der gescheiterte Geistesmensch.

    Dem Untertitel „Komödie“ muß man vielleicht ein Zitat von Beckett hinzufügen: „Nichts ist komischer als das Unglück.“ (Das ist, meine ich, aus dem „Endspiel“)

    Die Prosa selbst gleitet in „Alte Meister“ – und nicht nur dort – wie Musik, was ja eines dieser Thomas-Bernhard-Phänomene ist: man lese die Erzählung „Gehen“. Der Auftakt ist furios – ein mimetisch-musikalischer Textrhythmus. Was also als Wiederholung, als Reprise, als Repitation auftritt, das folgt einem bestimmten Muster, das sowohl die Monotonie einer Welt als auch einen bestimmten Sprachrhythmus ausdrückt, der sich teils zum Furor steigert. Dieses Musikalische entdeckt man insbesondere dann gut, wenn man einer Bernhard-Lesung zuhört. Ich kann mit Hörbüchern nicht viel anfangen, aber hier empfehle ich insbesondere jenes Hörbuch, wo der lieder kürzlich verstorbene Schauspieler Peter Fitz „Beton“ liest.

    Natürlich: es ist der Blick eines alten Mannes, eben kein auktoriales Erzählen, sondern eine besondere Weise des Bewußteinsstroms, der in seiner monologisch-monadologischen Verschlossenheit auch gar nicht breit aufgefächert und perspektiviert auf anderes hin sein kann.

    Ich kann die Theaterstücke und die Prosa Bernhards nur wärmstens ans Herz legen.

    @ Karo
    Da kann ich nur zustimmen! Es gibt bei Berhard und Kreisler kein Dazwischen. Entweder man geht gerne Tauben vergiften im Park oder schaut, wie der Zirkus in Flammen stand, oder man zuckt die Schultern. Dazwischen gibt es nichts. Oder nur wenig.

    1. Hallo Bersarin, toll, dass du als Bernhard-Kenner auf meinen Artikel gestoßen bist und noch mal ganz neue Aspekte anbringst. Ich muss zugeben, es war meine erste Bernhard-Lektüre. Vielleicht muss man sich erst gewöhnen.
      Was du über die monologisierende Sprache, den Bewusstseinsstrom schreibst, kann ich nachvollziehen. Regers Sätze gleichen tatsächlich der einem selbstreflektierenden, vor sich hin gesagten Monolog, durch Atzbacher dem Leser dargebracht. Je mehr ich darüber im Nachhinein nachdenke, umso lesenswerter finde ich es. Allerdings, davon komme ich nicht weg, ist gerade das repetitive, gebetsmühlenartige Brabbeln mühsam zu lesen. Vielleicht ist es anders, wenn man es vorgelesen bekommt. Oder erst recht ermüdend. Sicher spiegelt diese Sprache auch ein Stück weit den Geisteszustand des alten Regers wider, verweist mitunter auf die Monotonie seiner Welt. Und doch: ich fand es streckenweise anstrengend.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s