Der philosophische Mittwoch: Gadamer meets Bellmer – Die Aktualität des Schönen

Was veranlaßte die Philosophie, sich auf das Schönste zu besinnen? Angesichts der rationalistischen Gesamtorientierung an der mathematischen Gesetzmäßigkeit der Natur und ihrer Bedeutung für die Meisterung der Naturkräfte scheint die Erfahrung des Schönen und der Kunst ein Bereich der äußersten subjektiven Beliebigkeit. Das war der große Aufbruch des 17. Jahrhunderts. Was kann das Phänomen des Schönen hier überhaupt beanspruchen? Die antike Erinnerung vermag uns immerhin klarzumachen, daß im Schönen und in der Kunst eine über alles Begreifliche hinausgehende Bedeutsamkeit begegnet. Wie wird ihre Wahrheit erfaßt? Alexander Baumgarten, der Begründer der philosophischen Ästhetik, sprach von einer cognitio sensitiva, einer sinnlichen Erkenntnis. „Sinnliche Erkenntnis“ ist für die große Tradition von Erkenntnis, die wir seit den Griechen pflegen, zunächst ein Paradox. Erkenntnis ist etwas immer erst, wenn es die subjektive sinnliche Bedingtheit hinter sich gelassen hat un die Vernunft, das Allgemeine und das Gesetzhafte in den Dingen begreift. (…)

Hans-Georg Gadamer: Die Aktualität des Schönen. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2006 (Erstauflage 1977) S. 20-21.

Hans Bellmer_La Poupée

Hans Bellmer: La Poupée, 1936-38 Fotografie, Originalabzug, VG Bild-Kunst Bonn 2011

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2 Gedanken zu “Der philosophische Mittwoch: Gadamer meets Bellmer – Die Aktualität des Schönen

  1. Ich muß gestehen, daß ich mich bei Gadamer vielfach schütteln muß: insbesondere dieser hohe Ton einer (unkritischen) Kunstmetaphysik, die fast ins Sakrale gleitet, mißfällt. Denn diese Sicht verfehlt die Kunst (der Moderne). Solche ästhetische Theorie dient der Überhöhung dessen, was ist. Lehrreich scheinen mir Gadamers Texte lediglich da, wo es in die Philosophiegeschichte geht.

    Ganz anders Hans Bellmer: ein großartiger Photograph, der surreal inszeniert und den leblosen Körper ins Bild bringt: starr, kalt, kühl, analytisch. Das Problem, das ich mit Gadamer habe, besteht darin, daß er für die Kunst der Moderne wenig aufgeschlossen ist. Nicht anders als Heidegger, der im Grunde bei van Goghs Bauernschuhen stehengeblieben ist – etwas grob gesagt. Aus dem Schönen wurde jeglicher Bruch getilgt. Aber zu einem emphatisch verstandenen Schönen gehört eben der Riß, der Bruch, das Fragment. Für eine Ästhetik der Moderne ist der Begriff des Schönen kaum noch geeignet.

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    Gespannt bin ich natürlich – heute – auf den Sonntag mit Proust, den ich sehr schätze. Ich vergaß, ihn in jener Liste der besten Bücher zu nennen.

  2. Genau aus diesem Grund habe ich das Gadamer-Zitat der Hans-Bellmer-Fotografie gegenüber gestellt. Um das Nachdenken über diesen Bruch anzuregen und aufzuzeigen, ohne schon alles vorwegzunehmen, indem ich das Zitat deute.
    Ich sehe es auch so, dass der Ästhetik-Begriff des 18. u. 19. Jahrhunderts natürlich nicht mehr dem entspricht, was Kunst im 20. Jahrhundert ausmacht – Ästhetische Überhöhung ist auch immer gefährlich, finde ich. Mich interessiet die alte kantische Frage, wann ist ein x schön jedoch vor allem in Bezug auf einen modernen Kunstbegriff, wo nicht mehr nur der reine Bildinhalt und dessen kunstvolle Gestaltetheit betrachtet wird, sondern die Aussage des Bildes und die Meta-Aussage der Idee des Bildes – wer definiert denn heute, was schön ist und was hässlich ist, wo wir schon lange auch eine Ästhetik des „Hässlichen“ haben und über das reine Erhabene und die idealistische Bildidee hinaus sind? Kunst hat gesellschaftliche Relevanz und politischen Anspruch. Gibt es heute überhaupt noch reine Ästheten im Schillerschen Sinne, auf den sich auch Gadamer bezieht, oder haben wir deren Nutzen überwunden? Kann Ästhetik den Menschen zu einem im moralischen Sinne guten Menschen erziehen? Das sind alles sehr idealistische Kategorien, die heute nach den Erfahrungen des 20. Jhds. und der Vereinnahmung der Kunst durch diverse politische Unrechtssysteme eher reaktionär wirken, aber nichtsdestoweniger interessant, wie ich finde …

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