Jeffrey Eugenides: „Die Liebeshandlung“ – Der viktorianische Roman der Moderne?

Vor über 10 Jahren entdeckte ich den US-amerikanischen Autor mit griechisch-irischen Wurzeln Jeffrey Eugenides als großartigen, sehr intelligenten Erzähler anspruchsvoller Unterhaltungsromane. Manche kennen Eugenides vermutlich von seinem ersten Roman „Die Selbstmord-Schwestern“, der von Sofia Coppola als The Virgin Suicides 1999 erfolgreich verfilmt wurde. Dieser war auch mein erster Roman des Autors, der die sehr originelle und tragische Geschichte von 4 Schwestern beschreibt, die alle im Teenager-Alter Selbstmord begehen und damit den schönen Schein der amerikanischen Vorstadt-Idylle durchbrechen. Noch großartiger aber als diesen Roman fand ich das 2002 erschienene „Middlesex“, wofür Eugenides den Pulitzer Preis erhielt – zurecht wie ich finde. Nun halte ich nicht besonders viel von Preisen und würde meine Lektüre auch nicht nach preisverdächtigen oder –trächtigen Autoren ausrichten, denn jeder Preis ist ja nur soviel Wert wie der subjektive Geschmack der jeweiligen Jury …

In „Middlesex“ zeigt Eugenides sein Talent für außergewöhnliche Charaktere und eine spannende, unterhaltsame, sensibel erzählte Geschichte, die sowohl fesselt, wie auch überrascht und nachdenklich macht. In diesem Roman verarbeitet Eugenides auch seine griechischen Wurzeln, denn es geht um ein griechisches Geschwister-Paar, dass 1922 nach Amerika auswandert und vor den Türken flieht. Das Pikante an dieser Konstellation ist allerdings, dass sie auf dem Schiff, mit dem sie übersetzen, heiraten und damit eine folgenschwere Entscheidung für die Zukunft ihrer Familie treffen. Denn im Eigentlichen geht es in dem Roman um das daraus entstandene Kind, einen Hermaphroditen, und das Tabu-Thema Inzest und Zweigeschlechtlichkeit sowie dessen Auswirkungen auf das Leben im biederen Amerika der 30er, 40er und 50er Jahre.

Beeindruckt von dieser Lektüre habe ich nun seit Jahren den nächsten Roman von Eugenides erwartet, der sich lange Zeit gelassen hat. 2011 folgte dann endlich „Die Liebeshandlung“.  Ich muss dazu leider sagen, dass er meine hohen Erwartungen an seinen dritten Roman nicht erfüllt hat. Wenn es sich auch hierbei wieder um eine sehr lesenswerte, kurzweilige und anspruchsvolle Lektüre handelt, die vom durchschnittlichen Leser einiges an theoretischem Wissen abverlangt. Das allein ist bei Eugenides nichts Neues, da er immer gründlich recherchiert, aus dem selbst Erlebtem schöpft und seine Geschichten auf realistischen Gegebenheiten beruhen und gesellschaftliche Tabus und Grenzthemen behandeln. Das Experiment, das er mit diesem Roman vorhatte, konnte mich nicht gänzlich überzeugen und das ist ein wenig schade.

Auf der Handlungsebene ist „Die Liebeshandlung“ ein klassisch angelegter Liebesroman mit fast Coming-of-Age-artigen Zügen und eine Art Dreiecksgeschichte. Kurz gesagt: Wir befinden uns in der amerikanischen Universitäts- und Collegewelt an der Ostküste der 80er Jahre mit den geisteswissenschaftlichen Top- und Szene-Themen Dekonstruktivismus und Semiotik. Die kluge Literaturstudentin Madeleine Hanna, leidenschaftliche Verehrerin viktorianischer Romane und der Autorinnen und Autoren des 19. Jhds. (Jane Austen, George Eliot oder die Schwestern Brontë) schreibt ihre Jeffrey Eugenides_Romane_Abschlussarbeit über den „Marriage-Plot“ in eben diesen Romanen. In einem Semiotik-Seminar lernt sie den manisch-depressiven Bob-Dylan-haften Leonard kennen und verstrickt sich in eine leidenschaftliche, intellektuelle und erotisch aufgeladene Beziehung, die ihren verkitschten und romantischen Liebesbegriff völlig auf den Kopf stellt – auch entgegen der Warnung ihrer Eltern. Wenn da nicht ihr guter Freund Mitchell (mit zufällig griechischen Wurzeln!) wäre, der sie während ihrer gesamten College-Zeit begleitete und immer für sie da war. Der sensible und religiös-spirituell interessierte Mitchell sieht in Madeleine seine Seelenverwandte und die Erfüllung all seiner Träume. Gleichzeitig ist sie für ihn die Unerreichbare, das unverständliche weibliche Wesen. Als er von ihrer Beziehung zu Leonard erfährt, wendet er sich auch als Freund von ihr ab, stürzt sich in einige belanglose Affären und beschließt nach dem Collegeabschluss mit seinem Freund Larry nach Europa und Indien zu reisen. Während Mitchell also auf dieser Reise nach Gott sucht und seine spirituelle Ader auslebt (auch um Madeleine zu vergessen), bis hin zu seiner Tätigkeit als freiwilliger Helfer im Armenhospiz von Mutter Theresa, zieht Madeleine mit Leonard nach Cape Cod, wo er am berühmten Pilgrim-Lake-Laboratorium naturwissenschaftlichen Studien nachgeht. Das eigentliche Konfliktpotenzial an dieser doch recht typischen Dreiecksgeschichte ist die Tatsache, dass Madeleine sich in ihrer leidenschaftlichen Liebe zum psychisch-kranken Leonard völlig selbst aufgibt und damit weit weg von der körperlichen und geistigen Partnerschaft ist, die ihr traditioneller viktorianischer Liebesbegriff ihr vorgibt. Auch Mitchell, an den sie zwischendurch immer mal denkt, jedoch nie als wirkliche Alternative wählt, erkennt erst sehr spät, dass er sich in seiner verklärten Idealvorstellung völlig verrannte und nie eine wirkliche Chance bei ihr hatte.

Trotz dieser recht typischen Dreieckskonstellation trägt die Handlung eine gewisse Spannung, denn bis zum Schluss besteht immer noch die Hoffnung, dass jeder der Drei sich für das Richtige entscheidet, worin auch immer dies bestehen mag … Das Interessante an diesem Roman ist jedoch, das Eugenides hier auf einer Meta-Ebene die literarische Umsetzung der Liebeshandlung im Roman betrachtet und den traditionellen Liebesbegriff des 19. Jahrhunderts mit den Mitteln der Semiotik dekonstruiert. Wir erleben also beim Lesen den Versuch und die Frage, ob die Struktur des typischen Liebesromans des 19. Jahrhunderts mit Dreiecksbeziehungen und unerwiderter oder unerfüllter Liebe auch im modernen Roman und unter modernen gesellschaftlichen Voraussetzung erzählerisch umgesetzt werden kann und ähnlich fasziniert. Ich halte diese Grundidee für sehr interessant, muss aber sagen, dass sie für mich nicht ganz aufgegangen ist. Leider vermag mich der typische Liebesroman des 19. Jahrhunderts wenig zu faszinieren, so dass ich auch Madeleines Leidenschaft für schwülstige viktorianische Lektüre nicht nachvollziehen kann und es mich eher stark gestört hat, dass sie als moderne aufgeklärte intelligente Frau einem solchen Ideal nachgeht, das ja im heutigen Alltag von vorn herein zum Scheitern verurteilt ist. Ihre innere Entwicklung, ihr Widerstreit und auch dieser Widerstreit von Mitchell, hat mich sehr genervt und gestört. Die Figur der Madeleine erscheint mir insgesamt als nicht sehr glaubwürdig und eher prüde-verlogen, da sie nicht zu dem steht, was ihr wirklich gefällt. Vor allem an den Stellen, wenn diese Vergeistigung und Theorie der Liebe ganz praktisch auf die sexuelle Komponente trifft und Eugenides dann ganz platt schreibt wie „seine Rute sie völlig ausfüllt“. An dieser Stelle trägt die plastische Umschreibung des sexuellen Aktes einfach nicht mehr die erotische Theorie und Komponente, die doch auch die Stärke des Romans ist und das hat mich sehr gestört. Doch denkt jetzt bitte nicht, dass Eugenides ein Erzähler äußert platter Sprache ist – keineswegs. Ich persönlich empfinde jedes mal ein Shades-of-Grey-Abwehr-Schütteln, wenn ich sexuelle Beschreibungen lese, die eine so intime und körperliche Sache wie Sex so platt und unkreativ beschreiben.

Wiedergefunden habe ich mich dann, wenn ich es auch nicht in den 80ern selbst erlebt habe, in der Beschreibung der Atmosphäre und der Gespräche in der geisteswissenschaftlichen universitären Seminar-Welt. Eugenides setzt beim Leser die Kenntnis dieser theoretischen Zusammenhänge voraus, wobei natürlich bestimmte Leser ausgeschlossen werden. Das kann ein Manko sein – mir hat dieser Theorie-Aspekt sehr gefallen. Denn ein weiteres Thema des Romans sind auch die Geisteswissenschaften, die Liebe zur Auseinandersetzung mit Texten und Begriffen und die Leidenschaft für Bücher. Hier wirkt Eugenides glaubwürdig, da er selbst an jenem College in den 80ern studierte, in dem sich seine Protagonisten bewegen. Man kann sozusagen den Geist der Dekonstruktivisten förmlich nachempfinden und es finden sich auch im Roman immer wieder Zitate aus einschlägigen Werken wie Roland Barthes‘ Theorie der Liebe in „Fragmente einer Sprache der Liebe“: „Die Erwartung attente/Warten Angstaufwallung, die durch das Warten auf das geliebte Wesen ausgelöst wird, nach Maßgabe kleiner Verzögerungen (Verabredungen, Telefonanrufe, Briefe, Heimkehrverzögerungen) … Ich liebe dich Je-t’aime/ Ich-liebe-dich … Die Figur bezieht sich nicht auf die Liebeserklärung, auf das Geständnis, sondern auf die wiederholte Äußerung des Liebesseufzers. Ist das erste Geständnis einmal abgelegt, besagt ein >>Ich liebe dich<< nichts mehr …“ (S. 109f.) Dieses Zitat macht große Lust, sich sofort mit diesem Text zu beschäftigen.

Fazit: Jeffrey Eugenides kann man auf eine erzählerische Ebene mit Jonathan Franzen stellen, der ihn im Übrigen sehr schätzt.

Ich kann ihn als Autor für anspruchsvolle, originelle und gut erzählte moderne Literatur nur empfehlen, halte ihn aber in „Middlesex“ für den stärkeren Erzähler als in „Die Liebeshandlung“, da wir es hier eine sehr traditionelle Romangestaltung haben, durchbrochen mit Elementen die auf die literaturtheoretische Meta-Ebene verweisen. „Middlesex“ entwickelt von Anbeginn schon eine sehr eigene faszinierende konfliktgeladene Geschichte, gut recherchiert, lebendig beschrieben und grandios erzählt, die mich einfach mehr interessiert hatte, weil sie stärkere Tabus berührt und auf sehr originelle und sensibel-vielschichtige Weise erzählt. Wer sich leidenschaftlich für den viktorianischen Roman interessiert, wird vermutlich begeistert sein, wie Eugenides dieses literarische Thema hier verarbeitet.

Um euch die erzählerische Kraft, sprachliche Vielseitigkeit und das psychologische Einfühlungsvermögen von Jeffrey Eugenides zu zeigen (der nicht nur über Ruten schreibt, die den weiblichen Körper ausfüllen ;), möchte ich mit einem Zitat über die Familienumstände des depressiven Leonard schließen:

Leonard dachte nicht über Madeleine, Phyllida oder Kilimnik nach. Auf dem Sofa liegend, dachte er an seine Eltern, zwei planetengroße Wesen, die seine gesamte Existenz umkreisten. Und weg war er, zurück in der ewig wiederkehrenden Vergangenheit. Wer in einem Haushalt aufwächst, in dem er nicht geliebt wird, weiß nicht, dass es dazu eine Alternative gibt. Wer bei emotional verkümmerten Eltern aufwächst, die eine unglückliche Ehe führen und dazu neigen, ihr Unglück über ihre Kinder kommen zu lassen, weiß nicht, dass sie das tun. Es ist einfach sein Leben. Wem ein Malheur passiert ist, als er vier war und ein großer Junge sein sollte, und wem später beim Abendessen ein Teller mit Kot hingestellt wird – wem befohlen wird, den leer zu essen, weil man Kot doch mag, oder, du musst das eigentlich mögen, sonst würden dir ja nicht so viele Malheurs passieren –, der weiß nicht, dass so etwas in den Häusern nebenan nicht vorkommt. Wer erleben muss, dass der Vater die Familie verlässt, und auf Nimmerwiedersehen verschwindet und die Mutter ihm, als er älter wird, grollte, weil er dasselbe Geschlecht hat wie der Vater, hat keinen, an den er sich wenden kann. In all diesen Fällen ist der Schaden angerichtet, bevor man überhaupt weiß, dass man Schaden genommen hat. Das Schlimmste daran ist, dass die Erinnerungen in der Form, wie man sie in einem Geheimfach in seinem Kopf aufbewahrt, indem man sie von Zeit zu Zeit hervorkramt und hin und her wendet, im Lauf der Jahre z so etwas wie teuren Besitztümern für einen werden. Sei sind der Schlüssel zum eigenen Elend, der Beweis dafür, dass das Leben ungerecht ist. Wer kein glückliches Kind ist, weiß nicht, dass er nicht glücklich ist, bis er älter wird. Und dann denkt man über nichts anderes mehr nach. (…) 

( S. 441)

Jeffrey Eugenides: Die Liebeshandlung, Rowohlt-Verlag Hamburg 2012

>> Interview mit Jeffrey Eugenides November 2011 in der Welt-Online

>> Wer eine gänzlich andere Bewertung des Romans lesen möchte, dem empfehle ich die Rezension auf dem Blog Das Lesen ist schön

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2 Gedanken zu “Jeffrey Eugenides: „Die Liebeshandlung“ – Der viktorianische Roman der Moderne?

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