XV. Sonntag mit Proust

Die Diplomaten wissen, daß in der Waage, in der jenes europäische oder sonstige Gleichgewicht hergestellt wird, das man den Frieden nennt, gute Gefühle, schöne Reden und Beteuerungen äußerst wenig bedeuten und daß das eigentliche, entscheidende Gewicht bei anderen Dingen liegt, zum Beispiel in der Möglichkeit, die der Gegner, je nachdem er stark genug ist, hat oder nicht hat, auf dem Wege des Tausches einen Wunsch zu erfüllen. Diese Art von Wahrheiten, die ein so vollkommen selbstloses Wesen wie meine Großmutter nie begriffen hätte, war etwas, womit Monsieur de Norpois und der Fürst schon oft zu tun gehabt hatten. Als Geschäftsträger in Ländern, mit denen wir um ein Haar in kriegerische Verwicklungen geraten wären, hatte Monsieur de Norpois in seiner Sorge um die Entwicklung der Dinge genau gewußt, daß nicht die Wörter „Krieg“ oder „Frieden“ entscheidende Hinweise enthalten, sondern irgendein anderes, scheinbar ganz banales, das aber allen Schrecken oder Segen in sich birgt, das der Diplomat mit Hilfe seines Chiffresystems auf der Stelle enträtseln und auf das er, um die Würde Frankreichs zu wahren, durch ein anderes ebenso banales Wort antworten muß, unter dem aber der Minister des feindlichen Landes auf der Stelle die Lettern „Krieg“ erkennen würde.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

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