@bout… Karo – Die Literaturwissenschaftlerin on air

In unserer Blog-Interviewreihe möchten wir euch diesmal Karo und ihren Blog Deepread vorstellen. Wir entdeckten sie in den Weiten des Internets, da sie auf unserer Über-Uns-Seite kommentierte und damit ein Zeichen hinterließ. Karo lebt im Ruhrgebiet und stellt, zum Teil bedingt durch ihren Job beim Radio, viele Neuerscheinungen und Bestseller vor. Ihre Artikel illustriert sie mit zum Buch passenden, selbst inszenierten und kreativen Fotos. Ihre Interessen sind noch vielfältiger und wir freuen uns sehr, dass sie unsere neugierigen Fragen so ausführlich beantwortet hat …

Karo –  Die Literaturwissenschaftlerin on air

deep read

Warum bloggst du und worum geht es in deinem Blog?

Ich würde sagen, bei mir auf der Seite gibt’s Buchkritiken to go – also kurz, knackig, für auf die Hand und Zwischendurch. Ehrlich gesagt hatte ich mit der Blogosphäre bis vor einem halben Jahr nix am Hut. Das hat mich irgendwann genervt. Weil ich freie Journalistin bin, finde ich es schon wichtig, Teil der digitalen Gesellschaft zu sein, über die man selbst so viel berichtet, statt nur vom Spielfeldrand aus zu beobachten. Ich wusste auch sofort, dass ich über Bücher schreiben möchte, weil ich sowieso schon fürs junge Radio des Westdeutschen Rundfunks die „Bücher-Uschi“ mache. Ich stelle also literarische Neuerscheinungen beim Hörfunk vor. Dabei kriege ich so viel Lesestoff zwischen die Finger, dass ich gar nicht alles on air loswerden kann, was mir so unter den Nägeln oder auf der Zunge brennt. Außerdem ist Schreiben für mich, die ich aus der Literaturwissenschaft komme, sowieso das Allerschönste. Ein bisschen wie nach Hause kommen. In meinem Blog bin ich meine eigene Chefredakteurin und kann mich mit meiner persönlichen Meinung austoben wie aufm Bolzplatz. Das gefällt mir.

Welche Art und welches Genre der Literatur bevorzugst du?

Das klingt vielleicht doof, aber diese Frage stellt sich mir nicht mehr, seit ich Bücher beruflich rezensiere. Was ich als ein sehr, sehr großes Privileg empfinde. Aus Zeitgründen komme ich deshalb aber leider fast nur noch dazu, Neuerscheinungen zu lesen. Vor allem Mainstream, Bestseller, Trendthemen, aber auch Popliteratur, Nachwuchsautoren, Subkulturelles, Underground, Comics. Da verliert man den Draht zu den tatsächlichen Vorlieben. Ich glaube mich aber daran zu erinnern, dass mein Herz auch für die großen Klassiker der Weltliteratur schlägt, vor allem aus dem 18.-19. Jahrhundert – ich komme aber einfach nicht mehr dazu, auf diesem Gebiet meinen Horizont zu erweitern. Deshalb schätze ich andere Blogs, die dies tun.

Was ist für dich ein gutes Buch?

Ein gutes Buch funktioniert wie der Star Trek-Teleporter: Es beamt mich in eine andere Welt. Das gelingt bei mir vor allem durch eine atmosphärisch dichte Sprache. Ich habe da ziemlich hohe Ansprüche an die Fähigkeiten des Autors. Ich will nämlich beeindruckt werden. Das schlimmste K.O.-Kriterium ist deshalb für mich, wenn ich beim Lesen denke: Das hätte ich auch irgendwie schreiben können (egal, ob das der Wahrheit entspricht oder nicht). Deshalb schätze ich auch gut recherchierte Geschichten und Schauplätze. Einem guten Roman merkt man das Herzblut und den Schweiß an, den es den Autor gekostet hat, sich in das Thema einzugraben.

Welche Autoren/Künstler haben dich besonders beeinflusst?

Ich habe mal Siri Hustvedt zum Interview für die Zeitschrift „Bücher“ getroffen. Wir hatten eine halbe Stunde Zeit eingeplant. Am Ende blieb ich zwei Stunden und hatte eines der nettesten Gespräche meines Lebens über das Kräfteverhältnis zwischen Intelligenz und Schönheit, Männern und Frauen (und das lange bevor es so was wie eine Sexismus-Debatte gab). Eine tolle, charismatische Frau. Aber wirklich beeinflusst hat mich kein Autor, eher beeindruckt.

Was möchtest du mit deinem Blog erreichen?

Die Weltherrschaft. Nein, eher das Gegenteil: Ich blogge vor allem für mich selbst, als Fingerübung, bzw. ich bastel mir einen Bücher-Blog im Pippi-Langstrumpf-Style, also so wie er mir am besten gefällt. Wenn ich aber ein Ziel verfolge, dann vielleicht Vorurteile abzubauen!? Menschen, die Bücher lesen, sind keine weltfremden Nerds. Ich interessiere mich auch für Fashion, Lifestyle, Popkultur. Das wollte ich auch in meinem Blog zum Ausdruck bringen. Das ist ja auch ein sehr visuelles Medium. Dieses Element vermisse ich bei anderen Bücher-Blogs manchmal. Deshalb stellen die Fotos auf deep read sicherlich ein besonderes Feature dar, mit denen ich die Bücher (und häufig mich) in Szene setze. Das soll im besten Fall die Neugier auf die Inhalte wecken und macht das Ganze sehr viel persönlicher. Ich mag Blogs, bei denen ich den Mensch hinter den Texten sehen kann. Warum sonst, sollte ich mich für die Meinung eines Fremden interessieren? Bis jetzt habe ich dazu von Besuchern auf meiner Seite zum Glück auch nur positive Rückmeldungen bekommen.

Die 5

Nenne ein Buch, das dich zum Lachen bringt!

Joachim Lottmann „Der Geldkomplex“. Einer der meist unterschätzen lustigen Zyniker der Popliteratur. Wäre Joachim Lottmann eine Band, dann Deichkind: Irgendwo zwischen hochintelligent und prollig.

Nenne ein Buch, das dich zum Weinen bringt!

Ich heule schnell. Das erste Buch, das mich als Kind zum Weinen gebracht hat, war „Mio, mein Mio“ von Astrid Lindgren. Da wusste ich nicht, dass die Geschichte am Ende gut ausgeht. Ich fühlte mich im Anschluss irgendwie um meine Tränen betrogen.

Nenne ein Buch, bei dem für dich die Zeit still steht!

„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera. Eines der wenigen Bücher, das ich mehrmals gelesen habe. Das Faszinierende ist, dass es zwar stark mit den historischen Ereignissen des Prager Frühlings verwoben ist, aber dennoch völlig zeitlos bzw. modern wirkt. Denn dieser Roman steckt so voller existentialistisch-philosophischer Gedanken, melancholisch-poetischer Wahrheiten über die Liebe, das Leben, die Menschen, dass es einem im Herzen weh tut.

Nenne ein Buch, das dich enttäuscht hat!

Da fällt mir spontan „Tintenherz“  von Cornelia Funke ein. Es gibt doch nichts schlimmeres, als wenn man genau weiß: Den Figuren passiert eh nichts, die sterben sowieso nicht. Deshalb war Harry Potter so genial. Auf Taten müssen Konsequenzen folgen. Bösewichte müssen gefährlich sein, damit man sie fürchtet. Auch (oder gerade) ein Kinderbuch darf den Tod nicht verschweigen.

Nenne ein Buch, das dein Leben verändert hat!

Die Bibel. Äh, nein. Auf so ein Buch warte ich offen gestanden noch. Ich habe vor Jahren in Wien eine Inszenierung von Fjodor Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ im Akademie Theater gesehen. Ich war tagelang geflasht und kriege noch heute Gänsehaut, wenn ich daran denke. Tatsächlich berühren mich – vermutlich aus persönlichen Gründen –  Geschichten, in denen es um die Verwebung von Abendland, Religion und Glaubenskrise geht, also „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow, „Das letzte Testament der Heiligen Schrift“ von James Frey oder Goethes „Faust“. Aber wenn Bücher so einfach Leben verändern könnten, dann hätten wir längst den Weltfrieden.

Zum Schluss nochmal danke, dass ihr bei eurer neuen Interview-Reihe an mich gedacht habt und ich teilnehmen durfte! Ich freue mich darauf, hier in Zukunft hoffentlich viele neue spannende Blogs zu entdecken 🙂

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5 Gedanken zu “@bout… Karo – Die Literaturwissenschaftlerin on air

  1. Ein schönes Interview, dank dem ich auf einen Blog gestoßen bin, den ich vorher noch gar nicht kannte. 🙂 Ich finde das Konzept der „Kürze“ interessant, da ich ja eher zu längeren Rezensionen neige. Ich kann mich da immer so schlecht bremsen. Und natürlich beneide ich dich, Karo, darum, dass du mit dem Rezensieren Geld verdienen kannst. Das wäre wohl auch mein Traum für die Zukunft. 🙂

  2. Danke, Buzzaldrin. Ich habe einfach großes Glück gehabt, dass ich damit meine Brötchen verdienen darf. Ich glaube, dass Kurzhalten ist eine Berufskrankheit: Redakteure und Journalisten haben eine seeehr kurze Aufmerksamkeitsspanne *grins* Aber dafür ist das Bloggen ja auch da: Das jeder seinen Freiraum hat, so viel zu schreiben wie er oder sie mag.

  3. Schön, dass wir euch mit Karo mal einen eher neuen Blog vorstellen durften, der noch nicht so bekannt ist. Ich wünsche Karo ganz viele neue Leser und Interessierte und vor allem einen aktiven, offenen, neugierigen Austausch. Diese Interview-Reihe macht richtig Spaß und ich hoffe auch, auf viele weitere spannende Blogs hinter denen spannende Menschen stecken – schönen Abend!

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