Raus mit euch! Richard Louv: „Das Prinzip Natur. Grünes Leben im digitalen Zeitalter“, Sachbuch (2012)

Wieviel Zeit verbringt ihr draußen? An der frischen Luft, unter freiem Himmel, vor allem aber: in der Natur?

Richard Louv, Journalist und Umweltaktivist aus den USA, plädiert in seinem Sachbuch „Das Prinzip Natur“ dafür, dass wir die Natur zurück in unser Leben holen. Dabei bezieht er sich sowohl auf den alltäglichen Kontakt mit der Natur, sei es durch Zimmerpflanzen, Gartenarbeit, Spaziergänge oder Outdoor-Sportarten, als auch auf gesamtgesellschaftliche Änderungen unseres Kontakts zur Natur. Zu letzterem führt er viele Beispiele aus, wie eine Gesellschaft wieder ursprünglicher leben kann – ohne die fortschrittliche Technologie zu verteufeln oder aus dem Leben zu verbannen.

Sein Ansatz beruht auf der These einer früheren Veröffentlichung von ihm („Das letzte Kind im Wald?“): Wir, besonders die Stadtmenschen, leiden an einem Natur-Defizit-Syndrom. Wenn man sich mal überlegt, wie viel Zeit am Tag (vor allem in den kalten Jahreszeiten!) man draußen verbringt, kann man seine These nachvollziehen. Wir sind zu postmodernen Höhlenmenschen geworden, die den Großteil ihrer Zeit innerhalb von geschlossenen Wänden verbringen. Und dann wundern wir uns, warum wir depressiv und unausgeglichen sind, übergewichtig werden und ständig das Gefühl haben, es fehle uns etwas. Der Autor meint und belegt dies anhand zahlreicher Untersuchungen, es ginge uns wesentlich besser, wenn wir wieder naturnäher lebten. Er schreibt vom sogenannten Vitamin N – dem Vitamin Natur, das uns fehle.

Mit mehr Vitamin N, so Louv, stellen wir unser natürliches Gleichgewicht für Körper und Geist wieder her. Dessen bedarf es umso mehr, „je mehr unser Leben von Hightech durchdringen wird“.
Und es geht uns nicht nur mental besser, wenn wir mehr frische Luft atmen, uns unter freiem Himmel bewegen, Sonnenlicht draußen tanken (und nicht im Solarium!), uns mit Bäumen, Sträuchern, Blumen und Tieren umgeben. Es fördere auch die Kreativität und sogar die Lernfähigkeit und Intelligenz, sowie das soziale Miteinander. Diese biophile Lebenshaltung verändere unser Leben zum Positiven – und ist für jeden leb – und leistbar.

Richard Louv entwirft in seinem Sachbuch „Das Prinzip Natur“ ein umfangreiches Bild eines besseren, grüneren Lebens und seiner Auswirkungen. In fünf Teilen schildert er, wie man grüneres Leben für sich, für die Familie und Nachbarschaft und auf der Arbeit oder als ökonomisch orientierte Firma verwirklichen kann. Denn es ist durchaus kein Widerspruch, ökonomisch und ökologisch orientiert zu arbeiten und zu leben, so Louv.

Seine anekdotenreichen Thesen finde ich sehr interessant zu lesen, selbst wenn das übermotiviert amerikanische Argumentieren für das Prinzip Natur manchmal auf die Nerven fällt. Auch die vielfachen Verweise auf bisherige Veröffentlichungen sind manchmal ein bißchen viel des Guten. Vieles hätte man sicher auch kürzer fassen können. Die wesentlichen Punkte fand ich in einer Ausgabe der „Psychologie Heute“ (Dez. 2012), die mich überhaupt erst auf das Buch aufmerksam gemacht hatte.

Nichts desto trotz ein empfehlenswertes Sachbuch mit vielen wertvollen Ideen für alle, die grüner leben wollen und sich für Nachhaltigkeit und Naturnähe interessieren und einsetzen.

Richard Louv „Das Prinzip Natur. Grünes Leben im digitalen Zeitalter“, aus dem Amerikanischen von Andreas Nohl, erschienen bei Beltz, 2012

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7 Gedanken zu “Raus mit euch! Richard Louv: „Das Prinzip Natur. Grünes Leben im digitalen Zeitalter“, Sachbuch (2012)

  1. Das vielbeschworene Zurück zur Natur meint aber hier auch nur eine kurzfristige Sache, in der wir in die gebändigte und von Kultur durchzogene Natur (bzw. Kulturlandschaft) hinausgehen? Also eigentlich nur, dass wir mal wieder die Städte und Häuser verlassen sollten? Oder geht geht er weiter und fordert tatsächlich, dass sich auch im Denken etwas ändern muss, dass der künstliche Gegensatz von Natur und Kultur und die Natur wahlweise als Gefährliches oder Romantisches negiert werden soll?

    1. Das kurzfristige Zurückkehren in die gebändigte (Stadt-) Natur ist bei Louv eher als Variante zu verstehen, wenn man zeitlich oder umgebungsbedingt nicht die Möglichkeit hat, komplett raus in die „wilde“, unberührte (sofern es diese noch gibt :)) Natur zu fahren oder zu gehen. Er will glaub ich verdeutlichen, dass man eben auch im Kleinen und im Alltag was machen kann, indem man gärtnert, Zimmerpflanzen oder grüne Wände in Innenräumen pflegt. Grundsätzlich ist es natürlich am besten und am heilsamsten bzw gesündesten, wenn man mehrere Tage in Ruhe und vollends in der Natur verbringt, also in einsamen Landschaften, beim Zelten, in Naturparks usw.
      Ich verstehe den Autor schon so, dass er ein Umdenken bei allen wünscht und fordert. Sei es im Sinne von Waldkindergärten, Tomatenzucht für Firmenangestellte oder zeitweise Erholungsurlaub in der „Wildnis“. Allerdings ist er nicht euphemisierend und betont, dass die Natur auch roh und gefährlich sein kann, bzw. dass in der Natur zu leben eben auch bedeutet, mit zB. lästigen Insekten zu leben. Er meint, dass Natur uns Ehrfurcht und Demut zu lehren im Stande ist, weil sie teils so gefährlich ist (er nimmt da als Bsp. ein Szene mit einem Bären, die er mit seinem Sohn in einem Naturpark erlebte).
      Laut Louv sollten Kultur und Natur keinen Widerspruch darstellen, sondern wieder mehr miteinander verbunden werden und langfristig zu einem besseren Leben führen.

      1. Also legt er offenbar einen sehr weiten Naturbegriff an, wenn er sogar das Gärtnern und Zimmerpflanzen darunter fässt. Denn das sind ja eigentlich Handlungen bzw. Objekte, die ganz besonders wenig mit einer Natur im Sinne von Ursprünglichkeit zu tun haben. Gerade hier ist ja zu sehen, dass der Mensch versucht, der Natur Herr zu werden. Aber kann man ja aber machen, keine Kritik. Dass er, wie du schreibst, die Dichotomie Natur – Kultur verneint, gefällt mir persönlich sehr. Trotz allem bleibt es ja dabei, dass auch bei ihm „Natur“ nur in dem Maße zugelassen wird, wie sie dem Menschen gerade angenehm ist, oder? Oder eben einfach als Bewusstmachung von Prozessen, die in die Natur eingreifen, wie z.B. Lebensmittelproduktion, Städtebau usw.?Ich werde wohl mal reinlesen. Danke für die Rezension!

      2. Ja, letztlich geht es vorrangig um die dem Menschen angenehme, angepasste Natur, auch wenn der Autor sich dagegen vielleicht sträuben würde 😉 Bin gespannt auf deinen Eindruck, wenn du mal reingelesen hast!

  2. Das klingt für mich so logisch und naheliegend, dass ich nicht weiß, ob ich ein Sachbuch brauche, dass mir meine eigenen Alltagserfahrungen als wissenschaftliche Erkenntnis bestätigt…gibt es den auch praktische Tipps oder Anregungen darin, liebe Laura, die dich überrascht haben oder die man für seinen eigenen Alltag ausprobieren kann?

    1. Ich sehe dieses Sachbuch vorwiegend als zusammenfassende Erinnerung daran, dass man insbesondere als Stadtmensch die Nähe zur Natur nicht vernachlässigen sollte. Gewissermaßen geht es dabei natürlich um vieles, was man sich ohnehin denkt oder was man unter Umständen sogar selbst schon lebt oder für selbstverständlich hält. Ich persönlich finde es immer gut, meine Ansichten auch noch mal (wissenschaftlich) bestätigt zu wissen, und sei es nur, das mich das Gelesene daran erinnert, noch öfter spazieren zu gehen oder neue Grünflächen zu suchen… Wenn man das nicht braucht, umso besser 😉
      Neu waren für mich vor allem Ideen, welche Büro- und Innenarchitektur oder firmeninternen Einbezug der Natur in die Arbeitswelt betreffen. Das sollte meiner Meinung nach viel mehr umgesetzt werden, aber wer geht schon zu seinen Vorgesetzten und sagt: „Wollen wir nicht mehr Pflanzen im Büro aufstellen? Oder in der gemeinsamen Pause den Mitarbeitern die Möglichkeit bieten, Gemüse zu ziehen?“ Ich fürchte, eine (zu) grüne Lebens- und Arbeitseinstellung wird nach wie vor belächelt und als unökonomisch angesehen. Oder nimmst du das anders wahr?
      Nicht zuletzt deshalb finde ich gut, wenn dann solche Sachbücher veröffentlicht werden um vielleicht ein Umdenken zu unterstützen…

      1. Pflanzen kosten vor allem Dingen Pflege, Zeit, Geld, Platz – und Firmen, die nicht gerade Kunden im Büro empfangen, sparen hier wider besseren Wissens. Das ist schon klar. Die Frage ist also, wer das Buch lesen sollte: Unternehmer, Politiker, Privatmenschen? Gegenüber Gremien ist es sicher wichtig, mit Fakten und Zahlen zu argumentieren. Ich persönlich verlasse mich da einfach auf mein eigenes Wohlbefinden. Und ich finde, Pflanzen werten Räume nicht nur optisch auf, sondern helfen tatsächlich mich „zu erden“. Leider habe ich selbst überhaupt keinen grünen Daumen – und eine kaputte Pflanze ist noch deprimierender als gar keine 🙂

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